Mona Lisa Published on July 7, 2007
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Hackenporsche

Saturday July 7, 2007 at 08:02AM

Die Frau mit dem Hackenporsche

Sie hatte ihn überlebt, auch wenn ihr Mann noch kurz vor seinem Tod gemeint hatte: „Mit deinen Knochen werf ich noch die Äppel von den Bäumen!“ Aber schon im November ging es ihm gar nicht gut, und der Hausarzt hatte ihr wenig Hoffnung gemacht, dass sie das Weihnachtsfest gemeinsam erleben würden. An einem grauen Dezembertag wurde auch Alwine Wegemann zur Witwe, wie so viele in der Straße. Eigentlich gab es nur Herrn Ortwig, der nun allein in dem kleinen Häuschen am Wendekreis der Sackgasse wohnte. In den anderen Häusern der Straße lebten alleinstehende Frauen.

Wenn Alwine am Morgen das Haus verließ, dachte sie oft, dass es so still geworden sei. Früher hatte das Geschrei der Kinder das Singen der Vögel übertönt. Jetzt zankten die diebischen Elstern ungestört auf der Straße herum, selten unterbrochen von einem Auto, das vor einem der Häuser hielt. Alwine bekam allerdings nie Besuch. Ihr einziger Sohn war vor Jahren nach Kanada ausgewandert, und außer ihr wusste lediglich der Postbote, dass sie noch Angehörige hatte, denn manchmal schrieb der Junge und erzählte Dinge von einem Leben, das Alwine fremd war. Sie hingegen war immerzu damit beschäftigt, ihre eigene Welt vor dem Untergang zu bewahren. Ein fester Tagesablauf schien ihr wichtig zu sein, weshalb sie Tag für Tag, bei Regen und bei Sonnenschein, um die gleiche Uhrzeit ihren Gang in die Stadt machte, auch wenn sie gar nichts einkaufen und erledigen musste.

Manchmal traf Alwine Bekannte, die Gemeindeschwester etwa, und dann hielt sie einen Moment inne in ihrem Lauf, der eine gewisse Sinnlosigkeit hatte, jedoch unabdingbar für das Wohlbefinden der alten Frau war.

„Wenn der Sommer kommt, dann besuchst du uns“, hatte der Sohn in seinem letzten Brief geschrieben. „Vielleicht gefällt es dir, und du bleibst ganz da.“ Was er sich nur dachte? Sie kannte jeden Stein hier, und einen alten Baum verpflanzt man nicht. Die gewohnte Umgebung gab ihr Sicherheit und das Gefühl, geborgen zu sein in den Erinnerungen. Sie hatte davon mehr als genug und suchte keine neuen. ... und schon gar nicht brauchte sie eine neue Sprache. „Hackenporsche!“ Welch ein Wort! Gestern hatte es der Bursche, der für Herrn Ortwig den Rasen mäht, benutzt, als er sie aus dem Gartentor treten sah. Unwirsch zog Alwine ihre beräderte Einkaufstasche die Straße hinauf. …

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16 Comments / add your comment?

Fabio Keiner says:
männer sind viel sterblicher als frauen, hat einmal ein grosser weiser gesagt :))
die alwine wird sicher eine böse alte hexe und lernt noch zaubern auf ihre alten tage
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
deshalb hab ich es so geschrieben. ich musste an meine mutter denken ... und auch hier an die älteren stadtviertel, wo fast nur die witwen übrig geblieben sind. ... und der spruch mit den knochen und den äpfeln ist originalton meines mannes. der glaubt tatsächlich, dass ich vor ihm sterbe. :-)))
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Tante Käthepro replies:
Lass ihm doch den Glauben----
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
kolibri*pro says:
das ist die realität, vielerorts jedenfalls!
ihr habt recht makabere gespräche,.....du und dein mann!!!
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
pehei replies:
Ab und an möchte man da mal am Küchentisch Mäuschen spielen.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Fabio Keiner says:
andrerseits ist das vielleicht auch wieder eine art erfüllung... meine oma lebte noch ganz schlecht&recht allein, befreit von den bosheiten meines opa, als witwe weiter :))
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
meine mutter sieht es wohl eher als schicksal ... aber mein onkel wäre sicher nicht 96 geworden, wenn seine frau ihm nicht fast 35 jahre vorausgegangen wäre. der hatte es im grunde schön .. wenn ich auch denke, dass auch er manchmal einsam war, trotz der großen familie, die ihn gehegt und gepflegt hat. ... er war ohnehin ein ganz besonderer mensch, und ich war dort gern das 9. kind im hause.:-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
NicoleB says:
Viele machen sich das Leben gegenseitig schwer, grade in den aelteren Generation, nur so meine Beobachtung in verschiedenensten Faellen. ;)

Erinnert mich an meine Oma, die haette sich auch nie verpflanzen lassen.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Kabeljau says:
Ich kann es bestätigen, Frauen sind die wahren Knochenschmeisser. Als Nebenjoblandschaftsgärtner arbeite ich zu 90% für ältere Witwen, die das Erbe für Landschaftsgärtnereinsätze verprassen. Warum auch immer.
Und a pro pos Landschaftsgärtner: wer will sich schon verpflantzen lassen?
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Thueringerpro says:
Gute geschrieben ...
In unserer Familie sterben leider die Frauen vor den Männern ... und viel zu früh.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Tante Käthepro says:
Schön, Deine Geschichte.
Dass Dein Bild eine Statue zeigt, hätte ich ohne die Bodenplatte unter den Füßen nicht gesehen.
Wo steht sie, die ewige Witwe??
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
die figuren standen bis zum 1.juli in schmallenberg/hochsauerland. jetzt gibt es eine ausstellung bei göttingen (schloss hardenberg) ... und morgen fahre ich nach wiedenbrück. dort stehen auch welche ... und ich freu mich drauf. :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
OR_Upro says:
Frauen leben eh länger als ihre Männer - vor allem die Witwen...
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa replies:
eben ... das war auch der anlass für diese geschichte. besonders die witwen sollten mal geehrt werden. :-)))
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
pehei says:
Macht euch nicht über den Hackenporsche lustig. Meine Oma ging mit 70 noch jede Woche damit zum Markt. Heute schaffen 27-jährige den Weg zum nächsten Laden nicht mehr ohne Auto.
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
Meine Mutter hat einen Rollator. Frau geht halt mit der Zeit ;-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )

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