Der letzte Tag in Shanghai war wirklich schön, gutes Wetter, Sonne. Der relativ neue Stadtteil Pudong am östlichen Ufer des Huang Pu bestand in der Nähe des Flussufers fast nur aus Hochhäusern. Ein Taxifahrer erzählte uns, dass viele Menschen in Shanghai westlich des Flusses arbeiten und in Pudong wohnen, da es dort auch günstigere Wohnungen gibt. Nun, diese habe ich zumindest nicht gesehen, sondern nur Wohnungen mit Blick auf den Fluss und die gegenüberliegende Skyline, die bestimmt exorbitant teuer sind. Weiter hinein kam ich dann auch nicht, da ich doch kein Fahrrad bekommen hatte, und das Zu Fuß herumspazieren zwischen Wolkenkratzern wenig verlockend war.

Nachmittags habe ich Patrick wieder getroffen und wir haben „einige“ Sachen als Reiseverpflegung eingekauft, für zwei Tage muss man schon ein wenig vorsorgen. Es wurde recht viel und musste in einer karierten Extra-Plastik-Tasche verstaut werden, die dann transportgerecht auf meinem Rollkoffer verschnürt wurde. Die gesamte Konstruktion wurde von den Chinesen mit eher erstaunten Blicken quittiert, da sonst Ausländer selten mit Rollkoffer und Übergepäck im hard sleeper eines Zuges reisen. Und trotz starkem Gedränge vom Wartesaal zum Bahnsteig kamen ich und mein Koffer heil im Zug an. Unverständlicherweise entbrannte auch im Wartesaal für die Liegewagen, in dem eigentlich alle Wartenden fest Platzreservierungen haben, ein Kampf um den vordersten Platz in der Schlange, wo Platz war, wurde nach vorne gedrängt und schließlich setze sich eine große Masse in Bewegung, nur kanalisiert von Absperrgittern und den etwas engeren Treppen zum Bahnsteig. Nur ein hinterhergezogener Rollkoffer verschaffte ein wenig Platz nach hinten, wurde aber auch als Übertragungsmittel für den Schub von hinten missbraucht. Alles hat seine Vor- und Nachteile...

Der Zug war gut besetzt, aber unsere Mitreisenden in den Liegeplätzen über uns trauten sich nicht, sich wie sonst üblich auf die zwei untersten Liegen, die von Patrick und mir belegt waren, zu setzen, sondern gingen gleich „schlafen“. Zehn vor neun setzte sich der Zug in Bewegung, um zehn wurde die „Bettzeit“ verkündet und wir um unsere Mitarbeit gebeten und um halb elf war Licht aus und es wurden die Vorhänge vor die Fenster gezogen. Kann es eine deutlichere Aufforderung zum Schlafen geben?

Die Chinesen über mir waren am nächsten Tag schon um sechs Uhr morgens wach, ich konnte mir noch drei Stunden Schlaf erkämpfen, bevor ich vor Licht und Lärm kapitulierte. Nach dem Frühstuck und ein wenig Lektüre ließ es sich dann aber schon wieder im Sitzen schlafen, anderthalb Wochen seit Kettwig konstant zu wenig Schlaf haben dann doch ihre Wirkung getan. Dafür sind Zugfahrten ja aber da, um erholt am Zielort anzukommen! Die nächsten anderthalb Tage bestanden daher nur aus schlafen, essen, lesen, dösen, aus dem Fenster gucken, unterhalten und Chinesisch üben, unterbrochen von Halten an mehr oder weniger großen Bahnhöfen. Je weiter der Zug nach Westen fuhr, umso kleiner wurden die Orte um die Haltestellen, man fuhr nicht mehr zwanzig Minuten durch eine Agglomeration, bevor man wirklich am Bahnhof war. Es stiegen auch immer mehr Leute aus und keine mehr ein, dank des chinesischen Kartenverkaufsystems, das die Züge am liebsten vom Startbahnhof auf „voll macht“ und danach keine Karten mehr verkauft/verkaufen kann(?). Mittags begannen sich auch andere Leute bei uns auf die Liegen zu trauen und sich mit uns zu unterhalten. Die Unterhaltungen gingen dann mehr oder weniger in die Tiefe, mehr bei Patrick, der sich dann auch über Politik unterhalten musste, und weniger bei mir, da ich bei gewissen Themen einfach nichts mehr verstand oder sagen konnte.

Draußen zogen verschiedene Landschaften an uns vorbei, die man sehen konnte, hatten jedoch eins gemeinsam: terrassiert und beackert soweit das Auge reicht. Mir lief es teilweise kalt den Rücken hinunter, als ich die unbefestigten Terrassen an noch so steilen Hängen und die Erosionsrinnen und -schluchten in den Lössböden sah. Gut, dass da im Gegensatz zu Deutschland noch mehrere Meter Löss vorhanden sind, aber wie viel und wie lange noch? Aber wir fuhren auch nur durch stark besiedeltes Gebiet, und nicht durch verschiedene repräsentative Teile Chinas (das beruhigt ein wenig, aber nicht wirklich...).

In Urumqi angekommen haben wir am Bahnhof bei der Suche nach einem Taxi gleich einen kapitalen Fehler gemacht: den Namen unseres Hotels genannt, in dem wir die nächsten fünf Tage für die Dauer des Delegationsbesuches wohnen werden und das die erste Adresse am Platz ist. Sogleich stiegen die Transportkosten um das Dreifache. Letztendlich haben wir sie um das 15-fache reduziert, indem wir mit dem öffentlichen Bus gefahren sind... Das Hotel ist wirklich schick und teuer und wurde hauptsächlich zu Repräsentationszwecken während des offiziellen Besuches der Projektdelegation, derer ich ein Teil bin, gewählt. Schein ist alles! Nach dem Abendessen, das am ehesten einem leckeren Gulasch mit Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Suppe nahe kam und sehr gut geschmeckt hat, traf um zehn Uhr abends Pekinger Zeit auch das dritte Viertel der Gruppe ein, Sha, und wir haben vom Organisator auf Chinesischer Seite den Plan für die nächsten fünf Tage erklärt bekommen. Freitag, also heute, wird noch ein entspannter Tag, an dem ich mir noch die Stadt anschauen kann, da unser Delegationsleiter erst heute Abend eintrifft. Diese Zeit sollte genutzt werden.

Hier in Urumqi gilt offiziell die Pekinger Zeit, die Deutschland sechs Stunden voraus ist. Da Urumqi aber so weit im Westen liegt, ist man eigentlich nur vier Stunden vor Deutschland, und das ist dann auch die Xinjianger Zeit. Es kann aber vorkommen, dass eine Bank offiziell und 10.30 aufmacht und um 19.00 schließt, was aber eigentlich einer lokalen Zeit von 8.30-17.00 entspricht. Leider wird es schon so früh dunkel, dass wir uns entschlossen haben, nach Pekinger Zeit aufzustehen und möglichst viel vom Tag mitzubekommen. Heute morgen war es beim Aufstehen noch dunkel....seufz.