Klaus Dieter Untch Published on July 6, 2009
by Klaus Dieter Untch

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Mein Papa ist Ausländer ohne Bart

Monday July 6, 2009 at 05:04PM


Im Zeitalter der Paragrafen für Ordnung und Kontrolle zum Wohle der demokratischen Freiheit über die zivilisierten Bürger, gibt es innerhalb der Europäischen Union , ein Land welches geradezu einen so lieben Menschen wie mich dazu animiert , inmitten den Wirren bürokratischer Pubertätsfasen , die Vaterschaft aufzugeben oder meine zukünftige Kinder anonym zu zeugen. In so einem privilegiertem Land verbringe ich eigentlich geradezu meine glücklichsten Lebensjahre, nicht nur als Musiker sondern vor allem als Familienvater. Die Vorteile meines Jobs ermöglichen gelegentliche Konzertreisen ausserhalb der schützenden Landesgrenzen. Diese Reisen verdanke ich vor allem der Tatsache, dass mein guter Ruf der Aufbruchsreputation des Wahl-Landes in welchem ich lebe, weit vorauseilt. Inzwischen hat sich unsere fünfjährige Tochter Isabelle so gut in das Familienleben integriert, dass sie es bravourös verdient hat, mich auf meinen Reisen zu begleiten. Natürlich darf sie auch ihre Mama mitnehmen, weil sie an der so vorzüglichen Erziehung unserer Tochter mein absolutes Vorbild ist.

Doch nun brauchten wir zunächst einen Reisepass für meine Tochter Isabelle um legal in das Land der neutralen Möglichkeiten das nicht zur Europäischen Union gehört und deshalb nur Schweiz heisst, reisen zu dürfen. Das hatten wir am einem Montag in einer feierlichen Familiensitzung beschlossen. Voller Erwartung betraten wir Dienstags die Passbehörde um 9 Uhr, damit wir die Sache so schnell wie möglich erledigen. Schliesslich wollten wir den Flug nicht verpassen , der erst in ein paar Wochen starten würde. Am Schalter empfingt uns der strenge Blick einer sicherlich korrekten Beamtin: „Sie wünschen ?!“ „Wir möchten einen Reisepass für unsere Tochter beantragen.“ „ Für Reisepässe ist erst ab 12 Uhr geöffnet – bitte kommen sie später.“

Wir kamen eine Stunde später also um 13 Uhr an, als wir verblüfft den Schalter geschlossen vorfanden. An der Luke war ein Hinweis sichtbar,den wir wohl vorher übersehen hatten: „Für Reisepässe – geöffnet bis 13 Uhr“.

Am nächsten Tag erwarteten wir um 12 Uhr hochmotiviert das Begrüssungskommentar der so korrekten Beamtin. Der strenge Blick verriet keinen verheißungsvollen Ton: „Sie müssen erst an die Steuerbehörde und dann an unsere Kommerzbank um die nötigen Gebühren für den Pass zu zahlen. Danach brauchen sie eine Kopie vom Trauschein, sowie vom Ausweis der Eltern – vom Notar bescheinigt. Auf Wiedersehen. Der Nächste bitte!“ Weil eigentlich die beste aller Ehefrauen am Schalter stand und ich hinter ihren Rücken, diskreten Sichtschutz vor den strengen Blicken der Beamtin suchte, war ich wohl doch erst der Nächste. „ Guten Tag, ich bin der Mann von der Frau vorher, wenn wir es schaffen in 50 Minuten den nötigen Kram zu erledigen, gibt es eventuell die Möglichkeit...?!“ „Verschwenden sie nicht die kostbare Zeit meiner Kunden - der Nächste bitte !“ Als ich schon heldenhaft protestieren wollte, zog mich meine Frau energisch weg von der gefährlichen Front des angespannten Kollisionskurses auf dem ich mich gerade befand. „Aber so kommen wir nicht weiter“, stammelte ich. „Vergiss es , komm lass uns erst den Papierkram erledigen“.

