Mona Lisa Published on August 26, 2007
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Spuren der Vergangenheit

Sunday August 26, 2007 at 08:47AM

Tagebuch

Mit Spannung verfolge ich zur Zeit Raschs "Erlebte Geschichte(n)". Ich kenne sonst niemanden, der mir von seiner Flucht in den Westen erzählen könnte. Gedanken habe ich mir vorher auch nie darüber gemacht. Gut, man sah schon mal Filme im Fernsehen und dachte „Ach …“, mehr eigentlich nicht.

Aber jetzt ist es anders. Es beschäftigt mich … und mir fiel auch das Kriegstagebuch meines Vaters wieder ein. Als ich es damals fand, war ich geschockt und habe geweint … geweint um seine verlorene Jugend und wegen der Folgen für ihn. Es wurde nie darüber gesprochen, aber ich denke heute noch, dass er doch nachts davon geträumt haben muss … noch später, als alles längst vorbei war. Seine Aufzeichnungen zu lesen war anders, als im Fernsehen einen Bericht über den Krieg zu sehen … und es war anders als „So weit die Füße tragen“. Als Kind habe ich an der Wohnzimmertür gestanden, und wenn es zu schlimm wurde, bin ich rausgerannt. Nun saß ich vor dem, was mein Vater aufgeschrieben hatte, und ich wollte gar nicht weglaufen … aber es waren keine Schauspieler, sondern mein Vater war der Betroffene.


Vaters Tagebuch ist mehr ein Gedächtnisprotokoll, jedenfalls kommt es mir so vor, denn Tinte und Schrift sind gleichmäßig. Er gibt auch an, dass es am 13.März 1943 auf dem Wachkommando 758 in Niederbrombach (Nahe) geschrieben sei. Andererseits sind die Schilderungen so lebendig und detailliert mit Daten, Orten, Namen … und immer wieder Kilometerangaben, dass ich mir vorstellen könnte, dass es eine Reinschrift früherer Aufzeichnungen ist, in sauberer Druckschrift.

Im letzten Eintrag (Seite 61) gibt er an, dass er vom 28. Januar bis 13. Februar (1943) zum Jahresurlaub „in die Heimat“ gefahren sei. … und dann folgt etwas Seltsames. Die nächsten Seiten fehlen … alle zusammen herausgeschnitten wie mit einem scharfen Messer … erst mit Seite 137 geht es weiter, und ich sehe dort Abdrücke der Handschrift meines Vaters, nicht vom Füller wie zuvor, sondern ein Durchdruck wie er nur vom Bleistift oder Kugelschreiber entsteht. Die vorderen Seiten waren mit einem braunen Papierstreifen versiegelt, auf dem steht „geschlossen 26.5.49“.

Ich weiß nicht, was geschehen ist … und ich kann ihn auch nicht mehr danach fragen. Mein Vater starb 1993.

Die Aufzeichnungen im Tagebuch meines Vaters beginnen mit einer Art Lebenslauf:


„Am 19. Februar 1920 zu H... geboren.
Besuchte vom 6. bis 14. Lebensjahr die Volksschule zu H....
Machte vom 14. bis 15. Lebensjahr das Landjahr bei Johann M… in K....
Entschloss mich ab 1936 das Maler- und Anstreicherhandwerk zu lernen.
Lernte nun diesen Beruf und war in demselben bis Mai 1940 tätig, bei Malerm. Johann H…. in N... .“


Mein Vater war eines von acht Kindern eines ehrwürdigen Schreinermeisters. Drei der vier Brüder wurden Schreiner. Mein Vater als zweitältester Sohn entschied sich wohl für einen eigenen Weg. Er konnte ja nicht wissen, dass sein älterer Bruder im Krieg fallen und somit der Weg zur Übernahme des Betriebs offen werden würde. Vielleicht war es aber auch Berufung, denn mein Vater war sehr kreativ, malte später auch viele Bilder.

Meine Mutter muss er schon früh getroffen haben, denn ihr Elternhaus lag gegenüber des Hauses, in dem der Malermeister wohnte, bei dem mein Vater 1936 seine Lehre begann.

