Oh! diese Nachbarn

Es handelt sich hier um zwei Familien.

Eine trug den Nachnamen Grün und die

andere nannte sich Blau. Das war wohl

Bestimmung oder vielleicht Zufall, wer

weiss das. Ausserdem unterschieden

sich ihre Háuser, das der Blaus war blau

und jenes der Grüns war grün. So hatte

-allem Anschein nach - alles eine

gewisse Ordnung.

So wohnte auch einer dem andern

gegenüber.

Die Blaus waren dort schon lange an-

ansässig, die Grüns waren sozusagen

hinzugezogen.



Wie das so ist mit Nachbarn:sie

" beschnüffelen" sich gegen-

seitig, und ziehen dann ihre Schlüsse.



Die Grüns meinten, dass die Blaus,

provinzlerisch seien, im übrigen kleine

Leute mit denen man keinen weiteren

Verkehr wuenscht. Die Blaus fanden

die Grüns hochnäsig und eingebildet,

also war ihnen ein Náherkommen auch

nicht lieb.

Die Familie Blau war eine kinderreiche

Familie, hatten auch Tante Erna bei

sich, schliesslich war sie Witwe und

störte nicht weiter, sie sass sowieso

nur immer am Fenster und strickte

warme Wollhosen, stets zwei rechts

zwei links.

Ab und zu berichtete sie was alles so in

der Nachbarschft passierte.



Sie war total verstört als sie sah, dass

die Grüns ihr Haus blau anstreichen

liessen. Das war doch die Höhe,

und setzte ipso facto Vattern

Blau davon in Kenntnis. Mutter Blau

hatte sich schon seit langen damit

abgefunden nie eine eigene Meinung,

äussern zu duerfen, mit der Zeit,-

einsichtig wie sie von Natur aus war,-

war ihr ob Grún oder Blau sowieso

egal.

Nachdem das Haus der Grüns blau ge

strichen war, bestellte sich Vattern Blau

einen Maler und liess bei sich

alles Grün anstreichen,alles Grün,

eingenommen Zaun und Lichtpfosten.

Die von gegenüber

sollten schon sehen was die Blauens

waren.

Also, Die Grünens hatten keine Kinder,

dafuer aber ein schickes Auto und ein

Dienstmädchen die Klavier spielte,

sowie einen reinrassigen Pudel, einen

riesengrossen

Garten mit Swimming- Pool und

Gartenlaube, eine Hollywoodschaukel,

und noch eine Reihe anderer Schika-

nen.

Die Blauens hatten immerhin einen Hof

zum Waescheaufhaengen, benutzten

die Strassenbahn, -warum auch nicht?-,

gingen im Sommer zur Badeanstalt und

im Winter zum Rodeln in den Stadt-

park.

Dieser Wettstreit mit den

Nachbarn fiel Vattern Blau allmählich

auf die Nerven, wenn er beispielsweise

Stiefmütterchen in den Vorgarten

pfanzte, dann kaufte Herr Grün ein

Dutzend der elesensten Rosen, so in

dem Stil ging es ewig weiter.

Der Tag rückte heran, das Vattern Blau

sich entschloss in ein anderes

Stadteil zu ziehen.

Das setzte die Familie Blau in die Tat

um. Die Grünens beachteten das nicht

einmal.

Dort- sollte man annehmen,- dass der

Seelenfrieden der Blauens wieder

hergestellt war.

Eines Tages passierte folgendes: Pappa

Blau widmete sich dann ganz und gar

der Pflege seines neuen Gartens,

schwitzte und schnaufte beim Jäten

seines Staudenbeetes. Nur wie zufállig

sah er über den Zaun in Nachbars Gar-

ten. Er traute seinen Augen nicht, da

sass Ehepaar Grün gemütlich auf einer

Terasse und sonnten sich, tranken

Limonade und verputzten pomme chips.

Hildegard Rasch