Nachdem ich den Kulturschock zurück in Deutschland zu sein, so einigermaßen überstanden habe und Martin und ich wieder ein Herz und eine Seele sind, versuche ich jetzt mal meinen letzten Bericht zu schreiben. Auch wenn es ein verkürzter Aufenthalt in Uganda war, hat es meine Denkweise, mein Verhalten und mein Leben etwas verändert. Was mich wirklich am meisten beeindruckt, verändert hat möchte ich euch in meinem letzten Bericht mitteilen.

Am Anfang meiner Reise fühlte ich mich so allein. Besser gesagt, ich war auch allein, denn keiner interessierte sich wirklich für mich! Meine Kollegen haben ihre eigenen Familien und nach der Arbeit war keine Zeit! Wenn man mit Begleitung auf die Strasse ging, war es nur laut, farbenfroh, chaotisch und viele schwarze Menschen, die dieses Gefühl von allein sein durch das Starren noch verstärkt haben. Somit musste ich mich wirklich zum 1. mal in meinem Leben ganz und gar mit mir selbst beschäftigen. Am Anfang konnte ich das gar nicht gut, denn ich konnte mich kaum selbst ertragen. Mit der Zeit gewöhnt man sich an sich und lackiert sich die Fingernägel, zupft sich die Augenbrauen und findet sich langsam „ganz nett“. Außerdem hatte ich wirklich zum 1. mal in meinem Leben Heimweh! Meine Güte, wie schlecht sich das anfühlt! Am liebsten wäre ich nach einer Woche wieder nach Hause gekommen. Letztendlich war diese Zeit wahrscheinlich für mich mal ganz gut, am Anfang meiner Reise meinen eigenen Weg zu finden.

Eine weiter Herausforderung für mich war „Geduld üben“! Afrikanische Zeit läuft viel langsamer als europäische Zeit! Wenn man 8h sagt, meint man ca.9.30h! Meine Pünktlichkeit wurde dort nicht wertgeschätzt bzw. ich musste mich in WARTEN üben! An manchen Tagen ist es mir gelungen, an anderen war ich schon verärgert und wollte es nicht akzeptieren!

An einem meiner letzten Tage, bevor ich nach Kisoro gefahren bin, habe ich im Büro echt angefangen zu weinen, da ich kein Plan hatte, wie es weitergehen soll und was die nächsten Tage bringen. Meine Kollegen konnten das gar nicht verstehen, da es doch irgendwann nach Kisoro geht – morgen, übermorgen oder nächste Woche – ist doch egal wann! Als ich dann erklärt habe, dass es für mich wichtig ist zu wissen, was nächste Woche passiert, haben sie versucht sofort meinen PLAN umzusetzen! Pläne sind ja auch für Deutsche was ganz Wichtiges, doch werden sie dort nicht wirklich ernst genommen! Bin ich doch mehr deutsch als ich dachte!

Was ich wirklich schön fand ist das die Menschen viel freundlicher und offener sind. Am Anfang dachte ich, warum grüßt mich jeder. Ich kenn die doch gar nicht, oder wollen die mich anbaggern – toller Trick - . Aber das ist die Mentalität. Egal wen man auf der Strasse trifft und man sich anguckt, grüßt man auch ganz freundlich. In Kisoro haben sich die Leute so gefreut, da ich ja ein paar Wörter in deren Sprache konnte und auch immer fleißig gegrüßt habe. Ist doch schön, wenn man so freundlich begrüßt wird.

Wer mich kennt weiß, dass ich die Lebensgeschichten anderer Menschen am interessantesten finde und somit möchte ich noch mal von ein paar Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe erzählen!

Als erstes ist da natürlich Waltraud zu nennen. Größten Respekt für diese Frau! Sie hat Damian in Düsseldorf in den 1970er Jahren kennengelernt, als er in Deutschland Medizin studiert hat! Waltraud ist 1976 mit nach Uganda gekommen als hier wirklich Chaos und Krieg herrschte. Idi Amin herrschte zu dem Zeitpunkt in Uganda. Überall Tod, Korruption höchster Art und kein Plan waren Gang und Gebe in diesem Land! Wer nur einen kurzen Einblick in diese Zeit bekommen möchte, muss sich den Film „Der letzte König von Schottland“ angucken! Wie mutig ist es, in ein solches Land zu solcher Zeit zu gehen? Waltraud war damals 27 Jahre alt, hat hier als Lehrerin angefangen, einen Shop eröffnet und dann auch noch mit die Organisation „Miteinander für Uganda“ gegründet. Hat 3 Bücher über die traditionelle Frau in Uganda geschrieben und ich weiß nicht was sonst noch alles! Sie ist super bescheiden, großherzig, trocken-lustig (was ich ja besonders mag!), beste Köchin und wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nur ein halb so gutes Bild von Uganda bekommen!

