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July 3rd, 2009

Nancy



Nancy



(für A.)




Liebe Nancy!

Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem wir das letzte Mal richtig miteinander geredet haben. Weil in letzter Zeit alles ein wenig schwierig zwischen uns war, und weil es eine Menge Dinge gibt, die ich Dir sagen will, habe ich beschlossen, Dir diesen Brief zu schreiben.

Zunächst einmal möchte ich Dir sagen, dass ich Dich sehr vermisse. Ich vermisse sehr die vielen schönen Augenblicke, die wir zusammen hatten, ebenso wie unsere Gespräche. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass alles schwieriger zwischen uns beiden geworden ist, seitdem ich so "ausgerastet" bin. Du warst danach nie wieder so offen zu mir, und das tut mir leid. Ich habe mich schon tausendmal entschuldigt, aber ich befürchte, ich kann das, was damals passiert ist, nicht so leicht wieder gut machen.

Vielleicht versuche ich es hiermit doch noch einmal: Es ging mir damals einfach nicht gut. Ehrlich, ich wollte immer für Dich da sein und ein offenes Ohr für Dich haben, aber damals (meine Güte, ich schreibe schon "damals", dabei ist es erst drei Wochen her!), als Du mir wieder von Marcus erzählt hattest, ging es einfach nicht. Das ist meine Schuld und es tut mir leid. Ich hatte in jener Woche kaum geschlafen - du weißt ja selbst, dass wir uns beinahe jeden Tag zum Spazieren und Reden und Trinken und Tanzen verabredet hatten und bis früh morgens aufgeblieben sind. Und irgendwie haben mich Deine ganzen Probleme so sehr beschäftigt, dass ich selbst ganz unglücklich damit wurde.

Ich möchte aber auf keinen Fall, dass Du jetzt denkst, Du dürftest mit mir nicht über Deine Ex-Freunde oder über Sex reden, denn wie Du weißt, hast Du vor jenem Vorfall sehr oft kaum über etwas anderes geredet, und ich habe Dir immer gut zugehört, Dich getröstet und Dich beraten.

Ehrlich, Du bist die tollste Frau, die ich jemals kennengelernt habe. Noch nie zuvor hat mir jemand so viel anvertraut, und das macht mich sehr glücklich. Allein an jenem Abend, an dem Du zu mir gesagt hast, Du würdest niemals ausschließen wollen, dass aus unserer guten Freundschaft irgendwann einmal viel mehr werden könne, war ich, glaube ich, so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.

Vielleicht setzt es Dich ja unter Druck, dass Du mir das damals gesagt hast, und dass ich jetzt seit einem Jahr (ja, heute ist es zufällig auf den Tag genau ein Jahr her!) hoffe, dass daraus mehr werden könnte. Vielleicht setzt es Dich auch unter Druck, dass so viele von unseren Freunden immer wieder bemerken, wie toll wir zusammen passen und dass jene, die uns nicht so gut kennen, denken, dass wir schon längst zusammen wären.

Aber vergiss was die anderen denken und vergiss meine Hoffnungen... ich weiß, dass wir uns dazu noch näher kennen lernen müssen, und dass Du Zeit brauchst. Ich weiß inzwischen aber auch schon viel mehr über Dich...

Ich weiß, wie Du die Zeit mit Sascha in Südfrankreich genossen hast, als Du neben Eurem Zelt inmitten der blühenden Lavendelwiesen beim Kommen so laut schreien konntest, wie Du wolltest, weil überhaupt niemand in der Nähe war. Und wie leid es Dir tut, dass ihr schlussendlich doch nicht zusammengepasst habt, weil Du Dich bei ihm so unverstanden gefühlt hast.

Oder wie es mit Thomas war, der es am liebsten im Stehen mit Dir trieb, wie zum Beispiel am Fenster dieser Burgruine in Budapest, dessen Freunde Du aber nicht leiden konntest, weswegen diese Beziehung auch nicht hielt.

Oder eben mit Marcus, den Du noch immer sehr vermisst, der eigentlich der ideale Mann für Dich wäre und mit dem Du Deinen Höhepunkt spielend zwölfmal hintereinander erreichst, weil er genau weiß wie er Dich anfassen muss... und der ungerechterweise keine Beziehung mit Dir will, weil er – was Du gar nicht verstehen kannst – "einfach nicht will". Und das, obwohl es so toll mit ihm ist und er so gut riecht und er so gut schmeckt und promoviert hat und echt Ahnung vom Leben hat und genau weiß was er möchte und wo es lang geht und Du bei ihm gar nicht anders kannst undsoweiter undsofort.

Ich bin froh, dass Du mir das alles anvertraut hast. Und auch an jenem Abend, an dem Du mir ausführlich beschrieben hast, auf welche Art und Weise Marcus seinen Orgasmus hinauszögert bis Du auch soweit bist, und als Du mir erzählt hast, dass Du Dir nicht vorstellen kannst, dass irgendein anderer Mann so etwas könnte, war Deine Offenheit ein großes Geschenk für mich, und ich hätte es auch gerne, dass Du weiterhin so offen zu mir bist.

