Inhalt
8 Ein Handkuss
9 Das Kleid
10 Verzaubert
11 Einssein
12 Der Fahrschein
13 Ungeschminkt
14 Der Joker


8
Ein Handkuss


Ein wundervoller Sommertag hat mich überredet meinen Hut zu nehmen, mich in die S-Bahn zu setzen und zum Wannsee zu fahren. Auf der anderen Seite in der S-Bahn sitzt ein, sei­nem Äußeren nach zu urteilen, obdachloser Mann und schläft. Es ist spannend zu beobachten, wie die Menschen auf sein Äu­ßeres reagieren. Er wird wach, greift in seine Jacke und holt eine Schnapsflasche heraus, aus der er einen Schluck nimmt. Er lächelt die Frau an, die ihm gegenüber sitzt und ich merke wie sie auf ihrem Sitz hin und her rutscht. Er fragt, ob Sie ein wenig Geld für eine Mittagsmahlzeit hätte. Er ist sehr höflich und meinem Gefühl nach auch nicht aufdringlich. Sie schüttelt den Kopf und er wendet sich an die Frau, die gerade zugestie­gen ist und neben ihm sitzt. Eisige Miene und das besagte Kopfschütteln. Dieser Mann hat eine Art die mir gefällt. Ich greife in mein Portemonnaie und reiche ihm Geld für ein Essen oder was auch immer rüber. Erfreut schaut er mich an, bedankt sich mit einem Lächeln und, es ist nicht zu glauben, küsst mir die Hand! Ich sehe das Erstaunen in den Gesichtern der Men­schen. Ich sehe bestimmt genauso aus. Ganz perplex steige ich aus. So etwas ist mir bis dahin noch nie und bis heute auch nicht wieder passiert. Aber bei dem Gedanken an diese Begegnung wird mir immer ganz warm im Herzen. Danke unbekannter Mann.




9
Das Kleid

Es ist ein warmer Sommertag und ich trällere so über den Kunstmarkt an der Straße des 17 Juni. Schön ist es, all die Dinge zu bestaunen, die da verkauft werden. Ein Stand mit In­dischen Kleidern, ist der nächste. Das interessiert mich nicht, ich trage keine langen Kleider. Plötzlich, wie vom Blitz getrof­fen bleibe ich stehen. Vor meiner Nase hängt ein langes, hell­grünes Kleid und versperrt mir den Weg. Das ist es, sagt eine Stimme in mir und so eine fröhliche Farbe. Völlig platt über meine eigenen Gedanken will ich weitergehen, aber meine Füße sind wie festgewachsen. „Sie können es hinten im Auto anprobieren“, sagt die junge Frau, welcher der Stand gehört. Ich komme mir vor, wie eine Marionette. Schon halte ich das Kleid in meiner Hand und meine Füße sind auf dem Weg zum Auto. Entsetzt schreit mein Ego auf, was soll denn der Quatsch, von wegen langem Kleid! Kommt überhaupt nicht in Frage, da kann man ja nicht meine Beine sehen, mein ganzer Stolz. Also, kurzes Kleid aus und langes an, auch ein Spiegel ist zur Stelle. Es ist eine ganz andere Frau, die mich da aus dem Spiegel anschaut. Ich spüre Leichtigkeit in mir aufsteigen und ein unglaubliches Wohlfüllgefühl ist in mir. Ich lasse es gleich an. Seitdem kaufe ich mir jedes Jahr immer dieses Kleid und noch ein anderes und Tanze damit durch den Sommer.



