Mona Lisa Published on July 11, 2008
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Eine wundersame Erscheinung

Friday July 11, 2008 at 04:12PM

The Garden Fairy

Eugen war sich nicht sicher, ob er wachte oder träumte, als er auf dem Boden der katholischen Bücherei zu sich kam. Noch immer lag er gebeugt über das vor ihm liegende Buch, das er im Halbdunkel nur schemenhaft wahrnahm. Durch die vorhanglosen Sprossenfenster fiel sanft das Mondlicht und kitzelte ihn am Ohr. Die Kirchturmuhr schlug Mitternacht, so laut und unerbittlich, wie der Hartbrandwichtel es von seinem Stammplatz am fernen Teich aus nie gehört hatte.

In Eugens Kopf drehte sich ein wirres Gemisch aus dem, was er im Buch über die Abenteuer des Wichtels Leopold gelesen und dem, was er seit der überstürzten Flucht aus dem Garten erlebt hatte. Eugen musste sich sammeln. Doch ehe noch die Glockenschläge ganz verklungen waren, gewahrte er in der Ecke des Zimmers ein Wesen von anmutiger Schönheit. Erstaunt musterte der Wichtel die Gestalt und kam zu dem Schluss, dass es sich nur um die Gartenfee handeln könne. Zwar munkelte man stets von der Existenz einer solchen, aber niemals hätte der Zwerg auch nur zu denken gewagt, dass er sie jemals leibhaftig vor sich sehen würde. Vor Aufregung verschlug es ihm die Sprache, und sein tönernes Herz rutschte tief in die Latzhose. Nur keine ungeschickte Bewegung machen, nur nichts Falsches sagen, denn auf keinen Fall wollte er die gute Fee verscheuchen. Schließlich erzählte man sich in Hartbrandwichtelkreisen, dass nur sie in der Lage sei, den Wichteln eine rote Mütze zu verschaffen, und das war schließlich neben der gewonnenen Freiheit Eugens größter Wunsch.

„Kennst du mich?“, erklang nach einer Weile eine liebliche Stimme. „Du bist die Gartenfee … und ich wünsche mir eine rote Mütze!“, brach es wie ein Stoßgebet aus dem Wichtel heraus. Das glockenhelle Lachen der Fee erschreckte Eugen. Hatte er einen entscheidenden Fehler gemacht? Waren damit all seine Hoffnungen zunichte? „Langsam“, erwiderte die Fee, „so schnell geht es nicht mal im Märchen. Was ist mit den Aufgaben, die du für deinen Preis zu erfüllen gedenkst?“ „Oh, die Aufgaben“, stieß Eugen eilfertig hervor. „Was muss ich tun? Ich bin bereit, bis ans Ende der Welt zu gehen und für meine rote Mütze zu kämpfen.“ Die Gartenfee lächelte mild, trat näher an den zu allem entschlossenen Zwerg heran und sprach:

„Ich habe dich beobachtet, als du mutig aus dem Garten geflohen bist. In deiner Brust schlägt ein tapferes Herz, und dein Wunsch nach Freiheit spricht für eine edle Gesinnung. Doch viele gingen deinen Weg, erlangten die rote Mütze und konnten dennoch auf Dauer nicht der Versuchung widerstehen, die ein geruhsames Leben in einem sicheren Garten bietet. Sie blieben auf der Strecke, kehrten zurück an die Wichtelstandplätze in Gärten, an Teichen und in den Rabatten der Vorstadtsiedlungen. Das Gesetz aber will es, dass sie damit auf immer zu totem Hartbrand werden, in dem sich nie mehr ein hehres Gefühl regt.“

Das Zauberwesen schwieg und betrachtete den Wichtel eingehend. „Aber was ist mit Leopold?“, wagte der eingeschüchterte Eugen zu fragen. „Leopold“, und die Gartenfee wurde nachgerade andächtig, als sie diesen Namen aussprach, „Leopold war ein besonderer Wichtel. Niemand war wie er, niemand so mutig, niemand so gescheit, niemand hat sich so sehr für die Rechte der Wichtel eingesetzt. … Aber es gibt ihn nicht mehr, und noch keiner konnte es ihm gleich tun.“

Da sprang Eugen auf und rief so laut, dass es in der nachtstillen Bücherstube von den Wänden hallte: „Nur herbei mit den Aufgaben! Was verlangst du?“

„Drei Tage lang sollst du nachdenken und es dir reiflich überlegen. Dann will ich kommen und dich fragen, ob du bereit bist, das Abenteuer zu wagen“, war die Antwort der Gartenfee, die damit verschwand und den verdutzten Eugen allein in der Nacht zurückließ.