Nur, das Problem ist, und bitte versteh mich nicht falsch, an jenem Abend ging es mir echt nicht so besonders gut, und weil ich, wie vorhin schon gesagt, seit einem Jahr hoffe, dass mehr aus "uns" wird und weil ich ganz unglaublich müde war und weil ich, verzeih mir, ziemlich verliebt in Dich bin, wurde ich eifersüchtig. Es tut mir leid, was ich gesagt habe, das ist mir alles wirklich nur so rausgerutscht, und wäre ich wacher gewesen, wäre es nicht passiert.

Ich muss zugeben, es hat mich bis ins Mark getroffen, als Du mir nach meinem "Ausfall" gesagt hast, Du glaubest allmählich, Du hättest einen Freund zu viel. Ich weiß, wie leicht man das Vertrauen, das eine Person in einen hat, kaputt machen kann, und ich würde es mir nie verzeihen, wenn das Vertrauen, das Du in mich hattest, an jenem Abend Schaden genommen hat.

Dir dies zu schreiben, war mir sehr wichtig, aber es ist nicht der einzige Grund für diesen Brief.

Mein Herz hat wahre Luftsprünge vollführt, als Du mich vor zwei Tagen angerufen hast, um mir diesen gemeinsamen Urlaub in Island vorzuschlagen. Ich habe Dir ja schon davon erzählt, wie ich schon immer davon geträumt habe, einmal nach Island zu gehen und dort durch das Land zu wandern... und dies zusammen mit Dir zu tun, ist ungefähr das Schönste, was ich mir wünschen könnte.

Ich hatte jetzt allerdings zwei Tage Zeit, über diesen Urlaub nachzudenken, und nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht doch nicht so geschickt wäre, wenn ich mitfahre. Ich meine, ich bin durchaus gespannt darauf, Marcus kennenzulernen, aber mit einem mir außer von Deinen Erzählungen her vollkommen unbekannten Menschen zwei Wochen auf engstem Raum zusammen zu verbringen, könnte vielleicht schwierig werden.

Außerdem verstehe ich es, wenn ich ehrlich sein soll, auch nicht ganz, warum Du mich dabei haben willst, wenn Marcus dabei ist. So wie ich Deine Erzählungen interpretiere, möchtest Du gerne versuchen, ihm näher zu kommen, und ich denke, dabei würde ich nur stören. Also, warum das Ganze? Ab und zu habe ich das Gefühl, Du willst irgendein Spiel mit mir treiben, willst schauen, wie weit meine Toleranz und mein Verständnis gehen. Vielleicht willst Du auf diese Art und Weise auch testen, ob ich zu einer Beziehung mit Dir tauge - ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass es mich allmählich ein wenig anstrengt. Ich meine, ich habe mir die ganze Zeit alles Mögliche angehört über Deine vergangenen Beziehungen, ich habe Dir zugehört, ich habe Dich verstanden, ich habe Dich getröstet, allmählich reicht es mir. Was denkst Du eigentlich, wer Du bist? Was denkst Du eigentlich, was Du noch alles mit mir machen kannst? Denkst Du, ich bin so blöde, dass ich es nicht merke, wie Du die ganze Zeit mit mir herumspielst, wie Du Dich an der Eifersucht ergötzt, die ich in mich hineinfresse? Und noch eines: Mir anzudrohen, mir die Freundschaft aufzukündigen, nur weil ich es allmählich nicht mehr hören kann, wieviele Positionen Du schon mit wem ausprobiert hast und wie geil die alle waren, das ist wirklich das Allerletzte. Für was für einen Vollidioten hältst Du mich? Denkst Du, nur weil ich im Gegensatz zu Deinen ganzen Verflossenen noch nicht ein einziges Mal habe erkennen lassen, dass ich gerne mit Dir schlafen will, kannst Du mir alles aufbürden um dann, wenn ich nicht mehr kann, die launische Prinzessin zu spielen?

Du bist keine Prinzessin, Du bist einfach nur eine eingebildete Schlampe und fürchterlich arm dran. Du lässt nur diejenigen Kerle an Dich ran, die Dir nach fünf Minuten schon ans Höschen gehen, und entblödest Dich nicht, das dann auch noch tatsächlich für Liebe zu halten... und wenn schon: Weißt Du was, ich würde Dich auch gerne in einem alten Burggemäuer von hinten nehmen! Ich will auch mit Dir inmitten von Lavendelblüten liegen und Dich vor Lust schreien hören!! Und wie ich das gerne möchte!!! Aber ich glaube, die einzige Art und Weise, auf die wir beide miteinander ficken werden, ist die, dass ich mir von Dir noch mehr von Deinen bescheuerten Bettgeschichten reinwürgen lasse!

Entschuldige.

Es tut mir so leid.

Ich denke, ich werde diesen Brief nicht abschicken.

Ich werde wohl besser einfach mitgehen. Ich wollte schon immer einmal gerne Island sehen.

Und ich möchte bei Dir sein.

(Heidelberg, 2003)



Published at 09:15 / 15 comments / 325 visits
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