10
Verzaubert


Schnell laufe ich die Straße entlang und tauche ein in den Schatten der Bäume des Parks. Kühl ist es. Auf dem Weg tan­zen Lichtschatten, durch die Bewegung der Blätter. Es tut mir gut, aus der glutvollen Umarmung der Sonne in dieses Schat­tenreich einzutauchen. Langsam laufe ich unter alten Bäumen, vorbei an blühenden Büschen, die einen betörenden Duft aus­senden. Vorbei an Wiesen, auf denen Menschen ein Sonnen­bad nehmen und Kinder spielen und lachen. Vorbei an kleinen Wasserarmen die untereinander verbunden sind. Ich gehe über kleine Brücken und genieße, das Lied der Vögel in den Bäu­men und die Stimmen der Menschen auf meinem Weg. Eine seltsame Stimmung hüllt mich ein, wie ein unsichtbarer Man­tel. Sinnlichkeit, ist mein erster Gedanke, als ich versuche die­ser Wahrnehmung einen Namen zu geben. Auf einer kleinen leicht geschwungenen Brücke bleibe ich stehen und schaue dem fließen des Wassers zu. Unter mir, da wo die Sonne die Wasseroberfläche berührt, steht ein Schwarm großer Karpfen. Was für ein schönes Bild, die leichten Bewegungen dieser Fi­sche um auf der Stelle zu bleiben. Je länger ich ihnen zusehe umso Friedvoller wird es in mir. Langsam wandert mein Blick weiter auf der Wasseroberfläche. Rechts aus dem Schilf taucht ein Mann auf und schwimmt langsam dahin. Verstärkt wird dieses Gefühl von Sinnlichkeit durch den nackten Männerkör­per im Wasser. Ganz füllt dieses Gefühl mich und meine Um­gebung aus. Harmonisch fügt sich alles zu einem wundervollen Bild zusammen, Mensch und Natur im Einklang. Leiser wer­den die Stimmen um mich herum und ich fühle wie ich eins werde mit allem. Langsam tragen mich meine Füße ein Stück weiter zu einem Baum.Leicht geneigt steht er da. Ich lehne mich mit meinem Rücken dagegen.
Eine Bewegung auf der anderen Seite des Wassers fängt mei­nen Blick ein. In majestätischer Haltung steht da ein Reiher auf einem Bein und schaut mich an. Langsam wendet er seinen Kopf. Jetzt würde ich ihn nicht mehr erkennen, wenn ich nicht wüste, dass er da ist. Wie der Teil eines Baumes sieht er aus. Meinen Blick wandert weiter und wieder zurück zu diesem Verwandlungskünstler. Ich schließe meine Augen und genieße den Schatten der Blätter vom Wind bewegt auf meiner Haut. Ich höre die Stimmen von zwei Mädchen, eine Fee, schau mal eine Fee, höre ich die eine zur anderen sagen und weiß sie meint mich. Ich dachte immer so etwas gibt es nur in Märchen, sagt sie leise im vorüber gehen. Lange bleibe ich so an den Baum gelehnt. Mein Herz singt und ich weiß, so fühlt es sich an Natur und Mensch im Einklang.




11
Einsein

Ich sitze auf der Terrasse eines Cafés in Köpenick am Wasser und bestelle mir ein Kännchen Tee. Es ist ein warmer Spätsom­mertag, die Sonne streichelt mein Gesicht und spiegelt das Wasser. Am Ufer steht eine Weide. Leicht bewegen sich ihre Blätter im Wind. Der Tee ist wirklich köstlich. Ein Boot scheint auf dem See zu sein. Ich sehe, wie kleine Wellen die Oberflä­che bewegen. Mücken tanzen unter der Weide im Sonnenlicht. Langsam tauche ich ein in dieses Bild des Friedens und Stille kehrt ein in mein Herz. Ich fühle wie die Sonnenstrahlen das Wasser liebkosen, der Wind zärtlich die Zweige der Weide be­wegt und die Mücken voller Lebensfreude im Sonnenlicht ih­ren Reigen tanzen. Einen Herzschlag lang bin ich eins mit al­lem was ist. Ganz leise löst er sich auf, dieser Moment. Zurück bleiben ein Gefühl des Friedens und das Wissen um die Ver­gänglichkeit.







