lilamo Published on December 19, 2008
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Ehrlich…wie würdet ihr entscheiden? Streit um Fußgängerzone

Friday December 19, 2008 at 02:51PM



Ehrlich…wie würdet ihr entscheiden? Fußgängerzone: Dürfen Schwerstbehinderte einen Weihnachtseinkauf dann machen, wann es ihnen möglich ist? Dürfen sie noch auf etwas „Lust“ empfinden?



Folgendes ist gestern passiert:
Mein Mann, der schwerstbehindert und durch Krebs so geschwächt ist, dass er seit Wochen kaum noch das Haus verlassen konnte, hatte auf mein gutes Zureden sich aufgerafft, für Freunde mit mir Bücher auszusuchen – was immer seine Leidenschaft war. Wir fuhren also in unsere kleine Stadt, die durch zwei Flüsse sehr eingekesselt liegt. Der nächste Behindertenparkplatz ist nur über eine Brücke und eine zu steile lange Rampe erreichbar, die Buchhandlung liegt im Stadtzentrum über 350 Meter weit entfernt! Zu weit! Mein Mann, der nach seiner täglichen Strahlenbehandlung, zu der er 2 Stunden Fahrzeit in Kauf nehmen muss, sich mittags ausruhte, konnte nicht vor 15Uhr das Haus verlassen. Um 15 Uhr endet aber die Be- und Entladezeit, in der Behinderte in der Fußgängerzone parken dürfen. Wir fuhren also etwa 100 Meter in die Fußgängerzone ein, um uns auf einen Platz zu stellen, an dem wir niemanden behinderten.
Als wir zurückkamen, hatten wir einen Strafzettel."Wir werden das morgen klären", dachten wir, denn auch wenn wir wussten, dass normalerweise die Zeiten für Be-und Entladen von Ware (!!!) einzuhalten sind, musste dieser Fall doch individuell zu behandeln sein.
WEIT GEFEHLT!
Ich bekam am Telefon lapidar zu hören, dass Gesetze da seien um eingehalten zu werden –
es gebe keine Ausnahmen, wenn wir eine bräuchten, dann doch wohl nur für wirklich wichtige Fälle, ein Weihnachtseinkauf gehöre nicht dazu!…am Ordnungsamt vorher zu beantragen!! Und im übrigen könnten wir ja lesen, was in den Bestimmungen stünde… Auf meine erstaunte Frage, ob der Bußgeldbescheid jetzt so aufrecht erhalten würde, wieder sehr lapidar: Ja, so habe sie (eine Frau) sich entschieden.
Es gibt aber eine Bestimmung im Sozialgesetzbuch IX, die besagt, dass die Teilnahme der Behinderten am täglichen Leben zu fördern ist. Hier wird es meinem Mann aber unmöglich gemacht, überhaupt je die Freude einer Teilnahme zu empfinden und aus seinem Loch zu kommen– wenn er, was sowieso sehr selten vorkommt, Kraft und Antrieb empfindet einmal „seine“ Stadt wieder zu besuchen.



Als Nichtbetroffener, der seine Fußgängerzone möglichst autofrei möchte, mag man der Meinung des Amtes sein ... oder würdet Ihr auch Ausnahmen dulden?





Für die, die es noch interessiert:
Ich schrieb an das Ordnungsamt der Stadt u.a.:



Wenn, wie bei meinem Mann, eine Schwerbehinderung nicht nur in der außergewöhnlichen Gehbehinderung besteht - er lag monatelang querschnittgelähmt und freut sich jetzt, dass er nach umfangreichen Strahlentherapien seine Beine wieder ein kleines bisschen gebrauchen kann - , sondern eine Krebserkrankung im palliativen Stadium vorliegt, ist so ein Mensch nicht nach Belade- und Entladezeiten verplanbar. Wenn mein Mann – der, wie er mir sagte, die Regelung mit den Zeiten durchaus gelesen hatte – aber keine andere Möglichkeit sah, zu dem, was er machen wollte, zu kommen, immer erst eine Ausnahmegenehmigung (was wir nicht wussten!) einholen muss – dann ist das eine absolute Beschneidung des Lebensmutes und der Lebensfreude. (…)
Wie ich Ihnen sagte, freute ich mich an diesem Tag, an dem es etwas besser ging, ihm eine kleine Freude machen zu können…auch das nicht planbar und beantragbar! Unser Pech dass die Be- und Entladezeiten mit seinen gesundheitlichen Gegebenheiten nicht übereinstimmen! Wir müssen dann wohl in der BRD suchen, wo es eine Stadt gibt, die andere Zeiten nennt? Oder aber eine Stadt, die bei einer Anhörung in solch einem Sonderfall etwas
flexibler reagiert. In W. war dieses ein Wunschdenken. Stattdessen bekommen wir gesagt, dass es für die Zeiten außerhalb der vorgesehenen in „ganz schwerwiegenden Fällen die Ausnahmegenehmigung zu beantragen ist“ … Spricht man meinem Mann das Recht ab, am Leben teilhaben zu können?
Hardliner zu sein – das mag sich an Ihrer Stelle in den meisten der Fälle rechtfertigen – hier fand ich es zu hart! Ich habe mich entweder beim Gespräch Ihnen gegenüber nicht verständlich machen können – oder Sie sind durch andere Fälle abgestumpft.
Wie soll mein Mann sein Recht auf ein ein bisschen menschenwürdiges Leben (z.B. vielleicht sein letztes Weihnachten) wahrnehmen, wenn die Ordnungsbeauftragte überhaupt kein Einsehen hat, auch nicht bereit ist, eine sicher so in W. nicht noch einmal vorkommende Besonderheit zu sehen?
Ich konnte am Ende nur klein beigeben… mit dem Gedanken: dass mein Mann todkrank ist und trotzdem eine Freude haben sollte, muss mir das Strafgeld jetzt eben wert sein – aber richtig fand ich es nicht…eher beschämend und verletzend.
Diesen Hintergrund und den Unterschied zu wirklichem Missbrauch der Regelung zu sehen oder nicht – das macht für mich die Qualität dessen aus, was man unter Bürgernähe und guter Verwaltung versteht.
Kalte, ironische Phrasen nicht, auch wenn die Grenzen der Höflichkeit noch gewahrt werden.(…)



