Der Weise vom Berg

Langsam zieht sich der Tag zurück und Dämmerung senkt sich über das Land. Immer mehr Lichter werden angezündet in den Häusern im Tal, wie Glühwürmchen sehen sie aus in der hereinbrechenden Dunkelheit. Eine Hütte steht auf dem Berg am Rande des Waldes. Einen wundervollen Blick auf das Tal hat der alte Mann, der in ihr wohnt. Er setzt sich im davoneilenden Licht des Tages vor seine Hütte, wie er es jeden Tag tut, holt seine Flöte aus der Tasche seiner Jacke und fängt an zu spielen. Er verabschiedet sich auf seine Weise von dem Tag und heißt die Nacht willkommen. Hinter ihm im Wald raschelt es im Gebüsch, der Herr des Waldes, ein Hirsch mit einem riesigen Geweih, tritt unter den Bäumen hervor. Stolz steht er unter dem aufgehenden Mond, sein Ruf eilt durch den Wald und jetzt verlassen die Tiere das schützende Dickicht und lassen sich im Halbkreis nieder, um dem Spiel des alten Mannes zuzuhören. Zart sind die ersten Töne der Flöte, sie fließen den Berg hinunter ins Tal. Ein weiser Mann ist er, immer hat er ein Kraut für die Krankheit des Körpers, ein tröstendes Wort bei Schmerzen der Herzen und Töne seiner Flöte für die Seele. Niemand weiß wie lange er schon auf dem Berg wohnt. Eltern, Großeltern und Urgroßeltern kannten ihn schon als sie Kinder waren. Viele meinen, er sei so alt wie der Berg. Die Menschen sagen, sein Flötenspiel lade die Nacht ein und er putze mit seinen Tönen den Mond und die Sterne blank. Für die Menschen im Tal sind diese Töne zwischen Tag und Nacht ein Geschenk an ihre Herzen, sie helfen ihnen in Leichtigkeit einzutreten in die Stille der Nacht und sich selbst. Der Wind trägt einen letzten Ton ins Tal. Der alte Mann steckt seine Flöte ein und schaut zu den Sternen. Still wird es in ihm. Leere kehrt ein in sein Bewusstsein. Immer tiefer geht er hinein in sein Herz. Da hört er sie,tief in seinem Inneren.Töne, sie kommen von den Sternen, dringen aus der Erde, steigen herab von den Gipfeln der Berge. Sie sind im Lied des Windes, dem Rauschen der Bäume und füllen ihn aus. Alles ist in ihm und er ist ein Teil von allem. Antworten sind es für die Menschen auf ihre Fragen. Mit seiner Liebe füllt er sie, bevor er sie weitergibt.
So sitzt er die ganze Nacht und erwartet den Morgen.

Siehe auch Wandel Nr.9