Bertolt Brecht

 

 

Die Liebenden

 

Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen
So mag der Wind sie in das Nichts entführen
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
Solange kann sie beide nichts berühren
Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? Nirgendhin. Von wem davon? Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem.
Und wann werden sie sich trennen? Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.


 

Bertolt Brecht (1898-1956)

the lovers

see the cranes in a great bow
the clouds which part for them
traveled with them already, when they escaped
from one life to the next
at the same height and with the same haste
they seem both of them only next to
so that the crane may share with the cloud
the beautiful sky which they both fly in
so that neither stay longer
and neither may see something other than the swaying
of the other in the wind which they both feel
who now lie near one another in flight
thus the wind may carry them away to nothingness
only if they do not pass away and stay for one another
thus long nothing may touch them
thus long one may chase them away from any place
where rains threaten or shots resound
thus under sun and moon's few various panes
they flie on, altogether smitten
where to, you? nowhere. from whom away? from all.
you ask, how long have they been together? shortly.
and when will they part? soon.
thus seems love a hold for lovers.