Kindheitserinnerungen hat jeder. Da ist erst mal der Gesamteindruck, aber es gibt auch einzelne Situationen, an die man sich erinnert. Sie mögen für andere Beteiligte vergessen sein, aber irgendetwas macht es für den Einzelnen zu einem Erlebnis, das einen für alle Zeit begleitet. Eher selten wird ein solcher Augenblick im Bild festgehalten, hier ist es aber so.
An der Szene ist auf Anhieb nichts Besonderes zu entdecken. Eine junge Frau Anfang 30 mit Kind begrüßt eine alte Bäuerin. Die Frauen freuen sich offensichtlich über die Begegnung. Man mag bestenfalls noch die unterschiedliche Bekleidung der Frauen als skurril empfinden, aber das war’s auch schon.
Ich will zur Erklärung des Sachverhalts mal ein wenig ausholen. Das Bild stammt aus den 50er Jahren. Deutschland befand sich in der Wirtschaftswunderzeit. Wer fleißig war, konnte es zu was bringen … allerdings war das in der Eifel, einem von je her konjunkturschwachen Gebiet, recht schwierig. Daher siedelten meine Eltern Mitte der 50er nach Köln über, wo sie sich eine Existenz aufbauten, es zu etwas brachten, wie man so schön sagt. Äußere Zeichen dieses kleinen Wohlstands waren ein Mercedes und elegante Kleidung (auch vom Kürschner … und auch für’s Kind).

In der Pubertät und noch lange danach habe ich dies verdammt, heute kann ich es sogar verstehen. Man muss sich mal vorstellen, wie es damals auf dem Land so war. Die Familien waren groß. Man hatte ein bisschen Landwirtschaft und lebte gottesfürchtig vor sich hin. Ein Auto hatte fast keiner, die Kreisstadt war so weit entfernt, dass man kein Kind auf eine höhere Schule hätte schicken können. Wovon auch? Geld war ja auch nicht vorhanden. Für die abgelieferte Milch gab es Marken, die man gegen Klatschkäse und Butter eintauschen konnte. Für’s Mehl gab es Brotmarken, und im Herbst wurde geschlachtet. Den Rest holte man aus dem Garten, vom Feld oder aus dem Wald. Jeder Sonntagsspaziergang im Sommer war z.B. eine Beerensuchaktion … und ich liebte den Himbeersaft, den meine Tante aus den Beeren bereitete.

Zu der fraglichen Zeit lebten in dem Eifeldorf vielleicht 300 Seelen. Das Elternhaus meiner Mutter lag mitten im Dorf, unweit der Kirche, die an der höchsten Stelle über dem Ganzen thronte. Ich habe nie verstanden, warum die Häuser dort so eng beieinander standen, dass keinerlei Gärten direkt an den Häusern zu finden waren. Das Anwesen meiner Großeltern, das zu dieser Zeit von einem unverheirateten Bruder meiner Mutter und einer ihrer Schwestern (Kriegerwitwe) bewohnt wurde, war geteilt durch die Zufahrt zum im Bild zu sehenden Hof dieser alten Frau. Rechts war also das Wohnhaus, links befanden sich „die Miste“ nebst Plumpsklo, die Scheune und die Ställe für Kühe und Schweine. Der Garten lag direkt hinter den Wirtschaftsgebäuden, war aber vom Haus aus nicht zu sehen.

Nun, wir waren wohl gerade zu einem unserer Wochenendbesuche eingetroffen. Mein Vater hatte den Wagen vor der Haustür geparkt und beim Aussteigen entdeckte meine Mutter die alte Nachbarin. Ich weiß noch, wie sie zu mir sagte: „Komm, wir wollen eben Nickels Taant' (man muss das mit einem langen „a“ sprechen) begrüßen.“ Sie zog mich mit, obwohl ich das nicht wollte. Was mir dabei so widerstrebte, kann ich gar nicht sagen, aber man sieht im Bild, dass ich stocksteif die alte Frau anstarre, die mir nie was getan hat. Ich erinnere mich aber genau, dass ich Angst vor ihr hatte … und meine Mutter scheint in dem kurzen Gespräch auf meinen Vater hinzuweisen, denn beide Frauen schauen zu ihm rüber.
Schließlich konnte ich mich dort losreißen und zu meinem Vater laufen. Seltsam, dass mir ein derart nichtiger Augenblick so deutlich im Gedächtnis geblieben ist. Vielleicht lohnt es sich auch gar nicht, dass man drüber spricht, aber ich wollte es trotzdem mal eben erwähnt haben.