So blieb Eugen denn nichts Anderes zu tun, als weiter über Leopold zu lesen, der von nun an sein großes Vorbild war.

 

weiter: Von nackten Wichteln und ihrer Ehrenrettung

Beginn der Geschichte:

Ein Hartbrandwichtel geht seinen Weg

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23 Comments / add your comment?

Pandarinepro says:
Jetzt bin ich gespannt - lass uns bitte nicht zu lange auf die Fortsetzung warten!!!
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ja, ja ... wird schon. :-)
Posted 17 months ago. ( permalink )
Rasch2000pro says:
Eine nicht zu schwierige Aufgabe, welche Eugen ohne Zweifel bewältigen würde, lautete:

Telefonieren ohne Münzen
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
LOL, aber Eugen hat doch eine - nur keine ROTE! :-D
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
es gibt da auch so schöne kurse wie:

"Backen ohne Fett" oder mein liebster:
"Nichtschwimmer in 14 Tagen"
:-))
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Inkenpro says:
Die Gartenfee ist fiese... erst locken und dann für 3 Tage verschwinden! Das erinnert mich an meine Mutter, die mit dem Vorlesen immer dann aufhörte, wenn es am Spannensten war.

Oder an manche Autoren...
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
das hat sie sich bei "1001 nacht" abgeguckt. da war diese technik sogar überlebenswichtig. :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Inkenpro replies:
Hier könnte sie tödlich sein :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Curlgirl says:
wunderbare Fortsetzung, klasse geschrieben, bin ganz begeistert und gespannt wie es weitergeht....
ein tolles Märchen schreibst du da!!!
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
aber es hakt. ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll. ich denke und denke, aber es kommt nichts sinnvolles dabei heraus. ich möchte fast abbrechen und was anderes machen ... aber da muss ich wohl durch. :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Inkenpro replies:
Muss ich drohen?
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
nein, nein,bloß nicht! :-))
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
gin_ablepro says:
ich bin gespannt wie ein flitzebogen..............
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Paprikaplains says:
Eugen, der Arme... welche Prüfungen er wohl noch durchzustehen hat? Ich bin gespannt :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Diedjepro says:
Ideenmangel? Vielleicht mehrere Handlungsstränge einführen. Bin gespannt wie es weiter geht.
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
na ja, es geht grad weiter ... und auf "mehrere Handlungsstränge" bin ich notgedrungen auch schon gekommen.

ich schreibe lieber einzelgeschichten ... und nicht so was märchenhaftes. aber was soll's. jetzt hab ich einmal damit angefangen. :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Anne Seltmannpro says:
Und du mußt durch :-))

Aufgeregt wie ein kleines Mädchen stürze ich jetzt zur nächsten Folge....
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Michael B.pro says:
>> Eugen war sich nicht sicher, ob er wachte oder träumte, als er auf dem Boden der katholischen Bücherei zu sich kam. <<

Das kann man so gut nachvollziehen ;-)
Echt klasse, die Geschichte, aber ich muss jetzt weiterlesen...
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
*prust*

Jetzt muss ich meinen Monitor putzen!!!
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich war da gerade noch und hab ein paar reiseführer zurückgegeben ... und auf dem boden lag tatsächlich keiner. irgendwie macht man dort so was nicht. bei uns liegen sie immer auf den kirchentreppen. ... bis die stadtwächter kommen. :-))
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Inkenpro replies:
Ihr habt eine katholische Bücherei? Und da kann man Reiseführer ausleihen? Sachen gibt es.....
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
Na freilich doch: Rom, Vatikanstadt ...
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
es ist eine ganz normale öffentliche bücherei, nur, dass sie eben unter trägerschaft der kirche steht. :-)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )

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