Hier in Kisoro habe ich Gerome getroffen. Ich war zu faul mit dem Fahrrad Bodaboda nach Kisoro reinzufahren, da man einige Strecken gehen muss, da es bergauf geht und auch die fittesten Bodaboda Fahrer das mit nicht schaffen. Also bin ich vor dem Hospital zu dem nächstbesten Moped Bodabodafahrer gegangen und habe gesagt, wenn er vorsichtig fährt, bekommt er Extrageld! Gerome und ich sind auf dem Weg ins Gespräch gekommen und er hat mir ein paar Wörter auf Rufumbira beigebracht! Da er wirklich vorsichtig gefahren ist, wollte ich seine Telefonnummer haben, für die eventuell nächste Faulheit! Seitdem ist Gerome mein Personalbodaboda-Fahrer. Er lebt allein im Haus seiner Eltern. Seine Mutter ist gestorben, als er 1 Jahr alt war und sein Vater hat mehrere neue Frauen geheiratet hat! Als er 5 Jahre alt war hat sein Vater ihn vertrieben und ein deutscher Pfarrer hat ihn aufgenommen und ihn unterstützt. Als er in der 10. Klasse war, also ein Jahr vor seinem Schulabschluss, ist der Pfarrer gestorben und da man hier für die weiterführende Schule bezahlen muss, blieb ihm nichts anderes übrig, als diese abzubrechen und zu arbeiten. Jetzt ist er 24 Jahre und versucht sich mit bodabodafahren, also taxifahren über Wasser zu halten. Was das heisst, weiss man erst, wenn man sieht, wie viele Fahrer es hier gibt. Die meisten leihen sich ein Moped, welches in der Woche 30.000Ush (ca.10€) kostet. Gerome verdient zwischen 20.000 – 45.000Ush in der Woche. Also bleibt wirklich sehr wenig bzw. nichts übrig! Letztens wurde seine Jacke in Kisoro geklaut und jetzt hat er nur noch ein Hemd und kein Geld, um sich eine neue Jacke zu kaufen! Er spricht sehr gutes Englisch, ist super ausgebildet, hat super Geschäftsideen, kann diese aber aus Geldmangel nicht umsetzen! Er würde z.B. gerne eine Tischlerei aufmachen, was aber nicht geht, da er in Tischlerei nicht ausgebildet ist oder würde gerne für Hochzeitsgesellschaften Fotos machen. Diese werden hier ja wirklich riesig gefeiert (800Leute sind nix!) und kann sich aber keine Kamera für ca. 250.000Ush (keine 100€) leisten! Ich hoffe das Projekt von „Miteinander für Uganda“ kann umgesetzt werden und er kann dort reinkommen, um einen besseren Job und eine bessere Zukunft zu bekommen!

Natürlich gibt es noch sooo viele andere interessante Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe. Aber ich denke, dass der Bericht zu lang werden würde, wenn ich von allen erzähle!

Letztendlich:

Man kann nicht alles haben, aber man kann auch mit dem glücklich sein, was man hat. Um beispielsweise an Gehacktes oder Shampoo zu kommen musste man ca. 2 ½ Stunden fahren. An Dinge wie elektronische Geräte, wie Wasserkocher, Farbdrucker oder Toilette mit Spülung gar nicht zu denken. Es gibt Menschen, die haben viel weniger als man selbst, wissen nicht, ob sie morgen genug Geld für Essen, Schule oder überhaupt überleben können und sie leben an dem heutigen Tag.

Außerdem:

Warum soll man sich zurückhalten, wenn man tanzen, singen oder lachen möchte. Es strahlt Freude und Glück aus, wenn man freudig ist! Und das macht auch andere Menschen glücklich und bringt sie zum Lachen.

Und die größte Erfahrung die ich gemacht habe, ist die, dass ich nie wieder ohne Martin sein möchte! Man kann immer nur am Telefon von den Erlebnissen erzählen, aber das ist nicht das Gleiche. Ich bin so dankbar, dass Martin diese 4 Monate auf mich gewartet, mich die ganze Zeit unterstützt hat, mir das größte Vertrauen entgegen gebracht hat, mich immer wieder aufgebaut hat und mir neuen Mut gegeben hat durchzuhalten. Ich glaube ohne ihn wäre ich nach einer Woche wieder zu Hause gewesen und hätte alle anderen Erfahrungen nicht sammeln können. Danke für Dich, Martin! Ich liebe Dich!

Bis demnächst in Eicklingen, Hamburg oder sonst wo...dann erzähle ich persönlich von mehr Erlebnissen und es gibt einen Film über die 4 Monate!

Mareike