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Schussentälerpro says:
Elkepro says:
Danke fürs teilhaben lassen.
Einen schönen Sonntag dir..
Inkenpro says:
Aber man muss sagen: Das Wirtschaftwunder ist deutlich zu erblicken :-) Übrigens ein wunderschöner Benz !!!
Mona Lisa replies:
Tante Käthepro replies:
Tolles Auto...---als Ihr den nachtblauen Benz im gekürschnerten Mantel fuhrt, hatten wir noch nicht mal das Geld für den Bus in die Stadt: Wir sind zu Fuß gelaufen....:-)
Mona Lisa replies:
zum rest: nun, wie gesagt, meine eltern haben mit viel fleiß ihre chance genutzt. meine mutter arbeitete bei der stadtverwaltung, mein vater betrieb das malergeschäft ... und ich ging ganztags in den kindergarten und verbrachte die ferien auf dem land bei der großfamilie. ich hab irgendwie nichts vermisst, mir ging es prächtig. :-)
The Guennipro says:
Mona Lisa replies:
aber meistens ist es ja so, dass man an eigenes erinnert wird. das rechtfertigt dann schon mal solche geschichten.
Pandarinepro says:
Mona Lisa replies:
Pandarinepro replies:
Mona Lisa replies:
Soepkipjepro says:
Mona Lisa replies:
christel.kpro says:
Es sieht so aus, als ob Du ein verwöhntes Einzelkind warst? Da stand ich auf der anderen Seite des Lebens und habe davon nur geträumt, aber eins hatten wir sicher gemeinsam: alte Menschen mit runzeliger Haut wirkten irgendwie abstoßend (außer bei der Oma ;-); ich nehme an, die alte Bäuerin oben im Bild hatte auch Gicht?
Danke für Deine Geschichte, Mona!
Mona Lisa replies:
Tante Käthepro replies:
Menschen mit runzeliger Haut wirkten irgendwie abstoßend
Das glaube ich noch nicht mal--ich kann mich an diverse Tanten (und Önkel:D) erinnern, die alle mächtig älter waren als meine (sowieso alterlose) Mutter. Berührung durch diese Verwandten habe ich teilweise elegant zu vermeiden gewusst, aber nie kann ich mich erinnern, dass es ihr Aussehen war; geschweige denn die runzlige Haut, Es war eher eine bestimmte Art, mit mir umzugehen; sei es ein allzu heftiges Be-knutschen und Beknuddeln ("äääh!") oder dieses gönnerhafte Betätscheln des Scheitels ("öööh!") oder gar eine allzu feuchte Aussprache. Und außerdem habe ich (hauptsächlich bei Männern) als Kind Zigarettenmundgeruch gehasst--und nach Zigaretten haben fast alle gestunken---DAS weiß ich noch genau.
Mona Lisa replies:
... und ich kann auch nicht sagen, dass mich runzlige haut jemals abgestoßen hat.
was die zigaretten betrifft, so erinnere ich mich an "ausgestorbene" marken ... wie "eckstein" oder so. :-))
Tante Käthepro replies:
NIL
JUNO
ORIENTA
REVAL
OVERSTOLZ
SENOUSSI
ROTH-HÄNDLE
waren die "alten" Marken
die dann ""abgelöst" wurden von der Filtergeneration
ERNTE 23
LUX
LORD EXTRA
HB
PETER STUYVESANT
to be continued.....:-)))
Inkenpro replies:
Und der Geruch von meinem Lieblingsopa, hach, war der schön... er ist schon 30 Jahre tot.. und manchmal rieche ich ihn noch....
Mona Lisa replies:
ich hatte ja nur einen opa (die anderen starben vor meiner geburt) ... und der roch so schön nach holz. er war nämlich schreiner. :-)
leider hab ich nicht viel von ihm gehabt und ihn eher als graue eminenz empfunden. ein kuschelopa war das nicht.