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16 Comments / add your comment?

Sajakpro says:
schlimm ist das! ziemlich schlimm!

aber es tut mir mehr noch leid, dass es deinem mann nicht gut geht.
dein brief ist gut. man muss sich nicht alles gefallen lassen.
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
lilamopro replies:
Danke, Sajak, für das Mut machen...gerade klebe ich die Marke auf ... die Franzosen meinen: am besten Einschreiben! ;-)
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Dreamcatcher a.k.a. einer der letzten Romantiker says:
Bullshit! Das ist doch wieder typisch deutsch, verdammte machtgeile Arsc....cher...
Herr Remarque hat das mal sehr schön beschrieben, ich weiss nicht mehr ob es in "Im Westen Nichts Neues" oder in "Der Weg Zurück" war. Es ging da um einen Briefträger namens Himmelstoß, im Zivilleben nix zu kamellen und dann mit etwas Lametta auf den Schultern einen auf dicke Hose machen.
Geh zum Chef von der Tusse! Seid Ihr im Verkehrsrechtsschutz? Dann geh zum Anwalt und frag ihn, wie die Chancen stehen. Das kann doch nicht sein, daß die sich wegen so einer Lappalie anpissen und irgendwelche Flachwi...er veruntreuen Millionen, aber werden nicht belangt, weil das ja verjährt ist... Boa, ich verlier hier grad etwas die Contenance, entschuldige bitte... Aber es ist wirklich unglaublich.
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Dreamcatcher a.k.a. einer der letzten Romantiker says:
Christa, da fällt mir noch was zu ein...
Ich stehe nicht auf die Zeitung mit den 4 GROSSEN BUCHSTABEN und dem vielen BLUT, aber vielleicht kannst Du ja mal einen der Schreiberlinge dafür interessieren. Ich werde jetzt mal etwas sarkastisch, ok?! Grad jetzt in der Vorweihnachtszeit (Macht hoch die Tür, das Herz macht weit oder so ähnlich :-D) kommen so Geschichten gar nicht gut für Beamte... :-D
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
lilamopro replies:
Hahaha...genau das habe ich auch gedacht!!! Aber da ich ein fairer Mensch zu sein versuche, selbst wenn man mir unfair kommt, wollte ich der Dame erst einmal die Chance zur Einkehr in sich selbst einräumen... Mein Mann denkt, vor Weihnachten geschieht da nichts mehr... ich könnte das aber unter Verschluss schon mal an die Presse geben, um sie "heiß" zu machen...
Oder ich gebe keine Ruhe und rufe sie Montag an, wenn ihr der Brief vorliegt...nachdem ihr alle das als entrüstend empfindet, wird es wohl so sein, trotz der angesprochenen "Gesetzeslage"...
Und mir schwillt sozusagen der Kamm mit so einer geballten moralischen (oder eher schon ethischen?) Unterstützung... Schön, dein "heiliger" Zorn!!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Dreamcatcher a.k.a. einer der letzten Romantiker replies:
Normalerweise sage ich, jeder soll seine Kämpfe selbst ausfechten, aber in diesem Falle sehe ich es eigentlich eher so, daß Du mit Betreuung und Pflege mit Sicherheit genug Mist am Hacken hast. Leider gibt es ja wie bitte nicht mehr, die wären auch gut gewesen dafür...
Oder Du besorgst uns die e-Mail-Adresse des Amtsleiters bzw des Bürgermeisters und wir machen da mal eine konzertierte Aktion draus...
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
lilamopro replies:
Hui! Das würdet ihr für mich machen? *freu* ...aber (noch) bin ich alleine stark... wir werden sehen, wie es weiter geht...ich halte euch hier auf dem Laufenden. DankeDir aber sehr!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Dreamcatcher a.k.a. einer der letzten Romantiker replies:
OK, aber sag Bescheid, wenn wir was tun sollen!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Renatepro says:
Hast du dich schon mal an die CARITAS gewednet? Vielleicht wissen sie ja einen Rat oder könnten für deinen Mann einmal mit dem Amt sprechen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dich an deine Tageszeitung zu wenden und ihnen den Sachverhalt darzulegen. Mein Mann und ich hatten uns einmal für einen schwerbehinderten Jungen eingesetzt, der mit seiner Mutter im Parterre einer Wohnung lebte, der nicht durch die Wohnungstüre mit dem Rollstuhl auf die Strasse konnte. Der Vermieter verweigerte eine Rollstuhlrampe vom Balkon runter auf die Strasse. Mit der Presse und der CARITAS zusammen konnten wir den Vermieter umstimmen so dass eine Rampe gebaut werden konnte. Ohne die Hilfe von der Presse geht heute so gut wie gar nichts.

