Buchtitel:

Die letzte Mohnblüte.

--- es ist ein Kapitel aus der Mitte des Buches herausgegriffen. --- Leseprobe.

Ruinen. ( 6. Kapitel)

Wir hatten fast die ganze Nacht unten im Bunker verbracht. Der höllische Lärm der feindlichen Flugzeuge, die im Tiefflug über Berlin kreisten, liess uns immer wieder aufhorchen.

Irgendwo schlugen Bomben auf. Bei jedem Aufschlag erschútterten die Wände. Wir sahen uns schweigend und starr vor Angst an und hielten uns an den Händen. Einige beteten im Stillen, Gott lass uns überleben. Die abgesicherten Betonwände hielten, obwohl einige Brand- und Phosphorbomben - wie wir später erfuhren- das Dach schädigten.

Am nächsten Morgen ertönte die Entwarungssirene. Dann hörte man die schrillen Klingeln der Feuerwehrfahrzeuge, und das ununterbrochene Hupen der Rote-Kreuzwagen. Alles drängte sich wie wahnsinnig aus dem Bunker, nur raus ins Freie. Mutter mahnte uns beieinander zu bleiben, wir vier Kinder und sie.

Als wir auf die Strasse traten, -ich werde den Anblick nie vergessensen,- umfing uns eine feuchtkalte, rauchige Luft. Der Himmel war schmutzig grau. Stellenweise sah man schwefelfarbene, langezogene Wolken. Hier und da flogen verkohlte Papier- und Stoffetzen duch die Luft. Die Sonne sah, strahlenlos, wie eine mattglänzende Bronzescheibe aus.

Mutter sagte hastig: - Macht schnell- . Wir eilten im Laufschritt die Lankwitzerstrasse hoch und sahen uns nicht mehr viel um, bogen dann in die Lorenzstrasse ein. Immer nur der Gedanke, hoffentlich ist unser Haus verschont geblieben.

Links und rechts der Strasse Trümmer,Qualm, und veränstigte Menschen. Es war ein Bild des Entsetzens. Einige Háuser brannten noch, andere waren unversehrt. Immer noch stürtzten Wánde ein. Brennende Fensterrahmen und Dachteile brachen ab, wie Feuervögel, sich überschlagend, liessen sie sich herab.

Der Schutt versperrte den Weg fuer die Feuerwehr und die Rote-Kreuzfahrzeuge. Eine Kuadrille von Freiwilligen schaufelten den Weg frei. Plötzlich brach neben uns eine Háuserwand ein. Ein Polizist schrie uns an : - Versdammt, geht auf der Mitte der Strasse, vom Búrgersteig runter, los, los ! Mutter mit dem Kinderwagen konnte garnicht so schnell, wir schoben nach. Mutter rannen die Tränen, wir weinten auch und klammerten uns an sie.

Vor einigen ausgebombten Häusern sassen Frauen und Kinder, nur wenig Männer, denn die meisten waren ja an der Front.

Mütter und Kinder sassen da, mit fahlen übernächtigten Gesichtern auf Koffern oder irgendeinem Bündel das sie noch retten konnten. Ratlos, wie vergeistert, blickten sie um sich, als wenn sie es noch nicht fassen konnten.

Zufällig fiel unser Blick auf eine junge Frau in einem dunkelblauen verschlissenen Mantel, und einem bunten Kopftuch, die bewegungslos, wie erstarrt an einer Mauer lehnte. Ein paar verstaubte, blonde Locken sahen unter dem Tuch hervor. Aus ihrem fahlen Gesicht sahen ein paar tiefliegende blaue Augen und fixierten einen Punkt den sie nicht mehr losliess. Es war ein Haufen Trümmer. Wir blieben eine kurze Weile stehen, und konnten von dem Anblick nicht loskommem. Mutter wollte weiter, aber irgendwie waren wir in den Bann dieser Frau gezogen.

Plötzlich zuckte sie zusammen, rang ihre Arme um einen verkohlten Pfahl. Dann liess sie die Arme wieder sinken, hob langsam eine Hand und wies erst stumm auf den Haufen zerbróckelter Ziegelsteine, dann schrie sie laut auf: - Wo ist Erich? Er war eben doch noch bei mir, er muss da sein, - und lief mit unsicheren Schritten zu der Stelle. Dann sank sie zu Boden und grub wie wahnsinnig in dem Schutt. Sie sah wie in einem Trance um sich. Nocheinmal brachte sie mit rauher Stimme hervor: - Ihr Scheisskerle ihr habt ihn umgebracht -

Ein paar Männer näherten sich ihr, und versuchten sie zu beruhigen, aber sie schlug um sich, dann hielten sie die Frau fest und übergaben sie dem Rote - Kreuzwagen. Eine Gruppe Menschen die sich diese Scene mitansahen atmeten erleichtert auf, und gingen kopfschüttelnd und verstört weiter.

Dann kamen wir an unser Haus, Gott sei Dank, ausser Lichtsperre, und Telephonausfall war alles in Ordung.( Lorenzstrasse 3, das Gebäude steht heute noch) .

Wir wohnten im zweiten Stock. Über uns hatte die SA Ihre Büros, und noch weiter oben hielt der Bann der HJ ( Hitlerjugend) immer seine Sitzungen. Als wir die Treppe zu unserer Wohnung stiegen kamen gerade ein paar SA Uniformierte und trugen jeder einen Packen Aktenordner, die in ein Fahrzeug gebracht wurden welches draussen wartete. Sie hatten es anscheinend eilig.

Wir lebten Tag fuer Tag immer in der Erwartung, - wann wird der náchste Bombenangriff sein?

Ausschnitt und Leseprobe aus meinem Buch " La última amapola" ins Deutsche von mir übersetzt. ·" die letzte Mohnblüte"

Hildegard Rasch