Einen Tag später am Donnerstag hatten wir glücklicher Weise den komplizierten Papierkram pünktlich bis 12 Uhr erledigt. Verblüfft fanden wir erneut nur den geschlossenen Schalter. Darüber stand ein Schild: „Donnerstags von 9 – 10 Uhr für Reisepässe geöffnet. Freitag ist frei. Ab Montag 10 Tage Urlaub.“

„Na toll – was nun ?“ und ich begann gerade daran fieberhaft einen Ausweg zu suchen um meine glücklichsten Jahre weiter so fort setzen zu können. „Was nun ?!“ erhallte das Echo von meiner besseren Hälfte. Resigniert schlug ich vor, den Hinweis vom Schild zu befolgen: „ Na dann machen wir halt 10 Tage Urlaub!“

Erholt standen wir 10 Tage später am Schalter. Wir wollten pünktlich um 12 Uhr die ersten Kunden sein. Wir waren zwar nicht die ersten aber die Einzigen. Über dem Schalter stand ein neues Schild. „Für Reisepässe : Montag bis Freitag 9 - 17 Uhr , freundlichst geöffnet.“ Wir waren perplex. Aus dem Schalter guckte uns mit total lieben Blick, ein neues nettes Gesicht an. Unsere Perplexität verdoppelte sich. „Sie wünschen?!“ Ich trat heraus aus dem Schatten meiner Frau. „Einen Reisepass für unsere Tochter“, antworteten wir beide im Chor. „Sehr schön, sie brauchen zunächst...“ „Wir haben schon alles dabei“, reagierten wir erneut in eingespielter Spontanität. „Sogar unsere Tochter“, ergänzte ich höflichst und setzte fort: „Ihre Kollegin hatte...“ „ Papperlappapp, es gibt keine Kollegin“ unterbrach sie und prüfte unseren Papierkram, „sie hat in Spanien einen neuen Job bei einer Erdbeerplantage gefunden. Sie wurde hier gefeuert.“ „Oh, das geht aber schnell mit der EU – Integration“, stellte ich erfreut fest. „Nicht so voreilig“, unterbrach die nette Beamtin: „wir haben ein EU-Problem: sie sind Ausländer.“ „Ja, ich bin Deutscher, ist das ein Problem?.“ „Nicht unbedingt, aber wir brauchen vom Notär eine Beglaubigung,dass sie als ausländischer Vater einverstanden sind.“ „Ja, aber wir sind doch jetzt in der EU“ „Als sie Vater wurden, waren wir noch nicht EU-Mitglied“. „Was kann ich denn dafür“. „Was kann ich denn dafür daß sie Vater als Ausländer ausserhalb der EU wurden.“ Sie guckte immer noch freundlich. Ich kapitulierte: „OK – wir gehen sofot zum Notar!“

