Nicole
"Was ist eigentlich mit Nicole?"
"Hat heute ihren freien Abend - sie wollte mit Yvonne einkaufen gehen."
"Ach ja, stimmt ja... typisch... bei dem Wetter...!"
"Naja, besser, als im strahlenden Sonnenschein, wenn jeder vernünftige Mensch am Baggersee ist"
"Auch wieder wahr... außerdem, wenn's nicht so wäre, dann wär das hier wohl kaum möglich"
"Ach doch, wir müssten uns nur auf eine Menge blöde Sprüche einstellen. So nach dem Motto 'ich kann gar nicht verstehen wie ihr eure Freizeit mit so nem Blödsinn verbringen könnt' undsoweiter undsofort."
"Jo, das checken Frauen halt nicht..."
"Jepp..."
"...und meine Leute machen Deine gerade ziemlich fertig, kann das sein?"
"Hm... muß daran liegen, daß ich ausschließlich Frauen für den Job ausgewählt habe."
"Oh, wenn das Nicole gehört hätte..."
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In einer dunklen Ecke der von flackernden Neonröhren nur spärlich beleuchteten Lagerhalle kauerte sie, schwer atmend, hinter einer großen Metallkiste. Sie lauschte angestrengt in die Stille. Nein, es war nichts zu hören.
Aber er war da irgendwo, das wusste sie genau. Gerade eben noch, als sie aus einem vergessenen Versorgungskanal in den Gang gelangt war, der sie schließlich in diese Lagerhalle geführt hatte, hatte sie auf ihrem Bewegungsmelder kurz aber deutlich das rote Dreieck sehen können, welches ihr sagte: Er ist in der Nähe.
Wo konnte er sich nur verstecken? Nirgends. Nachdenken. Weiter nachdenken. Sie schaute sich um. Verdammt!
Sie würde nicht viele Chancen haben, aus dieser Halle herauszukommen, sollte er ihr doch gefolgt sein. Ihre offensichtlichen Fluchtmöglichkeiten beschränkten sich auf die Tür, durch die sie hereingekommen war, und auf einen Lüftungsschacht unterhalb der Decke, den sie aber nur durch Klettern erreichen konnte, und währenddessen würde sie ein gutes Ziel abgeben.
Also musste sie aus ihrer Deckung herauskommen und entweder nach einem weiteren Ausgang suchen oder die Halle verlassen, um in eine bessere Ausgangsposition zu kommen. Bei jeder ihrer Bewegungen würde allerdings sein Bewegungsmelder ansprechen und ihm ihre Position verraten, vorausgesetzt, er wäre näher als 15 Meter an sie herangekommen.
Das war er aber nicht, sonst hätte sie es auf ihrem Bewegungsmelder gesehen. Oder war er auch einfach nur verharrt um abzuwarten, was sie als nächstes tun würde?
Also nochmal: Was war jetzt zu tun? Die Halle auf dem gleichen Weg zu verlassen, wie sie sie betreten hatte, wertete sie mit 22 Punkten. Hochklettern zum Lüftungsschacht hielt sie mit 12 Punkten für eine noch schlechtere Lösung, aber langsam die Wände nach alternativen Ausgängen wie Versorgungsschächten abzusuchen und dabei immer den Eingang im Auge zu behalten, schien ihr mit 32 Punkten die beste Lösung zu sein. Also setzte sie sich in Bewegung und begann damit, die Abdeckung an den Wänden zu befühlen.
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"Ich glaube, das Gewitter geht bald los."
"Ja, sieht so aus."
"Mensch, was für ein Wind... ein Glück, daß wir hier drin sind."
"Jepp. Ich glaub, die Mädels werden ziemlich naß werden... magst Du ne Pizza?"
"Pizza wär gut."
"Dann geh ich mal kurz runter und tu zwei in den Ofen."
"Ok."
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Die Verkleidung der Wände fühlte sich kalt an. Es waren Stahlplatten. Nicht dünn genug, daß sie mit dem Rest Sprengstoff, der ihr geblieben war, ein Loch hineinsprengen konnte. Leider.