Du kannst dich auch noch an den Wahlkreisbeauftragten der Partei wenden, der für deine Strasse zuständig ist. Dafür sind sie ja schließlich gewählt worden und sitzen im Rat deiner Stadt. Wenn man sie direkt anspricht, werden sie auch tätig und haben in der Regel Erfolg. Du mußt nur den nehmen, der nicht in der Oposition sitzt sondern den, der in der regierenden Partei sitzt.

Es ist einfach eine Sauerei, was da mal wieder von Behördenseite veranstaltet wird. Ich drücke dir ganz feste die Daumen, dass das zu regeln ist.
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
lilamopro says:
Danke, Renate, für deine ausführliche Stellungnahme - erlebte Beispiele sind immer gut - und wir wollen einfach für alle etwas ändern. Wir werden sehen wie die Reaktion ausfällt - sie müssen sich etwas einfallen lassen! Ich melde mich wieder über d. blog... An die Politiker habe ich auch schon gedacht. Wir haben im Stadtrat eine Frau, deren Tochter im Rollstuhl sitzt, allerdings die Strecke wohl fahren kann...ich denke sie wird sensibel sein für das Problem!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
kommaasserpro says:
auch wenn ich kein freund dieser partei bin, barbara stamm setzt sich sehr für die belange von menschen mit behinderungen ein. angeblich nimmt sie briefe bzw. problemstellungen dieser art ernst und setzt sich persönlich ein...
wünsche euch beiden gerechtigkeit im sinne der menschenwürde!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro says:
Schlimm, sowas zu lesen. Demnach hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht viel in Bezug auf Behinderte geaendert, schade. Ich bin zwar sonst nicht so am Schwaermen, dass hier in USA alles besser ist, aber in DER Beziehung koennten die deutschen Behoerden wirklich was lernen!

Fuer deinen Mann alles Gute, und euch trotz dieser Sache ein schoenes Weihnachtsfest!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
lilamopro says:
Danke, Pandarine... ich wusste gar nicht, dass du in den USA lebst!! Ich freue mich, dass du hier diese Meinung gesagt hast! Dir auch ein frohes Fest...und auf ein gutes Neues...!! LG
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
Pandarinepro replies:
Oh ja, ich lebe seit fast 20 Jahren hier. Mein Mann ist auch behindert (100%), aber nicht so schlimm wie deiner. Deswegen sehe ich aber wahrscheinlich mehr als der "Durchschnittsbuerger", und in Punkto Behinderung tun die hier in USA wirklich SEHR viel.

Dir / euch auch schoene Feiertage!
Posted 11 months ago. ( permalink / translate )
ThW ;) says:
Schau doch mal im Grundgesetz, was da über Gleichbehandlung steht! Dann dürft Ihr immer überallhin fahren, wenn Ihr niemanden gefährdet und es keine andere Möglichkeit gibt.

EINE SAUEREI IST DAS !!!

Und wenn man wie ich im Jahr fast 100.000km runterreist und täglich sieht, was auf unseren Straßen *wirklich* verbrochen wird, kann man nur noch weinen.

Wie ist das denn nun ausgegangen?
Posted 9 months ago. ( permalink / translate )
Schussentälerpro says:
es ist erschütternd wie die Leute auf den Ämtern mit den Bürgern umgehen. Eigentlich werden sie von uns bezahlt und sollten auch für uns da sein. Ähnliches ist einem Freund von mir in Ravensburg geschehen. Er hat eine schwerst MS-kranke Frau, die auch nur mit dem Rollstuhl durch die Stadt geschoben werden kann. Es tut einem in der Seele weh, wenn man sieht, daß statt man denen hilft, die es dringend benötigen, nein es werden ihnen noch zusätzlich Steine in den Weg geworfen. Die Gefühlskälte unserer Gesellschaft ist grausam. Mitgefühl ist ein Fremdwort geworden.
Ich wünsche Euch alles Gute und viel Kraft und ganz liebe Grüße vom Bodensee
Reinhard
Posted 3 weeks ago. ( permalink / translate )

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