Naemi
Mara blickte von ihrer Zeichnung hoch zu der Uhr, die an der Wand in ihrem Büro hing. Es war ihr gar nicht aufgefallen, wie schnell die Zeit vergangen war. Heute würde sie ausnahmsweise einmal ein wenig früher Schluß machen.
Nicht, daß sie ihrer Arbeit überdrüssig war. Das Gegenteil war der Fall. Mara liebte ihre Arbeit, sie fühlte sich wohl bei ihren Mitarbeitern und alle mochten Mara. Sie war Herz und Seele des Büros, und ihre freundliche und hilfsbreite Art steckte alle an. Nicht wenige waren sogar ab und zu ein wenig neidisch auf ihre Natürlichkeit und auf das lebendige Funkeln in ihren Augen.
Doch jetzt wollte Mara gehen, auch wenn sie selbst noch nicht recht wusste, wohin sie gehen wollte.
Einfach laufen, ein bißchen träumen. Sie selbst sein.
Sie streifte sich ihr Jackett über, nahm ihre Tasche, schloß das Fenster und eilte hinaus auf den Flur. Mit einem Mal hatte sie es so eilig, daß sie nicht einmal mehr Lust hatte, sich von den anderen zu verabschieden. Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus, rief ein "Tschüss" in den Flur und wartete die Antworten der anderen gar nicht ab, sondern lief eiligen Schrittes die Treppe hinunter.
Draußen angekommen holte Mara tief Luft. Es war ein wunderschöner Spätsommertag. Über ihr tanzten die Mauersegler und riefen sich gegenseitig ihr verspieltes und aufgeregtes "wieeeeet... wieeeet..." zu.
Mara lächelte und schaute nach oben. Sie musste die Augen ein wenig zusammen-kneifen, weil die Sonne so hell schien. Sie winkte mit den Armen und rief ebenfalls "wieeeeet... wieeeet..."
Sie lachte. Und doch lachte sie nicht. Es war schön, diese Vögel zu begrüßen, aber sie konnte sich nicht richtig freuen.
Sie schaute sich um. Rechts von ihr führte die Straße aus der Stadt hinaus, dahinter kamen die Felder und dann irgendwann dunkelgrün und ein wenig von Dunst bedeckt die Berge. Genau das, was sie jetzt brauchte. Da würde sie hingehen.
Sie machte sich auf den Weg. Sobald sie die Möglichkeit dazu hatte, wechselte sie auf einen Feldweg, der an einigen Brombeerhecken vorbeiführte. Sie stibizte sich ein paar von ihnen. Diejenigen, die in der prallen Sonne hingen, waren die besten. Sie waren warm vom Sonnenlicht, und sie schmeckten unendlich süß und aromatisch.
Anderthalb Stunden war Mara gelaufen, als sie schließlich am Fuß der Berge angekommen war. Dort unten wuchsen auf hellem, lehmigen Boden hohe Sträucher und lange Bäume, an denen das Efeu empor wuchs. Es war hier dunkler - einerseits, weil es inzwischen schon später am Tag war und die Sonne sich inzwischen hinter den Bergen befand, andererseits, weil Bäume und Gestrüpp hier sehr dicht wuchsen und wenig Licht durchließen.
Ganz in der Nähe gab es eine schmale Gasse, die Berg hinaufführte. Mara war zwar schon oft hier gewesen, aber ihr letzter Besuch bei diesen Bergen lag über fünf Jahre zurück, und so brauchte sie eine Weile, bis sie die Gasse fand.
In der Gasse, die sich in vielen Windungen den Berg hochschlängelte, war es noch dunkler, doch auf der rechten Seite gab es immer wieder Abzweigungen, die ein wenig in den Wald hineinführten - oft führten sie zu Lichtungen, verfallenen Hütten und Gärten, die schon lange niemand mehr gehörten, und an deren Existenz jetzt nur noch die nun rostigen und halb zusammengefallenen Überreste der Gartenzäune erinnerten.
Mara atmete tief durch, als sie an einer dieser Abzweigungen vorbei lief. Sie erinnerte sich, wie sie früher schon hierher gekommen war. Vor einigen Jahren noch hatte sie diesen Berg regelmäßig, wenn auch mit der Zeit immer seltener besucht.
