Mona Lisa Published on September 3rd, 2008
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15. Gläserne Tränen

Wednesday September 3rd, 2008 at 02:43PM

Tante Azelia machte nicht viele Worte, doch sah sie ihrem Neffen an, dass er sich mit schweren Gedanken trug. Gleich nach der überraschenden Ankunft des Monsignore begann die alte Frau, geschäftig in der kleinen Küche zu werkeln, und alsbald dampfte auf dem Herd das Wasser, in das sie eine ansehnliche Menge hausgemachter Ravioli warf. Von einem der Pflanztöpfe am Fenster zupfte sie frische Salbeiblätter, und als der Duft der ausgelassenen Butter sich mit Teigwaren und Kräutern mischte, fühlte sich Monsignore Confetti schon leichter, griff sogar selbst zur Reibe und dem Parmesanstück, das wie immer an seinem Platz lag.

Es wurde ein schweigsames Mahl, doch das einfache, für Ligurien so typische Essen mundete vorzüglich, und der Geistliche wunderte sich einmal mehr darüber, dass diese Köstlichkeit dereinst wohl aus der Notwendigkeit geboren wurde, Speisereste sinnvoll zu verwerten. Ein Arme-Leute-Essen war das für ihn wahrlich nicht.

Da Monsignore Confetti noch nicht die rechten Worte dafür gefunden hatte, dass er erneut in Schwierigkeiten steckte, beschloss er, zunächst nach seinem alten Freund Pietro zu suchen, um mit ihm zu reden. So manchen Schabernack hatten die Beiden in ihrer Kindheit ausgeheckt, wobei ihre Untaten in der Sache mit der Madonna gipfelten, was schließlich dazu geführt hatte, dass der Monsignore auf ein römisches Internat geschickt wurde, wofür sich der Ortsgeistliche wider Erwarten eingesetzt hatte.


Der Gang durch die Carrugi, die engen Gassen der Altstadt, erwies sich als entspannend. Der Monsignore hing seinen Gedanken nach und kam innerlich zur Ruhe. Die Piazzia delle Confrarie lag im Licht der sich neigenden Sonne, als sie der Monsignore gemächlichen Schrittes überquerte. Vor einer Trattoria saßen mehrere Männer um kleine runde Tische. Sie tranken Vermentino, sprachen den bereitgestellten Appetithäppchen zu und diskutierten heftig gestikulierend die Fußballergebnisse vom Vorabend.

Aus der Pfarrkirche Giacomo e Filippo drang leise Orgelmusik, gedämpft durch die schweren Türen. Der Monsignore hielt einen Moment inne, trat aber dann doch näher und beschloss, der Madonna einen Besuch abzustatten. Die Statue Mariens, die in der Hand das Herz zum Zeichen der unbefleckten Reinheit hielt, war von Kind an etwas Besonderes für den Gottesmann gewesen. Er liebte den Blick der stahlblauen Augen, auch wenn er wusste, dass sie nur aus schillerndem Glas bestanden. Oft hatte er mit seinem Freund Pietro nahe des Marienaltars gesessen und gehofft, dass sich das Wunder der „Madonna Miracolosa“ für sie wiederholen würde. Schon zweimal hatte sie die Augen bewegt, was viele vernommene Zeugen damals bestätigten.

Doch so sehr die beiden Jungen auch warteten, nichts geschah. Allerdings waren sie eines Tages bei einem ihrer Besuche in der Kirche auf ein sonderbares Phänomen gestoßen. Wenn man um die späte Nachmittagsstunde kurz nach dem Glockenschlag hinter dem Beichtstuhl stehend mit einer Glasscherbe das Licht einfing, welches durch das Seitenfenster fiel, so brachte der Lichtreflex das linke Auge der Madonna zum Aufleuchten. Noch ehe die Burschen weiter darüber nachdachten, hatte die Sache schon seine Eigengesetzlichkeit entwickelt, als Signora Amaldi, die Witwe eines höheren Beamten, das Lichtspiel für eine neuerliche Augenbewegung hielt und kreischend neben die Kerzenbank sank. Auf Knien dankte sie der Madonna für die erwiesene Gnade, und die beiden Erzeuger des „Wunders“ waren zu überwältigt von dem Schauspiel, als dass sie für eine rasche Aufklärung des Vorgangs gesorgt hätten. Erst bei der nächsten Beichte offenbarte sich der wahre Sachverhalt, und der Prelato Ginnasi sprach mit Tante Azelia über ein Stipendium, das minderbemittelten, aber geistig regen Knaben eine Ausbildung zum Geistlichen ermöglichen würde.

Monsignore Confetti bedauerte, dass er nicht daran gedacht hatte, eine Rose für die Madonna zu besorgen, aber die besondere mystische Rose, eine einzigartige, seltene Sorte, die man zur 150-Jahrfeier des Madonnenwunders gezüchtet hatte, hätte er ohnehin nicht auftreiben können. So zündete er lediglich eine Kerze an, sprach ein Gebet und verließ mit einem Lächeln die Wallfahrtsstätte.

Die Sonne war fast hinter den Häusern der Stadt verschwunden, als er die Seitenstraße erreichte, in der Pietro mit seiner kleinen Familie lebte.

Ein Wunderwerk der Kabeltechnik
Ein Wunderwerk der Kabeltechni…

Fortsetzung: 16. Wandle immerdar auf Rosen

Beginn der Geschichte: 1. Der Mantel der Madonna

Kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse (Folge 1 - 12): siehe hier

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25 Comments / add your comment?