12
Der Fahrschein

Ich stehe auf dem Bahnsteig, warte auf meinem Zug und schaue mir die Menschen an. Eine Frau steht am Automaten und schaut ihren Fahrschein an, als sehe sie so was zum ersten Mal. Sie kommt auf mich zu und fragt mich nach dem Datum. Ich sage es Ihr und wieder schaut sie ungläubig auf den Zettel in ihrer Hand. Auch ihre Frage nach der Uhrzeit kann ich be­antworten, da die Uhr genau über uns hängt. Es ändert nichts an ihrem ungläubigen Blick, mit dem sie immer noch ihren Fahrschein anschaut. „Wissen Sie“, sagt sie; „Ich hatte gerade festgestellt, dass mein Geld nicht mehr für einen Fahrschein reicht. In diesem Moment legt mir jemand diesen vor die Nase.“ Ich sehe ihn mir an, er ist gültig für diesen Tag und noch für eine Stunde, sage ich. Das würde ihr reichen sagt sie, es währen nur vier Stationen. „Ja das reicht Schöne Grüße von einem Engel“, sage ich. Ganz erstaunt schaut sie mich an; „meinen Sie“, fragt sie? „Wie würden sie das nennen“, frage ich zurück? „Ich glaube Sie haben Recht“, sagt sie. „Danken Sie Ihm, er freut sich darüber“, empfehle ich ihr. Sie lächelt und nickt mit dem Kopf. Im gleichen Moment fahren unsere Bahnen ein.



13
Ungeschminkt

Ich öffne meine Augen und begrüße den neuen Tag mit einem Lächeln, bis mein Blick auf die Uhr fällt. „ Mist“, denke ich, „es ist 9.00 Uhr und um 10.00 Uhr bin ich im Tiergarten zum Frühstück verabredet mit Gabi.“ Also unter die Dusche, Anzie­hen und los. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass wir ankom­men wenn wir ankommen sollen. Also bitte ich darum zur rechten Zeit anzukommen. Fünfzehn Minuten nach Zehn, ich bastle schon an meiner Rede, wer ist nicht da, Gabi. Nach zehn Minuten kommt sie und erzählt mir, dass plötzlich ein Stau entstanden ist und sie mittendrin. Am Abend stehe ich vor mei­nem Spiegel im Bad, Wattepatts in der Hand zum abschmin­ken. Plötzlich wird mir eiskalt, bei dem Bild was ich da sehe; Frau ungeschminkt. Das ist vielleicht ein Gefühl, aber am schärfsten finde ich, dass ich es nicht gemerkt habe. Sogar wohl gefühlt habe ich mich. Früher wäre es mir spätestens an der Tür aufgefallen. Am nächsten Tag probierte ich es gleich noch mal. Das ist jetzt ein Jahr her und mir hat auch noch niemand auf die Schulter geklopft um mir hinter vorgehaltener Hand zu sagen, „hallo sie sind nicht geschminkt.“
Fazit: gestern habe ich auch die letzten Lippenstifte wegge­schmissen!



14
Der Joker

Gerade lese ich in einem Buch über Engel und dass es bei Ih­nen auch so genannte Joker gibt, die man rufen kann wenn man einen Spaßengel möchte. Das ist genau das richtige für mein Problem. Ich bin kein Frühaufsteher, aber morgen muss ich wirklich um 6.00 Uhr raus. Damit meine ich wirklich Auf­stehen und nicht nur Wecker aus und Decke über den Kopf. Also stelle ich den Wecker und bitte die Engel, mir morgen früh einen Joker zu schicken, der mir beim aufstehen hilft. Bin gespannt, wie sie das lösen! OK, Wecker klingelt und ich denke nicht daran aufzustehen, also Augen wieder zu. Plötzlich höre ich Flügelschlagen und neben meinem Kopf Gezwitscher. Ich öffne meine Augen und glaube erst, ich träume, sitzt doch da wirklich ein echter, richtiger Spatz neben meinem Kopf. Er schaut mich an und hält mir auf „voglisch“ ein Referat von we­gen Hintern hoch und raus aus den Federn, ein letztes Tschil­pe, dann fliegt er los und raus zum Balkon. Ich bin so verdutzt, dass ich aufstehe, um ihm nach zu sehen. So also funktioniert das mit dem Joker, denke ich und dabei fällt mir auf, dass ich auch aufgestanden bin.