Auf vielfachen Wunsch hier eine kleine Kurzgeschichte, die ich vor ein paar Jahren verfasst habe.

 

Die Freundin aus dem Supermarkt

Schwierig ist es, eine Freundin zu finden. Das fängt schon damit an, dass man als zum arbeitenden Teil der Bevölkerung gehörender Mann so gut wie keine Gelegenheiten hat, sich mit potentiellen Kandidatinnen zu unterhalten. Wo auch? Bei der Arbeit sicher nicht, und danach geht man erschöpft alleine nach Hause. Als ich am Wochenende in Deutschland zu Besuch war, habe ich endlich den absolut todsicheren Tip bekommen: im Supermarkt! Oft genug würde man dort angeflirtet, ließ ich mir vom Meister persönlich erklären, der gerade ein paar Tage vorher gleich von zwei Damen beim Einkaufen verfolgt worden war. Natürlich war ich von der Idee und des Meisters Erfahrungen restlos begeistert und beschloss, sie gleich nach meiner Rückkehr in die Tat umzusetzen.

Montag

Voller Tatendrang fahre ich heute zum Supermarkt. Eigentlich wurde mir der Samstag empfohlen, um die flirtenden Damen zu treffen, aber ich kann es kaum erwarten, die verheißungsvolle Taktik auszuprobieren – und außerdem herrscht in meinem Kühlschrank gähnende Leere. Ich fahre zum Géant, denn wenn schon Supermarkt, dann richtig. Einen größeren gibt es weit und breit nicht, genug Damen sollten also anwesend sein.

Sind es auch. Hauptsächlich ältere Damen. Die wenigen jungen, die einkaufen, haben ihren Mann bzw. Freund dabei. Montag scheint kein guter Tag zu sein. Nach einer Weile widme ich meine Aufmerksamkeit nur noch dem Einkaufen, besonders dem Keksregal. Plötzlich entdecke ich doch noch eine sehr gutaussehende junge Frau alleine beim Obst. Logisch. So dünn wie die Französinnen sind, können sie nichts anderes als Obst und Gemüse essen – das hätte ich mir gleich denken können! Vorsichtig rolle ich mit meinem Einkaufswagen näher und untersuche das umgebende Obst, und natürlich nur das, näher. Sieht gut aus, und knackig. Fast möchte man reinbeißen. Nur muss ich mich ernsthaft fragen, ob mir das bekommen wäre, als ich sie die Tüte Äpfel in ihren Wagen legen sehe. Und wie sie ihren Mann fragt, ob er noch ein paar Gläser Babynahrung für die kleine Tochter holen kann, die friedlich auf seinem Arm schlummert. Nein, Montag ist wirklich kein guter Tag. Nicht einmal die Dame an der Kasse sieht gut aus, und unfreundlich ist sie zudem auch noch, was hier doch eigentlich eher selten ist. Aber wenn schon keinen Flirt, so habe ich doch wenigstens etwas zu essen für heute Abend.

Dienstag

Natürlich habe ich mich von dem lächerlichen Fehlversuch gestern nicht abschrecken lassen. Dienstag ist mein regulärer Einkaufstag, und ich erinnere mich, dass mir schon mehrmals eine hübsche Brünette aufgefallen ist, während ich meine Einkäufe für die Woche zusammengesucht habe. Dass ich schon wieder in den Supermarkt gehe, kommt ganz gelegen, weil ich Tags zuvor ob der Enttäuschung doch glatt den Quark für die Erdbeeren vergessen habe. Also rolle ich mit einer einsamen Packung Quark im Wagen durch die Gänge, immer schön Ausschau haltend. Es ist faszinierend, was für Leute heute alles einkaufen. Ein älterer Monsieur, der sehr lange vor dem Weinregal ausharrt und fast jede Flasche in die Hand nimmt und begutachtet, eine Maman mit drei Kindern, deren Wagen so voll ist, dass sie ihn kaum noch schieben kann, während sie die Kinder hinter sich herzieht, ein Ehepaar mittleren Alters, das nicht mehr einkauft, sondern sich nur noch angiftet, eine Gruppe Jugendlicher, die mit Expertenmiene bei den Spirituosen stehen und diskutieren, ein Deutscher in Anzug und Krawatte, der, sein Mobiltelephon ans Ohr gepresst, durch die Gänge hetzt und von Essentials spricht.

