Das kleine Schaf berichtete von seinem Leben mit Paul, von all den wichtigen Ereignissen, an denen es teilhaben durfte, und als es Abend wurde, erzählte es dem Bären jede Gute-Nacht-Geschichte, die es kannte. Der Bär lauschte zufrieden und wurde des Zuhörens nicht müde. Doch schließlich meinte das Häwwelschäfchen: „Kennst du nicht auch eine Geschichte?“ „Schon“, erwiderte der Bär, „allerdings keine aus Büchern. Meine Jule wollte immer nur Geschichten, die ihre Mutter erfunden hatte. Am liebsten mochte ich die ‚Himbeerdrop-Prinzessin’. Die ging so:

Hoch oben im Himmel liegt, wie jeder weiß, das Weihnachtsland. Dort gibt es alle erdenklichen Herrlichkeiten, und die süßesten Sachen findet man in einem weitläufigen Garten, der noch hinter der Weihnachtsbaumwiese liegt. Die Oberaufsicht über die Bonbonkulturen hatte ein nichtsnutziger Engel, der eigentlich lieber im himmlischen Chor gesungen hätte, und daher den lieben langen Tag nichts anderes tat, als zu jubilieren und sein Halleluja zu schmettern, dass die Bonbons an den Ästen sauer wurden.

Mit der Zeit verwahrloste der Garten. Jeder machte, was er wollte, und die Erträge gingen so bedenklich stark zurück, dass bereits nach Karneval die Bestände nahezu aufgebraucht waren. Nur mit Plündern der Notlager würde die Ostersaison zu bewältigen sein, und an die nächste Weihnachtssaison mochte niemand auch nur denken.

Schließlich fühlten ein paar der großen Zuckerstangen sich berufen, die Sache in die Hand zu nehmen. Sie trommelten die Bewohner des Zuckerbäckerlandes zusammen, und an einem sonnigen Vorfrühlingstag traf man sich unter dem großen Lakritzbaum, um über das weitere Schicksal zu beraten.

Niemand wusste nachher mehr, wer den Vorschlag gemacht hatte, die Führung des Landes in einem Tanzwettbewerb auszuhandeln, aber das erschien allen als die gerechteste Lösung.

Eine Woche später war dann der große Tag. Rund um den Zuckerwassersee füllten sich die Reihen, und jeder trug das Seine zum Gelingen der Veranstaltung bei, sei es zur Dekoration oder auch zur musikalischen Gestaltung, die hauptsächlich von einer Gruppe Zuckerpfeifen übernommen wurde.

Eröffnet wurde der Wettbewerb mit einer Rock’n-Roll-Darbietung der Liebesperlen, gefolgt von einer Bauchtanznummer der gefüllten Lakritzstangen, die ihr jähes Ende fand, als eine der Stangen in Folge der starken Biegungen an der Seite aufplatzte.

Kam der Spitzentanz der Salinos auch wegen seiner Schwerfälligkeit nicht so gut an wie die frische Reggae-Interpretation der Tropic-Fruits-Gruppe, so lobten doch alle die Vielfalt des Programms, und lediglich der Schuhplattler der Kräuterbonbons wurde von einigen Buhrufen begleitet. Der spritzige Auftritt der Brausebonbons entschädigte jedoch das Publikum für die erlittene Augenschmach. Kühl, doch sehr elegant kamen die Pfefferminztaler mit ihrem Tanz zu „Cold as Ice“ rüber, klarer Favorit der Bonbonmassen blieb aber der scharfe Fisherman’s Friend mit seinem Seemanns-Rap.

Der Tag neigte sich schon, und die untergehende Sonne tauchte die spiegelglatte Oberfläche des Zuckersees in mildes Orange, als sich die letzte Kanditatin für den Auftritt bereit machte. Leise klangen die Töne der Zuckerpfeifen, als das Himbeerdropmädchen sein Kleid aufbauschte und zunächst zaghaft, dann immer schneller kreiselnd über die Fläche des Sees glitt. Den Zuschauern stockte der Atem ob der Zierlichkeit der Bewegungen, und die wunderbare Lichtstimmung, die sich aus den Drehungen und den Spiegelungen im Körper der Tänzerin ergab, hielt alle gefangen. Die Spannung entlud sich schließlich in einen donnernden Schlussapplaus für die unangefochtene Siegerin.

So wurde aus einem Himbeerdrop die Prinzessin des Zuckerbäckerlandes, und wenn sie nicht gestorben ist, dann hält sie noch heute mit zarter Hand die Geschicke des Landes zusammen.

„Ach“, seufzte das Häwwelschäfchen, „ich mag Himbeerdrops“. „Ich auch“, flüsterte der kleine Bär. „Aber nun lass uns schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.“



~~~ Fortsetzung folgt ~~~