Die Abzweigungen hier waren nämlich etwas Besonderes.
Nicht nur, daß sie an vergessene Plätze führten, die zwar mitten in bewohntem Gebiet lagen, bei deren Betreten sie aber doch immer das Gefühl gehabt hatte, die erste zu sein, die ihren Fuß in bisher unentdecktes Land setzte - für Mara war es ganz klar, daß dieser Berg auf eine magische Art und Weise mit ihrem Leben zusammenhing. Jede Abzweigung war eine Erinnerung, ein einzigartiges Gefühl. Es gab viele davon, und ein paar von ihnen drangen Mara jetzt wieder ins Gedächtnis.
Es gab die Abzweigung, die zu der verfallenen Holzhütte führte, in der sie und ihre Freundinnen an unzähligen Sommertagen stundenlang gespielt hatten. Sie war auch oft allein hier gewesen. Damals hatte Mara jedes einzelne Blatt wahrgenommen, jedes Stück Rinde war ihr ein Gemälde gewesen, eine kostbare Gabe, die ihr Leben reich und bunt gemacht hatte. Inzwischen, so dachte Mara nicht ohne Bedauern, waren die Blätter zu Baumkronen geworden und die Rinden waren viel zu viele Gemälde, als daß man sie sich in einem einzigen Leben mit all seinen Verpflichtungen jemals genau hätte betrachten können. Und deshalb tat sie es auch nicht und ging weiter.
Ein paar hundert Meter weiter führte eine weitere Abzweigung zu einem Tal zwischen den Bergen. Dort gab es eine große Wiese mit Apfel- und Birnbäumen. Auch hier war sie oft gewesen, als sie noch jünger war. Es war damals zur Tradition geworden, im Spätsommer mit Freunden zusammen Äpfel und Birnen klauen zu gehen. Und welch einen Spaß das gemacht hatte! Danach wurde üblicherweise heimgegangen und Apfelkuchen gebacken, und der wiederum wurde später am Abend von der ganzen Apfeldieb-Meute mit einem oder auch mehreren Gläsern gutem Wein zusammen schnabuliert. Bei einer solchen Gelegenheit hatte sie auch Simon kennengelernt, der Mann, mit dem sie jetzt noch immer zusammen lebte, den sie noch immer innig liebte und den sie in ein paar Monaten zu heiraten gedachte. Mara atmete tief durch, als sie sich an all dies erinnerte, und als ihr klar wurde, wie lange sie nicht mehr hier gewesen war. Doch das alles bedeutete nichts Schlimmes, sagte sie sich. Es war eben keine Zeit dazu da, alle Freunde und Bekannten waren inzwischen erwachsen, viele hatten schon geheiratet und arbeiteten wie sie jeden Tag. Da war so etwas halt nicht mehr so einfach.
Dann gab es die Abzweigung, die zur versteckten Lichtung führte. Man mußte ein wenig weiter gehen, über Brombeerhecken klettern, sich durch ein Loch in einem vergessenen Maschendrahtzaun zwingen, über noch mehr Brombeerhecken klettern, und wenn man den geheimen Weg durch das dichte Gestrüpp kannte, dann war man da. Hier war sie oft zusammen mit Simon gewesen, und einige Male hatten sie sich hier so wild und leidenschaftlich geliebt, daß nicht nur sie eins miteinander wurden, sondern auch die Bäume und Gräser um sie herum gemeinsam mit ihnen atmeten, stöhnten und seufzten. Mara gab sich einen Ruck, als sie spürte, wie sehr sie dies vermisste und wie sehr ihr die Sehnsucht dieses Mal im Herzen wehtat, als würde jemand ein kaltes Messer hindurchbohren. So ein Quatsch! Das ging doch alles immer noch, jederzeit. Gar kein Problem. Sie mußte nur sagen, "ich würde gerne mal wieder draußen ficken", und dann würde es auch so werden, vorausgesetzt die näheren Umstände erlaubten dies.
Dann war da noch die Abzweigung, vor der sie jetzt stand. Sie war hier nur ein einziges Mal entlang gegangen, und das war vor fünf Jahren. Hier ging es zu den toten Bäumen. Es waren mindestens zwanzig, dreißig abgestorbene Bäume, die weiter hinten still und regungslos im Wald standen. Keine Blätter flüsterten, wenn sich ein Wind regte, es war dort ruhig wie auf einem Friedhof gewesen, und eisig kalt. Mara bekam eine Gänsehaut, als sie an ihren letzten Besuch hier dachte. Sie war auch zuvor schon lange Zeit nicht mehr hier gewesen, und ebenso wie jetzt hatte sie auch damals die anderen Abzweigungen mit Wehmut betrachtet, hatte sich gesagt, sie könne das alles wieder haben wenn sie nur wollte und war weiter gegangen. Und dann hatte sie die toten Bäume entdeckt, und es war ihr gewesen, als klagten diese Bäume sie an, fragten sie, warum sie nicht mehr vorbeigekommen war, warum sie ihnen nicht mehr zugehört, nicht mehr mit ihnen geatmet, nicht mehr mit ihnen gespielt hatte. Warum sie sie einfach so sterben ließ.
Mara wischte sich die Tränen aus ihren Augen. Nein, diese Gedanken waren falsch und unnütz! Für alles gibt es einen geeigneten Zeitpunkt, sagte sie sich, und es würde auch wieder den Zeitpunkt geben, um hierher zu kommen und glücklich zu sein.
Mara ging weiter.
Als sie eine weitere Stunde gewandert war, fiel ihr eine Abzweigung auf, die sie noch nie vorher gesehen hatte. Das war seltsam, denn eigentlich bildete sie sich ein, diesen Berg sehr gut zu kennen.
Sie schaute sich um. Die Dämmerung hatte begonnen, und selbst wenn sie jetzt sofort umkehren würde, wäre es wahrscheinlich dunkel, ehe sie wieder zuhause ankommen würde. Es wäre vermutlich geschickter, so dachte sie sich, an einem anderen Tag wieder zu kommen und dann die Abzweigung näher zu untersuchen.
Doch genau in diesem Moment sprach so etwas wie eine Stimme zu ihr, die tief aus ihrem Inneren kam. Und Mara wußte ganz genau, wenn sie jetzt umkehrte, würde sie nie wieder hierher zurückkehren. Sie würde einfach dieses oder jenes stattdessen zu tun haben.
Und so ging Mara diese ihr unbekannte Abzweigung entlang. Sie war gespannt, wohin sie wohl führen mochte.
Die Abzweigung führte zunächst einmal ebenfalls weiter nach oben, weswegen Mara nach einer weiteren halben Stunde begann, Müdigkeit zu verspüren. Sie zweifelte, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, der Abzweigung jetzt gleich nachzugehen, denn jetzt war es schon ziemlich dunkel geworden, und sie war sich nicht sicher, ob sie den Weg zurückfinden würde. Auch hatte sich der Wald irgendwie verändert. Zu ihrer Beruhigung hatte sie keine toten Bäume mehr angetroffen, doch der Wald war dichter geworden und der Weg war zu einem kleinen Pfad zusammengeschrumpft, der sich in einer Schlangenlinie durch die dunklen Fichten und Tannen hindurch wand. Da der Wald hier so dunkel war, wurde es für Mara immer schwieriger, zu sehen, was vor ihr lag. Sie kniff die Augen zusammen und stierte in die beginnende Finsternis.
Da erschrak Mara mächtig, denn in einiger Entfernung kam ihr eine Gestalt entgegen. Wer in aller Welt mochte noch um diese Uhrzeit hier draußen sein? Und ausgerechnet hier, auf einem schmalen Pfad, den Mara nicht kannte und von dem sie sich inzwischen nicht mehr sicher war, ob er vor fünf Jahren schon existiert hatte?
Die Gestalt hatte Mara auf jeden Fall auch gesehen, denn jetzt beschleunigte sie ihren Schritt und eilte so gut sie konnte auf Mara zu. Mara überlegte sich, ob sie wegrennen sollte. Doch als die Gestalt noch näher kam, konnte Mara erkennen, daß es sich offensichtlich um eine alte Frau handelte, von der keine große Bedrohung auszugehen schien.
Mara ging ihr entgegen, bis sie sie genau sah. Es war tatsächlich eine alte Frau, sie war in einen grünen, zerschlissenen Umhang gehüllt, hatte schlohweiße Haare, und auf ihrem Gesicht zeichneten sich unzählige große und kleine Falten ab. Obwohl wenig Licht da war, sah Mara deutlich ihre flinken, dunkelbraunen Augen und die Lachfältchen darunter. Es war zwar vollkommen widersinnig, aber Mara hatte das Gefühl, diese Frau sei keine Unbekannte.
"Guten Abend", sagte die Frau und streckte ihre Hand zum Gruß aus.
"Guten Abend", entgegnete Mara verwirrt und ergriff die Hand. Die Haut der alten Frau fühlte sich an wie zartes Pergamentpapier.
"Bist Du eines von meinen Kindern?" fragte die Frau.
Mara wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.
"Wie... wie meinen Sie das, ich meine, was..." stammelte Mara.
"Na, ob Du eines von meinen Kindern bist, will ich wissen...", sagte die Frau und klang dabei traurig. "...ich dachte für einen Moment, Du... wärst vielleicht..."
Die Frau verstummte und schaute Mara in die Augen. Für einen Moment dachte Mara, sie sehe so etwas wie Tränen in den Rändern der Augen der alten Frau.
"Mein Name ist Mara, und ich war hier spazieren..."
"Mara heißt Du also... so, so... meine Hütte ist nicht weit von hier weg... willst Du eine Tasse Tee mit mir trinken, Mara?" fragte die Frau. Ein Lächeln erschien auf ihren alten Lippen.
"Sie meinen, Sie... Sie wohnen hier?" fragte Mara, die sich nicht sicher war, ob sie richtig gehört hatte.
"Oh ja, natürlich", antwortete die Frau. "Es ist gar nicht weit weg von hier, und ich würde mich freuen, ein wenig Gesellschaft zu haben..."
Mara nickte. Es war zwar dunkel und sie hätte eigentlich dringend zurückgemusst, aber gleichzeitig erwärmte es ihr Herz, daß sich die alte Frau so über ihre Anwesenheit freute.
"Gerne", sagte Mara.
Die alte Frau lächelte über die gesamte Breite ihres Gesichtes. "Fein", sagte sie, "es geht hier lang!"
Und zusammen machten sie sich auf den Weg, der weiter in den Wald hineinführte.
Nach einigen Minuten wurde der Wald ein wenig durchsichtiger, und schließlich kamen sie an eine kleine Lichtung, auf der eine arg verfallene Holzhütte stand, neben der sich etwas befand, was Mara nach einigem Überlegen schließlich als Brunnen erkannte.
"So, hier sind wir", sagte die alte Frau, als sie zusammen langsam auf die Hütte zuwanderten. "Es ist zwar nicht besonders schön, aber es ist... was hast Du denn?"
Mara war stehengeblieben und betrachtete verwundert die Hütte. Hier drin konnte man doch nicht wohnen!
"Sie wohnen wirklich hier?" fragte sie schließlich vorsichtig.
"Aber ja, warum fragst Du denn?"
Mara schwieg. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Deshalb fragte sie einfach weiter:
"Aber Sie wohnen eigentlich woanders, ich meine, Sie wohnen nicht ständig hier, oder?"
"Findest Du es denn so unmöglich, hier zu wohnen?" fragte die Frau, die schließlich an der Tür zur Hütte angekommen war und allmählich ein wenig beleidigt klang.
"Nein", sagte Mara und ging weiter, obwohl es ihre Meinung war, daß hier überhaupt niemand wohnen könne.
"Du wirst sehen, es ist innen viel schöner als außen", sagte die Frau, schloß die Tür auf und bedeutete Mara, hineinzugehen.
Mara betrat die Hütte und blickte sich ungläubig um. Die Frau hatte recht, es war hier innen viel schöner als draußen. Mara hatte das Gefühl, in einen Traum hinein gelaufen zu sein.
Die Hütte war innen viel größer als außen - es gab zwar nur ein einziges Zimmer, aber es war Mara unbegreiflich, wie ein solches Zimmer in so eine kleine Hütte passen konnte. Das Zimmer war schon beinahe wie eine kleine Landschaft. Die Wände waren behangen mit bunten Tüchern und den unterschieldlichsten Arten von Zweigen voller grüner Blätter. Einige waren zu Bilderrahmen zusammengefügt, und die Bilder zeigten Flüsse, Seen, Felsen und Bäume. Als Mara eines der Bilder mit einem Fluß darauf näher betrachtete, glaubte sie, das Rauschen des Flusses zu hören. Es gab mehrere Holztische in diesem Zimmer, und auf jedem von ihnen herrschte große Unordnung. Bücher, Steine, Holzsstücke, Vasen mit Blumen darin, Schalen mit Früchten waren auf jedem der Tische zu sehen, auf einem Tisch standen auch noch Töpfe und Pfannen. Daneben, in der Mitte des Zimmers, befand sich ein altmodischer runder Holzofen.
Die alte Frau ging darauf zu. "Ich muß noch Feuer machen... es dauert nicht lange, dann können wir einen schönen heißen Tee trinken. Mach es Dir gemütlich", sagte sie, deutete auf einen Sessel und begann damit, sich an dem Ofen zu schaffen zu machen.
Mara stand nur da und wunderte sich. Schließlich fand sie ihre Sprache wieder.
"Es ist sehr schön hier", sagte sie.
Die alte Frau, die sich vor den Ofen gebückt hatte, um Brennholz hineinzuwerfen, schaute nach hinten zu Mara und lächelte sie glücklich an. "Schön, daß es Dir gefällt", sagte sie. "Jetzt setz Dich hin und ruh ein wenig aus, Du bist lange gelaufen."
"Das stimmt", sagte Mara und setzte sich hin, nachdem sie sich noch einige Male verwundert umgesehen hatte. "Woher wissen Sie das?"
"Um hierher zu kommen, mußt Du lange gelaufen sein", antwortete die alte Frau, die inzwischen ein Feuer entfacht hatte. Sie schloß die Tür des Ofens, richtete sich auf und setzte sich auf den Sessel, der Mara gegenüber stand.
"Der Tee wird bald soweit sein", sagte sie. "Inzwischen kannst Du mir ja erzählen, warum Du so betrübt bist."
"Betrübt? Ich?" fragte Mara.
"Oh ja, ich habe Dich im Wald gesehen, Du schautest ganz traurig..."
"Sie haben mich beobachtet?"
Die alte Frau schaute Mara irritiert an. "Nicht beobachtet, nur gesehen", sagte sie. "Ich war in der Nähe. Weiter unten gibt es ein Tal, wo Obstbäume stehen. Von denen habe ich mir heute morgen ein paar schöne Äpfel besorgt." Sie deutete auf einen Korb mit Äpfeln, der hinter ihr auf einem Tisch stand. "Und vorhin bin ich auf die Idee gekommen, daß ich auch noch gerne Brombeeren haben möchte... Weißt Du, jetzt ist es die beste Zeit für Brombeeren. Diejenigen, die in der prallen Sonne hängen, sind die besten. Und dort, wo Du warst, da gibt es in der Nähe..."
"... da gibt es Brombeerhecken, ich weiß", sagte Mara. "Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht beschuldigen, mir nachspioniert zu haben..."
"Macht nix", sagte die Frau und lächelte wieder.
"Darf ich...", sagte Mara zögerlich und zeigte auf den Korb mit den Äpfeln, "darf ich mir einen von denen nehmen?"
Hätte die Frau noch mehr lächeln können, so hätte sie es getan. Es war ganz klar, daß Mara ihr mit dieser Frage eine große Freude bereitete. "Ja, ja, nimm Dir ruhig... soviel Du willst, ich kann morgen nochmal sammeln gehen", antwortete die Frau und nickte eifrig mit dem Kopf.
Mara nahm sich einen der Äpfel und biß hinein. Wie gut er schmeckte! Wie saftig, wie frisch, wie zuckersüß!
Sie atmete tief durch. "Dankeschön", sagte sie. "Die schmecken wirklich herrlich."
"Und jetzt gibt es gleich noch Tee...", sagte die Frau und goß das inzwischen kochende Wasser in die Teekanne.
"Also?" fragte sie, nachdem sie sich wieder gesetzt hat.
"Was meinen Sie?" fragte Mara.
"Willst Du mir sagen, warum Du so betrübt bist?"
Mara seufzte. "Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen würden. Ich weiß noch nicht einmal, warum ich Ihnen das jetzt erähle... ich vermisse jemanden. Ich vermisse jemanden, der mir unendlich kostbar ist."
"Ist es jemand, der Dich verlassen hat?" fragte die alte Frau.
Mara schüttelte mit dem Kopf. "Nein... es ist eigentlich genau anders herum. Es ist jemand, den ich immer mehr verlassen habe, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr... aber nicht richtig verlassen... ich weiß, er ist die ganze Zeit da... und ich bräuchte nur hinzugehen, aber ich..."
Die alte Frau nickte. "Je mehr Dich Dein Herz an den Ort ruft, wo Du ihn finden kannst, desto schwieriger wird der Weg, und desto weniger kannst Du den Ort finden."
"Genau... woher wissen Sie das nur? Sie scheinen alles zu wissen..."
"Sicherlich weiß ich ganz vieles nicht. Aber meine Naemi verstehe ich."
"Mein Name ist Mara", sagte sie.
"Sicher ist er das. Aber ich kann mich erinnern, wie sehr meiner Naemi die Äpfel, Nüsse und Brombeeren geschmeckt haben. Wie sie verstecken gespielt hat mit den anderen Kindern, wie wir glückliche Zeiten miteinander hatten... und gerade eben, als Du den Apfel gegessen hast, da hast Du dich ebenso gefreut wie meine Naemi es getan hätte."
"Ist Naemi eines von Ihren Kindern?"
"Ja... eines von vielen. Sie werden groß, verlassen mich und vergessen mich. Aber manche kommen auch zurück und ich will ihnen immer wieder so gut sein, wie ich nur kann", antwortete die Frau und stellte sich und Mara eine Tasse heißen, duftenden Tee hin.
"Ich verstehe", sagte Mara. "Und sind Sie Ihren Kindern böse, wenn Sie von ihnen verlassen werden?"
"Ach nein", antwortete die alte Frau und lächelte. "Meine Kinder müssen es selbst wissen, ob sie mich noch brauchen oder nicht. Einige brauchen mich gar nie wieder, das ist schon in Ordnung so... andere wollen mich ein Leben lang bei ihrer Seite haben. Das macht mich dann glücklich. Und sehr sehr glücklich bin ich natürlich, wenn eines sich meiner erinnert..."
Sie saßen lange zusammen da und tranken Tee. Und die alte Frau erzählte lange und ausführlich von den anderen zahlreichen Kindern, die früher hier im Wald gespielt hatten und die sie dann verlassen hatten, und wie sie stolz war, daß aus jedem einzelnen etwas geworden war. Sie redete so lange, und Mara hörte so interessiert zu und stellte so viele Fragen, daß sie irgendwann sehr müde wurde. Es stellte sich heraus, daß die alte Frau ein Bett für Gäste hatte, und Mara war gerne bereit, es zu benutzen. Ein wenig später, Mara war schon beinahe eingeschlafen, kam die alte Frau mit einer Federndecke vorbei und vergewisserte sich, daß Mara es nicht zu kalt hatte.
"Geht es Dir jetzt besser?" fragte sie.
"Ja... viel besser... es ist schön, daß Du nicht böse bist... ich will auch versuchen, wieder zu Dir zu kommen", sagte Mara leise.
Die alte Frau lächelte. Sie wusste, daß sie Mara vielleicht niemals wieder sehen würde. Aber sie war sehr froh, daß sie heute abend den Weg hierhin geschafft hatte. Und sie würde ihr niemals böse sein dafür, daß sie ihren Weg zu gehen hatte.
"Schlaf' gut, meine süße Naemi", sagte sie und küsste Mara auf die Stirn.
(Heidelberg, 2001)
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