
Als Padre Camillo am Strandpavillion vorbeiflanierte, fiel sein Blick auf die Turmuhr der Kirche Terrasanta, und zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass die Zeit, pünktlich zum Abendzug am Bahnhof zu sein, knapp werden würde. Noch am Nachmittag hatte er mit Pater Brown, dem irischen Aushilfsgeistlichen, gesprochen, der die kürzlich aus dem Frauengefängnis entlassene Antonella Leonetti in ihre Heimatstadt Bari begleiten sollte.
Die von der Signora so gehegte Madonnenstatue war auf Geheiß ihres Schwagers Mauro bereits abgebaut, sorgsam verpackt und auf den Weg in den Süden geschickt worden. Nun sollte sich auch die Witwe des unglücklich zu Tode gekommenen Eduardo auf die Reise in ihr neues Domizil machen. Aus dem kleinen Haus der Leonettis hatte Antonella lediglich ein paar Erinnerungsstücke geborgen und Padre Camillo eine Fotografie überlassen, die zwischen den Unterlagen aus Argentinien gesteckt hatte.
Sie zeigte zwei Nonnen unbekannter Herkunft, und der Pater versprach, sich beizeiten um den Zusammenhang zur immer noch weitgehend im Dunkel liegenden Familiengeschichte zu kümmern.

Der Bahnhof lag verlassen da, als Padre Camillo endlich dort eintraf. Leise fluchend verwünschte er seine schmerzenden Füße, die ihm ein schnelleres Eilen verwehrt hatten. Am Eingang zur Bahnhofsmission entdeckte er aber zu seiner freudigen Überraschung Schwester Carlotta von den Kanonissen in Ventimiglia, mit der er ohnehin ein Wort wegen des Nonnenwettbewerbs zu wechseln geplant hatte.
Schwester Carlotta stammte ursprünglich aus Dolcedo, lebte jedoch schon seit vielen Jahren in dem lebhaften Städtchen im Grenzbereich zwischen Frankreich und Italien. Der Fluss Roja spaltete den Ort in zwei Teile. Während der neuere Teil in der Ebene lag, breitete sich auf dem Hügel Cavo die mittelalterliche Altstadt aus, in deren Herzen die Burg der Kanonissen lag. Als junges Mädchen hatte Carlotta wohl mit dem Gedanken gespielt, dem Orden der „Barfüssigen Karmelitaner“ in Sanremo beizutreten, doch war sie immer ein wenig eigenwillig gewesen und konnte sich mit einem Dasein als Kanonisse eher anfreunden, da diese zwar ähnlich wie Nonnen lebten, jedoch kein Gelübde abzulegen hatten und mehr Freiheiten genossen. Diese Vorzüge tauschte sie schließlich gegen ein Leben in einem nach Eukalyptus duftenden Garten mit Panoramablick auf ganz Sanremo. Statt strikter Klausur war es ihr gestattet, sich zwischen den Stundengebeten frei zu bewegen. Dies ließ allerlei Raum für soziale und wohltätige Aufgaben, und dieses Leben erfüllte Schwester Carlotta zutiefst.
Kaum hatte Schwester Carlotta den Padre entdeckt, stürzte sie auch schon mit flatterndem Gewand auf ihn zu und verwickelte ihn in ein lebhaftes Gespräch betreffend der beiden jungen Damen, die Monsignore Confetti in ihre Obhut übergeben hatte. Sie seien am Mittag schon im Haus der Kanonissen eingetroffen, und am kommenden Markttag gedächte Schwester Carlotta, sich um den Kauf passender Kleidungsstücke zu kümmern.
Padre Camillo fühlte sich von so viel Tatendrang überfordert und empfahl sich mit Hinweis auf die anstehende Abendandacht. Er versprach jedoch, sich am Markttag auf der Promenade einzufinden, um der Schwester mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und enteilte umgehend Richtung der kleinen Kirche San Ampelio am Strand.

Fortsetzung: 18. Schlüpfer und Parmesan
Beginn der Geschichte: 1. Der Mantel der Madonna
Kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse (Folge 1 - 12): siehe hier
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A.Meise says:
Mona Lisa replies:
ja, der arme padre camillo hat zur zeit genug um die füße. vielleicht würde schon ein erfrischendes fußbad linderung verschaffen. ich hab da doch noch eine frau zur hand, die ihm ein paar kräuterwickel um die blasen an den zehen machen könnte. :-))
A.Meise replies:
Und wo sind nur die Zeiten der rituellen Fußwaschungen hin? Diese wären des leidenden Padre noch leidenderen Zehen gewiss ein wahrer Quell der Erquickung!
Pandarinepro replies:
Inkenpro replies:
Mona Lisa replies:
Mona Lisa edited this comment 15 months ago.
Pandarinepro replies:
Mona Lisa replies:
Inkenpro says:
Mona Lisa replies:
Inkenpro replies:
Mona Lisa replies:
gin_ablepro says:
Hildegard Rasch says:
Fand es auch nett deine Eintragung in meinem Blog, aber dort hinterlasse ich auch noch etwas was deinen Kommentar da betrifft
Mona Lisa replies:
schön, dass es dir gefällt.