(aus Konrad Heidkamp: "There is a house in Eisenach", erschienen in "Die Zeit" Nr. 36 vom 30.8.2007)

"...Vor einem Jahr landete New Orleans in Eisenach. Ein Überseecontainer, gefüllt mit 7000 Schallplatten, mit Büchern, Noten und mehreren Schlagzeugsets, stand am Rande der Stadt von Luther und Bach. Absender: der Schlagzeuger Trevor Richards, seit 25 Jahren wohnhaft in 4938 South Rocheblave Street, in einem der vielen zerstörten Viertel von New Orleans. Empfänger: der Jazzclub Eisenach, wohnhaft in der Alten Mälzerei, Palmental 1. Den Inhalt stiftete der 62-jährige Engländer, der sein Haus in New Orleans nach der Flut aufgeben musste, der Jazzclub übernahm die Transportkosten von 2500 Dollar. Man könnte das Geschäft auch anders beschreiben: Eine lebenslange Liebe zur Musik sucht eine letzte Heimat.

Seltsam trübe Wassertropfen muffeln noch immer aus aufgequollenen Schallplattencover in den Plastikhüllen, manchmal bröselt auch schon der Staub der getrockneten Pappe. Kartonweise stehen und liegen die seltenen Stücke im ersten Stock des Eisenacher Jazzarchivs – überall warten gelbe Gummihandschuhe auf Arbeit. Die Vinylplatten werden in der Plattenwaschmaschine gereinigt, in frische weiße Hüllen gesteckt und mit fotokopierten Coverbildern versehen, der Jazzkenner will Klarheit. Stripteasetänzerinnen auf Plattenhüllen, die New Orleans früher nie verlassen hatten, lehnen an einem Regalmeter Louis Armstrong,Jazz Piano Rolls und Marx Brothers on Radio stehen neben nie gehörten Aufnahmen von New-Orleans-Paraden, Billie and Dede Pierce With Vocal Blues And Cornet in The Classic Tradition, wer kennt die Namen, zählt die Platten?

Zwei Drittel der Schallplatten sind in einwandfreiem Zustand, ein Drittel weist mittlere bis schwere Wasserschäden auf. Manches scheint musikalisch belanglos, bleibt für die Sammlung aber unverzichtbar. Der vermeintliche Widerspruch löst sich im Konzept des Jazzarchivs Eisenach auf. Kulturamtsleiter Reinhard Lorenz, Herz, Kopf und Seele des Jazzarchivs wie des Jazzclubs, will das »Vermächtnis« nicht alphabetisiert zerstückeln und funktional auf Regale verteilen, er will, dem Gedanken der Kultur als menschliche Praxis von Hermann Glaser folgend, New Orleans seinen eigenen Raum geben, mit den dazugehörigen Büchern, mit dem Schlagzeug von Zutty Singleton, das einst Louis Armstrong begleitete. »Es sind die kleinen Geschichten, die große Geschichte ausmachen, viel mehr, als sie in der ›oberen Etage‹ denken«, sagt der 1952 nahe Eisenach geborene Reinhard Lorenz und deutet auf ein anderes Instrument aus der Schatztruhe, ein zusammenlegbares Schlagzeug – Musik muss beweglich sein. ..."

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Fotos: Jazzclub