Ein paar Minuten später beim Notar. Ein smarter junger Kerl, perfekt gestylt, sprach mich an: „Sie wünschen!“ „Ich brauche einen Reisepass für mein Kind.“ Geschickt versuchte ich meine Nervosität zu verbergen. „Oh, tut mir leid,hier sind sie falsch, das Passamt liegt bloss ein paar Minuten von hier entfernt.“ „Ach, entschuldigung – ich meine – ich komme gerade vom Passamt, ich brauche von ihnen eine Beglaubigung, daß ich als Vater des Kindes...“ „Alles klar, jetzt sind sie hier richtig, haben sie den Vaterschaftstest?“ „Wieso Vaterschaftstest ?!“ Ich war gerade dicht davor auszuflippen. „ Bitte beruhigen sie sich, wir sind nun in der EU und da muss nun alles streng geregelt sein. Die aus Brüssel machen uns enormen Druck.“ „Aber hier ist meine Tochter – einen Moment“ ich rief fast panische zum Wartegang „Isabelle - komm zu Papi!“ Isabelle erschien sowas von artig und total unschuldig bei der ganzen Sache. „Sehen sie , meine Tochter ähnelt mir auf´s Gesicht geschnitten. Wieso brauche ich den Vaterschatftest ?“ „ Ja das ist die neue Regelung, nach dem Motto: sicher ist sicher.“ Ich schrie um Hilfe. Meine Frau erschien solidarisch genervt: „Wo brennt es?“ Meine Stimme überschlug : „Sag dem Herrn Notar, dass ich der Vater dieses Kindes bin, du bist Hauptzeugin!“ „ Mach doch keinen Zirkus vor deiner Tochter...“ „Sehen sie junger Mann...“ brüllte ich den Notar an : „ ich bin der Vater - mit oder ohne EU!“ „Wenn sie nicht mit diesem Ton aufhören, rufe ich die Polizei – mit oder ohne EU!“ , stichelte der Notar souverän zurück. „Stop - einen Moment, das ist ein Missverständnis ,“ griff die beste aller Ehefrauen ein . „Hier ist der Geburtsschein unserer Tochter.“ Sie hat schon so oft mein Leben gerettet. Diesmal auch meine Ehre. „ Na, warum denn nicht gleich so , na also , da haben wir ja die Sache geklärt: sie sind doch Ausländer“. „Nennen sie mich nicht Ausländer , ich bin nur ein Mensch und gleichzeitig Vater dieses Kindes und ich bin hier weil...“ „ Schon gut, schon gut wir kriegen das hin,“ beruhigte mich der Notar. Die Situation scheint sich zu entschärfen. „Ihren Ausweis – bitte!“ Ich überreichte meinen Ausweis. „Oh, auf dem Foto tragen sie Bart,“ bemerkte der Notar. Ich klärte auf:„ Ja, ist schon lange her , vor meiner Ehe, da war ich noch ein Barbar, jetzt bin ich ein anständiger Bürger der EU und ein ganz liebevoller Familienvater . Ich rasiere mich regelmässig, ist das ein Problem?“ „ Für mich nicht aber für ihre Beglaubigung, sie müssen erst den Bart wachsen lassen und in ein paar Wochen wiederkommen. Ich kann ihnen jetzt keine Beglaubigung erstellen, sie verstehen, die EU verlangt das.“

Meine Kapitulation erlangte ihren Höhepunkt. Bis der Bart wuchs, musste ich schon längst meine Konzertreise antreten. Ohne Tochter Isabelle. Dass mein Ausweis abgelaufen war spielte während der Reise keine Rolle. Bloss meine Konzerte sollten abgesagt werden, es sei denn ich rasiere meinen Bart : Wegen den Fotos auf den Plakaten, wo ich so vertrauenswürdig und ohne Bart verschmitzt lächle - nicht wegen der EU. Kapitulationen dieser Art gehören allmählich zu meinem Alltag um erfolgreich zu sein, und so liess ich meinen Bart rasieren.

Wenn meine Tochter gefragt wird, wer denn ihr Papa sei, dann antwortet sie ganz stolz wie aus der Pistole geschossen: „Mein Papa ist ein Ausländer ohne Bart!“

Hinweis: Übersetzung in Esperanto - hier: http://www.ipernity.com/blog/cezar/165027

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24 Comments / add your comment?

Cezar /Kaiserpro says:
Grossartig beschrieben, dass musss ich unbedingt übersetzen - für meine Traven-homepage, als einen Beweis dafür, dass der Mann weiter sehr aktuell ist. Im Totenschiff beschreibt Traven einen passlosen Seemann, der ähnlich Absurdes erlebte.Während viele glauben, dass wir Europäer geworden sind, belehren uns solche Dinge, dass wir noch im Kaiserreichszeitalter leben.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Cezar /Kaiser edited this comment 4 months ago.
Klaus Dieter Untch replies:
Wunderbar, viel Spass beim Übersetzen.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch edited this comment 4 months ago.
Gartenfreuden (Wolfgang)pro says:
willkommen in Absurdistan!
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Isabella Birdpro says:
Um Gottes Willen !!! Mehr fällt mir dafür nahezu nicht ein :-(
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Frieda Varwig says:
legea e lege si nu se schimba !!!
avet-i un portmoneu si nu limba ?
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
"Difficile est saturam non scribere" "Es ist schwierig, darüber keine Satire zu schreiben!"
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Wessel says:
Herrliche Tragikomödie .. freue mich auf die Übersetzung von Cezar!
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Ein paar Fortsetzungen werden bestimmt noch folgen
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Elbertinumpro says:
Die Macht der Bürokratie - und jeder entschuldigt sich mit einer Vorschrift - ich bewundere eure Geduld - Kann Isabell denn jetzt mitreisen -
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Geduld ist hier fehl am Platz, einfach nur etwas Verrückt sein, lautet hier die Devise. Noch hat Isabelle keinen Pass, aber sie ist auf dem bestem Wege genau so verrückt wie der Papa zu werden...
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch edited this comment 4 months ago.
Cezar /Kaiserpro says:
Meine Übersetzung deines Artikels ins Esperanto!