Erinnerung an meine Schulzeit 1936
Erinnerung an meine Schulzeit…

Fortsetzung: Spuren der Vergangenheit 2

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Michael B.pro says:
an der Nahe... das ist ja ganz hier in der Nähe...
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich weiß nicht wie lange er dort war, warum überhaupt ... und es bewegt mich wieder, wenn ich all das lese und abtippe,was er geschrieben hat. er war damals so alt, wie mein sohn jetzt ist ... und ich spüre in vaters worten, dass er damals schon wunderbar war. es berührt mich zutiefst, dass ich nicht mit ihm darüber gesprochen habe. ... jedenfalls nicht genug. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Michael B.pro replies:
ja. Leider kann man als Kind nur zuhören. Was man ja auch tut. Nur verstehen kann man das nicht alles und auch nicht die richtigen Fragen stellen. Oder vielleicht doch. Aber dann merkt man es nicht.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
bei uns zu hause wurde eigentlich nie über die vergangenheit gesprochen. nur manchmal bei familienfeiern, wenn die erwachsenen schon etwas wein getrunken hatten, dann sprachen die männer schon mal vom krieg. aber eigentlich erzählten sie nur lustige oder zumindest keine unangenehmen geschichten ... von geklauten hühnern oder dass mein vater sich in gefangenschaft als übersetzer gemeldet hat, obwohl er gar kein englisch sprach. er hatte von einem mitgefangenen ein wörterbuch geerbt und schlug sich irgendwie damit durch. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
moonchild says:
danke für Deine Arbeit ..
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
moony, ich lese den ganzen tag im netz herum, um licht in das dunkel zu bringen. ich möchte wissen, wo mein vater gewesen ist, aber anscheinend hat er einige ortsnamen nur aus dem gedächtnis geschrieben oder die namen waren früher anders ... ich finde tausend hinweise, aber nicht wirklich DEN nachweis.
außerdem habe ich den bericht eines anderen soldaten gefunden. sein bruder hat diese aufzeichnungen als vermächtnis des gefallenen ins netz gestellt. ... fast identsche einzelheiten.

ich schaue jetzt mal nach der gegenwart. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Rasch2000pro says:
Ich danke Dir auch für Deine Arbeit. Authentische Einblicke sind immer interessant, ich wünschte, meine Eltern hätten mehr aufgeschrieben, mehr dokumentiert, mehr hinterlassen.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich bin dabei, einige auszüge aus dem tagebuch abzutippen ... und ich lese zur zeit viel darüber. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Gäbii (öffline if not önline) says:
Mona, meine Mutter ist auch 1920 geboren. Sie hat die flucht aus Breslau miterlebt und ist gerade "rechtzeitig" zum angriff Dresdens dort eingetroffen! Zu hause wurde viel von dieser zeit erzählt (und nicht nur die anekdoten) und ich habe auch viele fragen gestellt. Falls es mit einem treffen klappt, kann ich dir mehr darüber berichten, vielleicht auch einige allgemeine fragen beantworten?

Das tagebuch deines vaters klingt mysteriös, vor allem die fehlenden seiten. Darüber würde ich auch mehr erfahren wollen, denn ich habe auch noch einige fehlende puzzleteilchen in meiner familiengeschichte. Ich finde es allerdings interessant, dass du dich erst jetzt intensiv damit beschäfttigst...
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
meine mutter spricht heute noch nicht über vergangene zeiten. sie sagt immer "lass die alten geschichten ruhen.". sie gibt mir keine antwort. meine schwiegermutter war da anders. mit ihr habe ich oft über früher gesprochen. auch meine patentante, eine schwester meiner mutter, ist eine gute quelle. aber ich sehe sie selten ... und kaum allein. von ihr (und ihrem mann, meinem verstorbenen onkel) habe ich solche geschichten wie die mit dem "beisatz". erinnerst du dich?
natürlich habe ich mich schon früher mit diesen dingen beschäftigt. aber jetzt kocht alles durch raschs bericht über die flucht in den westen wieder hoch ... und ich beschäftige mich anders damit ... dank internet. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
pehei says:
Komisch, wie gerade überall in der Vergangenheit gewühlt wird. Mein Tochter musste für Geschichte einen Stammbaum zeichnen. Das erforderte natürlich die Mithilfe der Omas um überhaupt mal ein paar Generation zurückzukommen. Also haben die sich aus gegebenem Anlass dran gemacht und die erstaunlichsten Dinge ausgegraben, die bisher gar keiner mehr wusste. Spannend.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Elbertinumpro says:
Mein Vater (1902) ist November 1944 in Metz in Gefangenschadft gekommen und bereits im Juni 1945 entlassen worden - Er hat manchmal davon erzählt aber nicht oft. zum Teil waren es auch in der Gefangenschaft schlimme Erlebnisse.
Posted 4 weeks ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
ich habe die folgen meines berichtes jetzt selbst noch mal gelesen ... und es berührt mich wieder auf's neue. :-)
Posted 4 weeks ago. ( permalink / translate )

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