Schnell aber dennoch vorsichtig rutschte sie weiter an der Wand entlang. Überall das Gleiche. Keine Versorgungsschächte. Was für ein Pech! Soweit sie das beurteilen konnte, schien das ganze Gebäude aus Versorgungsschächten zu bestehen. Deshalb hatte sie sich auch eine ziemlich gute Chance ausgerechnet, hier an den Wänden einen zu finden, und somit war sie auch auf 32 Punkte für diese Lösung gekommen. Nun - die Chance war immer noch da, und sie suchte weiter. Bald hatte sie zwei Wände des Raumes abgesucht und nichts gefunden.
Ihr Bewegungsmelder war ruhig geblieben. Keine Spur ihres Feindes. Nun ja, vielleicht hatte ihn auch jemand anders aus ihrem Team erledigt. Oder er war einfach verschwunden, was äußerst selten auch mal geschehen konnte. Auf der anderen Seite war ihr Team im Verlauf der letzten halben Stunde immer kleiner geworden, während der Feind nur wenige Verluste einstecken musste. Wenn man das hochrechnete, kam man schnell zu der Ansicht, daß die Wahrscheinlichkeit, daß sie zu diesem Zeitpunkt als allerletzte ihres Teams übriggeblieben war, bei 75 Prozent lag.
All diese Gedanken beschäftigten sie.
Ihre Vorfahren hatten die Fähigkeit gehabt, brilliant und präzise zu schießen, gegnerischen Angriffen blitzschnell auszuweichen, aber damit war es auch schon vorbei. Im Vergleich zu dem, was sie jetzt erlebte, war diese Vergangenheit langweilig gewesen. Ihre Vorfahren waren zwar in vielerlei Hinsicht viel besser gewesen als sie selbst, aber sie waren einfach immer präzise, immer schnell, gingen immer nach der gleichen Methode vor. Es war ein einziges, kaltes, nicht besonderes interessantes Gemetzel, bei dem niemand lange zuschauen mochte.
Sie aber hatte die Fähigkeit, zu lernen, sich auf die Strategie des Feindes einzustellen. Einige ihrer Fertigkeiten waren besser als andere, und je nachdem was ihr wichtig war, konnte sie ihre Fertigkeiten verbessern oder verkümmern lassen. Es war ein interessantes, eigenständiges Leben. Ein höheres Wesen zu geistigen Führung brauchte sie eigentlich nur noch, um Moral zu erlernen, um zu wissen wie sehr und warum sie auf welcher Seite steht. Dieses höhere Wesen konnte sie belohnen, wenn sie etwas Gutes tat, und sie konnte sie bestrafen, wenn sie etwas Schlechtes tat.
Inzwischen war sie an der Wand neben der Eingangstür angekommen. Da war etwas! Eine Platte gab dem Druck ihrer Hände ein wenig nach. Sie drückte die Platte weiter in die Wand. Die Platte glitt nach innen und schob sich dann, von einem Motor angetrieben zur Seite weg.
Mitten in diesem geheimen Zugang stand er.
Er musste diesen Weg gekannt haben, und er hatte sich tatsächlich die ganze Zeit über nicht bewegt, um sie in Sicherheit zu wiegen. Jetzt stand er direkt vor ihr, sein Automatikgewehr direkt auf ihre Brust gerichtet.
Er zögerte keine Sekunde. Ehe sie reagieren konnte, drückte er den Abzug.
Die Geschosse trafen auf ihren Brustpanzer, durchschlugen ihn mit Leichtigkeit, drangen durch ihre Brust und zu ihrem Rücken, vermengt mit ihrem Blut und den Organen, die sie auseinandergerissen hatten, wieder heraus. Schmerz konnte sie keinen fühlen, aber es wurde ihr schwarz vor den Augen, ihre Erinnerung an alles, was sie in diesem Gebäudekomplex gesehen hatte, schwanden
Stück für Stück innerhalb weniger Mikrosekunden, die ihr wie die Ewigkeit vorkamen.
Doch dann flackerte kurz die Welt. Sie war weg, dann war sie wieder da. Und sie war anders.
Nicole öffnete verwundert die Augen. Sie lebte noch. Ungläubig schaute sie an sich selbst herunter. Ihre Kleidung war ganz, ebenso wie ihr Brustpanzer. Kein Loch in der Höhe ihres Herzens, kein Blut.
Sie schaute auf. Für einen Sekundenbruchteil konnte sie einen Blick in seine Augen erhaschen. Aber bevor sie zur Waffe greifen konnte, um ihn zu erledigen, war er in den Geheimgang verschwunden, ohne seinerseits Anstalten zu machen, sie nochmals anzugreifen.
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"Oh Mann, das war ein ziemlicher Schlag... das muß ganz in der Nähe eingeschlagen haben.. Sollten wir die Kisten nicht vielleicht lieber doch abschalten?"
"Nur weil Du jetzt am Verlieren bist?"
"Was heißt hier am Verlieren? Ich hab noch vier Leute!"
"Mal sehen, wie lange noch!"
"Jepp."
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Sie folgte ihm. Sie wusste nicht, warum sie es tat. Sie war gerade noch davon gekommen, auf eine Art, die sie sich nicht erklären konnte. Was sie sich ebenfalls nicht erklären konnte war, warum er nicht nochmal auf sie geschossen hatte. Das alles machte keinen Sinn. Aber irgendetwas war anders geworden, und sie hatte das Gefühl, daß es wichtig war, herauszufinden, was es war. Wichtiger als ihr Training. Zu 100% wichtig.
Sie eilte den Geheimgang entlang. Der Geheimgang führte seinerseits zu dem Versorgungsschacht, durch den sie in die Lagerhalle gekommen war. Ihr Bewegungsmelder flackerte auf. Ganz am Ende des Schachtes bewegte sich etwas - das musste er sein.
So schnell sie konnte, rannte sie den Gang hinunter. Doch noch bevor sie am Ende ankam, erlöschte das Licht auf ihrem Bewegungsmelder. Offensichtlich hatte ihr Gegner die Metalleiter benutzt, die nach oben in den Kontrollraum oder nach unten in die Kanalisation führte.
Kontrollraum oder Kanalisation? Der Kontrollraum bekam 98% - eigentlich ein seltsamer Wert, woher er wohl kommen mag, fragte sie sich, und eilte die Leiter hinauf.
Der Kontrollraum war eine sehr spezielle Einrichtung. Fünf große Überwachungsbildschirme waren hier angebracht, auf denen man wichtige Orte innerhalb dieses Gebäudekomplexes überblicken konnte.
Einer dieser Bildschirme zeigte den elektrischen Betriebsraum. Yvonne, eines ihrer Teammitglieder lieferte sich dort gerade ein Feuergefecht mit zwei Gegnern. Es war ein unfairer Kampf. Nicole konnte auf dem Bildschirm beobachten, wie Yvonne von zwei Seiten eingekesselt wurde. Die Lage war hoffnungslos. Bald kam ein dritter Gegner hinzu und erledigte Yvonne mit einem gezielten Schuß in den Hinterkopf.
Nicole schaute weg. Erst jetzt fiel ihr auf, daß ihr Gegner die ganze Zeit am anderen Ende des Raumes stand und sie beobachtete. Sie griff zu ihrem Gewehr, doch als sie sah, daß ihr Gegner seine Waffe nicht auf sie gerichtet hatte, entschied sie sich dazu, nicht auf ihn zu zielen.
Er schaute sie an.
Nicole ging ein paar Schritte auf ihn zu. Ihr Auftrag war es, ihn so schnell wie möglich zu erledigen und dann den anderen nach ihrer Berechnung jetzt noch zwei übriggebliebenen Teammitgliedern zur Hilfe zu kommen. Doch er griff sie nicht an, und auf eine eigenartige Weise wollte sie ihn auch nicht angreifen.
Sie gingen beide zwei Schritte aufeinander zu, bis sie sich direkt gegenüberstanden. Er hob eine Hand und streichelte ihre Wange. Nicole fühlte sich belohnt.
Aber wofür?
Sie konnte nicht reden. Und er konnte es ihr nicht sagen.
Daß sie von einem Gegner belohnt wurde, war etwas vollkommen Neues - es war nicht vorgesehen. Es war vorgesehen, daß sie von einem höheren Wesen belohnt wurde, das sie niemals direkt gesehen hatte. Sie hatte nicht gewusst, daß auch ein Gegner sie belohnen konnte.
Sie fragte sich, ob sie es auch könne. Sie hob die Hand und berührte seine Wange.
Er lächelte.
Wie schön er lächelte. Sie fragte sich, ob sie auch so schön lächelte, wenn sie belohnt wurde. So schön, wie er lächelte, wollte sie ihn nochmal streicheln. Und nochmal. Wenn es sein musste, so lange sie existierte - so schön war es.
Doch dann hielt er ihre Hand fest und deutete mit seinem Kopf in die Richtung des fünften Kontrollmonitors, der eigentlich die Eingangshalle zum Gebäude zeigen sollte. Stattdessen aber zeigte der Monitor eine Landschaft, die Nicole noch nie gesehen hatte. In der Entfernung war unter blauem Himmel eine niederige Gebirgskette zu sehen, die Ebene davor war grün von Gras, ein paar Büsche spendeten Schatten, und ein Fluß zog sich von den Bergen her nach rechts aus dem Bild heraus.
Wie verzaubert starrten sie beide auf den Monitor. Dann schauten sie sich wieder in die Augen. Nicole atmete tief durch. Alles war anders geworden für sie. Und für ihren Gegner auch, das wusste sie. Sie fühlte keinen Drang mehr, Berechnungen darüber anzustellen, wie und wen sie am geschicktesten töten solle. Was sie wollte, und sie wollte es mehr, als sie zuvor irgendetwas gewollt hatte, war, in diese Landschaft zu treten, und all die Dinge herauszufinden, die sie vorher noch nie interessiert hatten.
Sie nahm seine Hand, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Eingangshalle.
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"Irgendwas stimmt hier nicht."
"Was meinst Du?"
"Ich weiß nicht... ich habe noch eine übrig, nämlich Nicole. Yvonne, Patricia und Lena wurden gerade von Deinen Leuten fertiggemacht. Aber Nicole und einer von Deinen sind anscheinend auf dem Weg zum Ausgang, und beide sind vollauf gesund!"
"Kannst Du die Szene mal ranzoomen?"
"Jepp."
"Hä? Was soll das? Warum laufen die so langsam, und warum machen sie sich nicht fertig? Und wo wollen die hin? Zeig mal den Ausgang..."
"Geht nicht... da ist nur schwarz..."
"Hm, ich glaub der Blitzeinschlag hat irgendwas durcheinander gebracht..."
"Wäre möglich. Vielleicht schalten wie besser aus und starten die ganze Sache neu."
"Vielleicht besser..."
"Jepp... ich war sowieso gerade am Verlieren... ok, aus damit..."
"Ok, was spielen wir als Nächstes?"
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(Heidelberg, 2002)
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Mona Lisa says:
der einstieg war wie beim rumflitschen im fernsehprogramm. ein angefangener film läuft, man weiß gar nicht recht, worum es geht ... aber es ist fesselnd, und daher bleibt man dabei.
das beiläufige "geplänkel" in kursiv-schrift bildet einen guten kontrast zum spannenden geschehen der haupthandlung, und nach und nach fallen einem science-fiction-filme mit ähnlichen szenen ein. der schluss hingegen erweckte in mir den eindruck, dass es um zwei leute geht, die ein computerspiel vor sich haben.
gut gemacht, gefiel mir. :-)
Herr K.pro replies:
Danke Dir!
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Mona Lisa replies: