Heute, liebe Kinder, erzähle ich Euch das Märchen von der beabsichtigten Unschärfe. Es lebten einst in einem fernen Land, zahlreiche Hobbyfotografen und machten das, was sie jeden Tag taten. Sie machten Aufnahmen mit geöffneter Blende und kurzen Verschlußzeiten. Doch eines Tages stolperte einer dieser munteren Gesellen über eine Nahlinse und schraubte sie voller Elan an sein Objektiv. Als er dann so durch das Gerät blickte, fuhr er vor Schreck zusammen und verstand die Welt nicht mehr. Plötzlich war alles um so viel größer und zudem konnte er sich verbiegen wie er wollte, egal wie sehr an seinem Autofokus-Knopf drückte, egal wie sehr er am Schärfering drehte, es wurde einfach nicht richtig scharf. Und da weinte der arme Fotograf bitterlich, weil ihn die Welt betrogen hatte. Doch siehe! Da flog eine Fee des Weges und sah seine Tränen. Berührt von dieser Trauer, zeigte sie dem Fotografen wie man die Blende benutzt und mit einem Mal konnte der kleine Fotograf sein Motiv scharf sehen. Ach wie freute er sich da.
So machte er munter Bilder und alle davon waren schön.

Das weckte den Neid der anderen und sie beschlossen den bösen Zauberer aufzusuchen, damit er etwas ersinne, was ihrem verhassten Feind Einhalt gebot. Der Zauberer las in seinen Büchern und sinnierte. Als er lange genug überlegt hatte, fand er die Lösung. Er rief einen bösen Geist herbei und nannte ihn Beugungsunschärfe. Dieser böse Name war nunmehr überall gefürchtet. Er gab den Feinden des kleinen Fotografen ein dickes Buch mit Regeln und Gesetzen mit auf den Weg, die sie um jeden Preis durchzusetzen hatten. Wer dies nicht tat, war des Todes. So kam die optimale Blende in die Welt.

Als dies der König hörte, packte ihn die Furcht. Deshalb sprach er zu seinem Volk: "Wer fortan keine digitale Kamera nutzt, handelt schändlich. Huldigt dem Chip und preiset seine Vorzüge. Wer anderes behauptet sei des Todes." So prach er.

Als nun die Fotografen ihren Feind trafen und ihn so fotografieren sahen, da liefen sie auf ihn zu und warfen ihm das Gesetzbuch vor die Füße. Sie drohten ihm, er würde sterben, wenn er sich nicht fügte. Die Welt, sei jetzt gereinigt von allem Übel. Sie nahmen ihm seine Linse weg, zerstörten seine Kamera und stellten ihn an den Pranger, als analogen Heiden.

Wenn nun heute ein Fotograf ein Makrobild macht, so wird er aus Angst vor dem Bösen Geist und dem Erlass des Königs niemals weit genug abblenden und deshalb sind so viele Makrobilder unscharf.
Die einzige Rettung für die Ehre der Fotografen ist es, zu behaupten, dies sei gewollt und pure Absicht. Und deshalb, liebe Kinder, sehen so viele Bilder, so unglaublich schrecklich aus.

Und die Moral von der Geschicht: Abblenden kann man, darf man aber nicht.