Inkenpro replies:
Mona Lisa says:
ich verbrachte also die sommer dort und lebte dann in diesem haus bei tante und onkel. in meiner erinnerung waren die sommer heiß und trocken, und wir verbrachten jede minute draußen.
ich muss etwa 10 jahre alt gewesen sein, als ich erhitzt vom spielen im haus etwas trinken wollte und trat vom hof in diesen flur mit den alten steinfliesen. wahrscheinlich lag es an dem krassen temperaturunterschied, dass es mir augenblicklich schwarz vor augen wurde. an der wand halt suchend rutschte ich zu boden und verlor einen moment die besinnung. ich dachte wirklich, dass ich sterben müsste, aber ich war ganz friedlich dabei. nach einer weile kam ich wieder zu mir. ich ging in die milchküche, machte mir einen kalten himbeersaft und war froh, dass ich noch lebte.
erzählt habe ich es niemandem.
:-)
H.B.pro says:
Arm war die Zeit auch für uns- aber mein Vater sah zu, wie er seine finanziellen Mittel vermehren konnte...So machte er abends bei den Amis, deren Kaserne nur etwa 2 Km von uns entfernt war , nebenberuflich Musik und legte Geld an die Seite, bis es 1956 für einen VW Käfer reichte. Ein einschneidender Wendepunkt, - wir waren alle ziemlich aus dem Häuschen.. Mein Vater verlor in den ersten 6 Monaten nach dem Kauf 10kg an Gewicht... ;-))
Ich durfte wenige Jahre später selbst eine längere Fahrt mit dem Heiligtum machen (allein..!!) - das war ganz furchtbar für ihn (mein Führerschein war da gerade mal 1 Jahr alt... ) Er war so unvorsichtig , eine Wette einzugehen, von der er nie geglaubt hatte, dass er sie verlieren könnte...
Mona Lisa replies:
nun, auch wenn man es nicht sieht, so bist du doch noch ein paar jährchen älter als ich, hast also noch ganz andere zeiten miterlebt. 1956 ging ich mal so gerade in den kindergarten. :-)
Tante Käthepro replies:
Ich muss meinen alten Fotokrempel jetzt auch mal endgültig scannen und dementsprechend veröffentlichen---mir fallen bei jedem Bild x Geschichten ein.....
Mona Lisa replies:
Tante Käthepro replies:
(Ist "Sau mengen" = "Sau rauslassen"??)
Mona Lisa replies:
es wird übrigens dort noch platt gesprochen. meine eltern sprachen es auch immer untereinander, mit mir jedoch nicht. aber ich verstehe es wie hochdeutsch. wenn meine mutter mit einem aus der verwandtschaft zusammentrifft, selbst am telefon, dann fällt sie gleich in diese sprache. :-)
Leo Fisheye says:
Mona Lisa replies:
Leo Fisheye replies:
picasso franz says:
Knut Photos says:
:-)
Herr K.pro says:
Lillian Virginia Mountweazel says:
Mona Lisa replies:
Lillian Virginia Mountweazel replies:
gin_ablepro says:
auch, wie diese frühen nonnenbegegnungen in der eigenen familie doch prägen können ;-)
Mona Lisa replies:
Inkenpro replies:
Mona Lisa replies:
aber meine tante hat mir immer gesagt, dass sie mit dem lieben jesulein verheiratet ist. sie trug einen goldenen ehering, den ich sehr bewundert habe. da war nämlich ein kreuz mit korpus dran. fand ich toll.
sie hatte auch silberhochzeit, also 25jähriges ordensjubiläum. da trug sie ein silberkränzchen auf ihrer schwarzen haube, was mich mächtig beeindruckt hat. ... ich war gerade zur kommunion gegangen und noch sehr empfänglich für dergleichen kram.
hm, ich hab bilder davon, aber sie sind nicht so wirklich gut, weil sie in der klausur aufgenommen worden sind (auch so ein geheimnisvoller ort, wo üblicherweise niemand hin durfte). :-)
Lillian Virginia Mountweazel replies:
nochjemand says:
Wichtig ist im Grunde das, was bleibt. Dennoch hetzen wir hinter allem möglichen Zeuges hinterher, was definitiv verrottet, wie der nachtblaue Benzer.
Was bleibt sind nur Erinnerungen und die Meisten verblassen. Bekloppt wie wir nu mal sind, können wir noch nichtmal sagen, warum manche Erinnerungen nicht in dem Masse verblassen, wie Andere. Am Ende der Kette sind wir zu blöd, um sagen zu können, was für uns wichtig ist.
--
Seen in nochjemand home page (?)
Mona Lisa replies:
Lillian Virginia Mountweazel replies:
Master Of Felix says:
:-)
Hena Nentepro says: