Delitzsch, Delitzsch? Ja, schon mal gehört, dort gibts eine Schokoladenfabrik, sie arbeitet immer noch, trotz DDR-Vergangenheit. Die Erzeugnisse sind gut geniessbar, wenngleich nicht unbedingt gesundheitsfördernd. Und sonst? Ach ja, steht auf Braunkohle. Aber die Tagebaue sind geschliffen. Stehen nun voller Wasser und bereichern das Neuseenland um Leipzig. Aber irgendwann könnte ja jemand auch wieder "Kohle" brauchen? Dann wird wieder alles anders.

Kürzlich waren wir dort. Einen Enkel, den derzeitigen Seemann, hat's da hin verschlagen. Der Liebe wegen, wie man so sagt. Es gab Grund zum Besuch.

Backstein frisch gewaschen an der Bismarckstrasse Regen in der Vorstadt Der Ort war gerade in der grossen Wäsche, vom Himmel wurde reichlich Wasser geliefert; mal schüttete es ungebremst aus Kübeln, dann gab es wieder leichten Landregen (für Schnee war es ein ganz klein wenig zu warm). Also alles schön sauber. Es gab aber auch eine Regenpause am Sonnabend, wie erfreulich.

Delitzsch hinterließ zunächst einen zwiespältigen Eindruck, etwas zerissene Industriegegend am Rande der Ortschaft auf dem flachen Land, Häuser oft aus Backsteinen errichtet. daneben geduckte kleine Häuschen, aber meist gut in Schuss gehalten, anderseits eine letztlich Schloss Delitzsch... Tritt ein in das Schloss Schloss mit Garten interessante, verwinkelte Altstadt mit einem restaurierten Barockschloss samt Garten. Das Standesamt und die Stadt-Information sind dort untergebracht, auch ein Museum, dies war gerade nicht zugängig. Vom Turm hat man eine gute Aussicht, so wurde uns versichert. Eine Überprüfung habe ich unterlassen. Eine gute Gaststätte mit Speis, Trank und flotter, freundlicher Bedienung gab der Festivität, den deretwegen waren wir erschienen, den erforderlichen Rahmen.

Es war auch möglich im Freien zu fotografieren, es gab allerdings vorwiegend "nasse" Bilder, eine Unterwasserkamera wäre nicht falsch gewesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Delitzsch

Bei näherem Hinsehen enthüllte sich doch Bemerkenswertes. Die Stadt liegt halbwegs im Städtedreieck Leipzig - Halle - Dessau. Die sehenswerte Altstadt steht heute unter Denkmalsschutz, zu recht. Die alten Tagebaulöcher mutierten zu Naturschutzgebieten und wassereichen Erholungslandschaften. Bemerkenswert sind die technischen Denkmale in dieser Gegend. Ferropolis ist nicht weit, eine "Strasse der Braunkohle" ist konzipiert.

Delitzsch 1630 Im 10. Jahrhundert begann hier die Ansiedlung von Menschen, die sorbischen Slawen sollen die ersten gewesen sein. Und schon 1200 gab es ein Stadtrecht! Es folgte eine wechselvolle Geschichte. Ein gut gemachter Stadtführer gibt Auskunft.

Im 15.Jahrhundert war Delitzsch eine wichtige Stadt in Sachsen, dann kam der 30-jährige Krieg und alles wurde anders.

Das Schloss, bereits im 14.Jh. entstanden, war Reiseresidenz der Sachsenfürsten und später Witwensitz. Es soll auch als Frauenzuchthaus gedient haben, also ein vielfältig nutzbarer Raum.

Um die Altstadt zieht sich eine -früher sechs Meter hohe- Backstein-Stadtmauer in rot. der Breite Turm

An der Mauer Stadtmauerrest Gekrönt Delitzsch - Hallescher Turm von zwei Stadttürmen, dem Hallischen und dem Breiten, die ehemals einzigen Zugänge zur Stadt. Alles so um die 600 Jahre alt. Heute umschliesst auch ein Grüngürtel die Stadt.



Auch eine kursächsische Postmeilensäule,schön hergerichtet, ist vorhanden und zeugt von dem Kursächsische Postmeilensäule... Detail - Delitzsch früheren sächsischen Verkehrsknoten.

Einige Delitzscher haben bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Allen voran wohl Hermann Schulze- Delitzsch /1808-1893/ (aus den massenhaft vorhandenen Schulzes hob er sich heraus durch anhängen des Stadtnamens), Mitglied der deutschen Nationalversammlung. Es war mir bisher nicht bekannt, dass er als Begründer des deutschen Genossenschaftswesens gilt; er gründete die erste deutsche Handwerkergenossenschaft. Gedichtet hat er auch noch, so z.B.: "Auf, die Reise frisch begonnen und das Ränzlein wohl geschnürt..."

Herr Schulze-Delitzsch im Regen Die Gebrüder Brandis /1440/50/ sind mit der Entwicklung des Buchdruckes in Europa eng verbunden.

Johann Friedrich Kind /1768-1843/ machte als Dichter und Schriftsteller von sich reden (Operntexte zu "Das Nachtlager von Granada" und "Der Freischütz")

Christian Gottfried Ehrenberg /1795-1876/ wurde bekannt durch Forschungen zu Flora, Fauna und Geografie des vorderen Orients. Er begleitete Alexander von Humboldt auf einer Asienreise.

Das Wochenende hatte, gewissermassen als Nebeneffekt, doch einigen Erkenntnisgewinn gebracht, wenn auch unter etwas "unsommerlichen" Randbedingungen.