Fabio Keiner says:
dieser geistliche gehört hoffentlich net zu den berüchtigten ministrantenschändern a la weihbischof krenn (der satan habe ihn selig, cazzo di dio!:)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
nein, da kannst du ganz unbesorgt sein. so was kommt in meinen geschichten nicht vor. er kümmert sich lediglich um das seelenheil gefallener mädchen ... in aller unschuld, versteht sich. allerdings hat er gerade ein problem. den wettbewerb mit wahl zur "nonne des jahres" finden nicht alle gleichermaßen sittsam. :-))
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
es soll jetzt sogar die 'schönste nonne' gewählt werden!! nicht die frömmste, sondern die schönste... da hat sicher herr urian, der alte satan, seine hand im spiel!
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
nein, nicht der satan, sondern ein gewisser padre antonio rungi aus neapel. aber der ist noch nicht dran. :-))
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
satan versucht uns in vielen gestalten... ganz besonders aber hat der pater rungi unter seinen höllischen anfechtungen zu leiden!
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro says:
Hach, so ein Arme-Leute-Essen haette ich jetzt auch sehr gerne vor mir zu stehen ...
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich hab jeden tag ravioli gegessen, als wir dort in urlaub waren. :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
Und keiner glaubt, wie viele verschiedene Arten es davon gibt ...
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich hab im netz gelesen, dass sie das gericht wohl im mittelalter erfunden haben, um die speisereste zu verwerten. das wort "ravioli" kommt von dem genueser dialektwort "rabioli" für "reste". ... und wenn man sich mal überlegt, was da an kleingehacktem zeug als füllung verwendung findet, dann macht das sinn.

ich habe vorzugsweise gemüse-ravioli in salbeibutter gegessen ... aber auch die raviolis in tomatensauce, die es in der strandbar immer gab, waren köstlich. ... hm, mal nach einem bild suchen. :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
Meine Ex-Schwiegermutter hat immer ganz leckere Ravioli gemacht, auch in Salbei-Butter, und mit viel Kaese ...
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ja, ohne parmesan geht da gar nix! :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa says:
Mahlzeit!

Ravioli

:-))
Posted 15 months ago. ( permalink )
A.Meise replies:
Dabei fällt mir ein: ich muss mir dringend mal einen Ravioli-Former besorgen ...
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
wir haben so was bei der nudelmaschine. mein mann macht die nämlich selbst. :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Inkenpro says:
Fertich mit Lesen.. nun warte ich gespannt :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich hab aber heute keine zeit mehr für eine fortsetzung. ... und überhaupt muss ich erst denken. :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
rabo heisst auf spanisch schwanz (aber nur bei tieren, hunden, eseln, etc.:))... sodass es wahrscheinlich die kleingehackten, faschierten, esels- und hundeschwänze waren, die die genueser in ihre rav(b)ioli taten, auf anraten spanisch-katalischer handelspartner, wie denn deutsche kreuzfahrer am besten&billigsten abzufüttern wären :)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
das glaube ich zwar eher nicht, aber deine theorien entbehren mal wieder stellenweise nicht der komik. :-))

... und deine spitzen versteh ich sehr wohl ... so kurz vor der nächsten kreuzfahrt.
sag mal, was ist eigentlich aus dem berühmten wiener charme geworden? sagte ich nicht schon mal, dass du den charme eines reißenden wolfes besitzt? :-))
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
heute werden alledings nur garantiert gen-manipulierte rattenschwänze in die ravioli gesteckt und den touristen, mit dem berühmten gammel-schimmel-parmesan bestreut, serviert
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
kein wunder, dass du dürr wie gespenst bist, wenn du solchen blödsinn glaubst!! ... dir entgeht bei deiner panischen angst vor verseuchten lebensmitteln übrigens so mancher genuss. :-))
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
dafür hab ich andere, himmlischere genüsse, wie der arme pater confetti (padre confesor heisst beichtvater auf spanisch:)) sie auch in diesen verwinkelten gassen gefunden haben mag!
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
so ging er eines abends so vor sich hin, über st. pauli brief an die galater meditierend... als ihm unter einem dieser torbögen im halbdunkel eine satanisch-überirdische erscheinung erschreckte: ein splitterfasernacktes höllisches weibsbild, nicht unähnlich der scharlachenen hure aus daniels phrophetischen gesichten!
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
:-))) ... mein lieber fabio, du hast schon den armen avvocato parigi zum legastheniker gemacht, seine mitarbeiterin, die flanellgraue signora bertolli, zur verschmähten geliebten und potentiellen giftmischerin ... mal abgesehen von anderen feinheiten. jetzt versuche doch nicht den armen monsignore confetti. er ist noch ein halbes kind:

In geheimer Mission

und hat im moment genug um die ohren.

deine bibelkenntnisse überraschen mich hingegen nicht wirklich, obwohl ich dich im grunde für einen gottlosen sünder halte. aber du weißt eben immer ein bisschen mehr. :-)
Posted 15 months ago. ( permalink / translate )
Hildegard Rasch says:
die Kommentare zu lesen ist fast ebenso intressant wie die originelle Geschichte von Mona Lisa,
ich stoebrere gerne in den blogs, warte also auf die Fortsetzungen...
Posted 14 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich komme gar nicht dazu weiterzuschreiben, aber den festen plan hab ich. :-)
Posted 14 months ago. ( permalink / translate )

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