http://www.ipernity.com/blog/cezar/165027

***
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Cezar /Kaiserpro says:
Hans-Georg Kaiser

Der Verrückte

Das Massentier ist nicht entzückt,
wenn einer aus der Reihe rückt.
Fühlt gar der EINE sich beglückt.
So denkt man gleich, der ist verrückt.

Verrückt ist der, sich was traut,
Der selber denkt, und auch noch laut.
Allein am Rand mit dünner Haut,
kein Wunder, dass uns vor ihm graut.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Verrückt zu sein ist nicht so leicht,
wenn man von aller Norm abweicht.
Man steht da hilflos vor der Menge,
und sitzt sogar noch in der Klemme.

Verrückt ist man um sich zu wehren,
vor Dinge die Glück erschweren.
Das Ziel naht rasch im Lebensstreit,
der Preis dafür ist Einsamkeit.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
bembelkandidat says:
also wirklich, da fällt einem nix mehr ein ... trotz aller ärgernisse leicht und gut geschrieben!!!
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Offensichtlich sind solche Ärgernisse notwendig um leicht und gut schreiben zu können.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Dieter Dungert says:
Da Cezar so fleißig war und schon so eine gute Esperanto-Übersetzung vorgelegt hat, würde ich diese gern in der nächsten Nummer meiner kleinen Esperanto-Zeitung "Magdeburga folio" veröffentlichen. Ist das in Ordnung?
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Also lieber Dieter, vielen Dank für Deinen Vorschlag. Natürlich freue ich mich wenn Du die Geschichte veröffentlichst. Sicherlich ist das eine kleine Inspiration für mich weitere ähnliche Geschichten publik zu machen.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Wiesepro says:
Klasse! Wollte nur mal quer lesen und konnte mich dem Ganzen dann nicht entziehen. Super geschrieben. Hast schon ne klasse Frau :-))
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch replies:
Ohne meine klasse Frau würde ich hier auf verlorenem Posten stehen.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Cezar /Kaiserpro says:
Sage keiner, das Gott seinen Lieblingen die richtige Frau zusendet, auch ich wäre ohne mein Weib unglücklicher::).
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Cezar /Kaiserpro replies:
Sage keiner, das Gott seinen Lieblingen NICHT die richtige Frau zusendet, auch ich wäre ohne mein Weib unglücklicher::).
Posted 3 months ago. ( permalink / translate )
Klaus Dieter Untch says:
Gott erteilt uns mit der richtigen Frau eine däftige Portion an Lektion.
Posted 4 months ago. ( permalink / translate )
Frieda Varwig says:
In der Bibel steht: Gott gab dem Adam eine Gehilfin.
Gehifin = Geh hilf Ihm
Posted 3 months ago. ( permalink / translate )
Cezar /Kaiserpro says:
An Dieter,

wen Du etwas von mir verwenden willst, also Texte, dann immerzu, auch ohne Anfrage, so lange mein Name darunter steht, ist das in Ordnung. Ich gehe ja den öffentlichen Weg, horte keine Texte, um damit Geld zu verdienen, mir kommt es darauf gelesen zu werden:). Aber ein kleiner Hinweis der Nutzung an mich wäre schon angenehm. Auch, wenn es (nur) eine Übersetzung ist.
Posted 3 months ago. ( permalink / translate )

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