[eher ein Experiment als ein Text - geschrieben im März 2008, jetzt etwas überarbeitet - Original hier]



Wollte jemand versuchen, die Melodie meines Lebens zu spielen, er hätte es nicht leicht.
Welches Instrument würde er wählen? Klavier, Alphorn, Bratsche, Theorbe, Laute, Dudelsack?
Für welches Tempo sich entscheiden? Allegro, Adagio, Andante?
Und die Notenwerte? Achtel, Viertel, Sechzehntel?
Das Tongeschlecht? Ich bin nicht Dur, nicht Moll, nicht hart, nicht weich, bin nichts und doch alles gleichzeitig.
Die Form? Kein Sonatenhauptsatz, kein Rondeau, kein Marsch, keine Ouvertüre.
Harmonik? Zitternde Akkorde wollen Auflösung - ich ignoriere ihre Strebetendenzen, führe sie immer wieder in die falsche Richtung, eine wandelnde Antithese, unwissend, mit mir selbst nie in Einklang.
Quintolen gegen Sextolen, Quartenschichtungen, Dominantseptnonakkorde ohne Grundton, lydische Leukämie, mixophrygische Magengeschwüre, alles mischt sich und Klarheit verschwimmt.
Der Komponist, der mich geschrieben hat, muss ein fürchterlicher Stümper gewesen sein.
Wurde ich enharmonisch verwechselt?
Passt mein Lied deshalb nicht in diese Welt?
Tränen fließen wie Noten, polyphone Klänge, endlose erweiterte Tonalität und nichts ist erkennbar.

Manchmal träume ich:
Tränen verzaubern verleihen Flügel, dann fliege ich, hoch und weit, wehe und schwebe durch die Luft wie der Schall, mit allem eins.
Aber irgendwann sind keine Tränen mehr übrig, die Flügel lösen sich auf; dissonantes Erwachen, fallende Modulation, Sturz in die Atonalität - da ist kein Klangteppich, der mich auffängt.
Und es ist meine Schuld, bin ich doch die Komponistin, habe ich doch nie versucht, meine Melodie mit anderen zu vereinen, war ich doch immer zu fremd für diese Welt. Ich habe mich mit einem Vakuum umgeben, weil es einfach war. Niemand kann mich kennen, weil niemand mich hört.
Selbst wenn, man kann nichts verstehen im Gewirr der Wellen.


Eine suchende Hand verliert und findet nicht; die Steppe der Kakophonie ist einsam.