Doch wo ist „meine“ Mademoiselle? Nicht zu sehen, und auch beim Obst sind wieder nur Familien. Man merkt, dass Frankreich nach Irland die zweithöchste Geburtenrate in Europa hat, Singles sind heute Abend Mangelware. Außerdem ist es draußen furchtbar kalt, wer macht sich da schon gerne auf den Weg zum Einkaufen – bei nur 4°C Ende Mai, auf den Bergen liegt frischer Schnee. Mich zieht es zurück in die warme Wohnung und ich gehe meinen Quark bezahlen. Die Kassiererin lächelt, aber nicht um zu flirten, sondern weil ich im ganzen Einkaufswagen nur ein Schälchen Quark habe. Au revoir, bonne soirée!

Mittwoch

Mittwoch. Ich kann den Feierabend gar nicht abwarten, denn ich erinnere mich daran, dass der Meister, als er kurz nacheinander von den zwei Damen angeflirtet wurde, nichts als einen Sack Katzenfutter im Wagen hatte. Als endlich alle Arbeit getan ist, fahre ich wieder nach Annemasse zum Géant. Das Regal mit der Tiernahrung ist schnell gefunden. Frohen Mutes schiebe ich mein Katzenfutter kreuz und quer eine Viertelstunde lang durch den Markt und male mir verschiedene Gesprächssituationen aus. Der Aufhänger ist klar. Die attraktivste Single-Dame im ganzen Supermarkt wird mich anlächeln und die offensichtliche Frage stellen, wie viele Katzen ich den hätte, bei der riesigen Menge Futter – und dann auch noch die teuerste Marke! Doch was soll ich antworten? „Keine, das ist nur im Wagen, damit Du mich ansprichst, lass es uns gemeinsam zurücktragen.“ Oder vielleicht: „Keine, aber ich hätte gerne so ein niedliches Kätzchen wie Du es bist.“ Besser nicht. Wer weiß, welche Konnotationen das Wort „Katze“ im Französischen hat, die ich nicht kenne. Dann doch lieber die offensive Gegenfrage: „Wie viele hast Du denn? Vielleicht reicht es für die Katzen von uns beiden zusammen?“

Wie es scheint, sind heute allerdings nur Hundeliebhaberinnen im Laden. Niemand fragt nach meinen Katzen. Ich sollte wieder selbst aktiv suchen und mich nicht darauf verlassen, dass mich jemand anspricht. Also weg mit dem Katzenfutter. Vor lauter Herumgeschiebe und Philosophieren über die richtige Antwort habe ich die Zeit vergessen – der Supermarkt wird in einer Viertelstunde schließen, sagt man über die Lautsprecher durch. Unmotiviert packe ich eine Tafel Schokolade in meinen Wagen und gehe zur Kasse. Um mir die verwirrten Blicke der Kassiererinnen zu ersparen, gehe ich an die „Selbstkasse“, wo man selbst seine Waren scannt und mit Karte bezahlt. Funktioniert einwandfrei, im Gegensatz zur Katzenfuttermethode.

Donnerstag

Heute ist es schon deutlich voller als am Mittwoch. Es sind auch einige junge Damen alleine unterwegs. Bei so viel Auswahl muss ich natürlich etwas genauer hinschauen. Nichts wie zum Tiernahrungsregal, rein mit dem Katzenfutter und ab durch die Gänge. Nach einigen ziellosen Runden lenke ich meinen Wagen zu einem Regal, das ich bisher strikt gemieden habe: das Regal mit den Fertiggerichten. Hier müssten sich doch eigentlich, so meine Überlegung, die ganzen Singles tummeln und sich mit gequältem Blick zwischen Hühnchen mit Reis und Pfannengemüse und Schweinegeschnetzeltem mit Pilzrahmsauce entscheiden. Volltreffer! Zwar überwiegend junge Herren, aber auch eine gutaussehende Blondine. Ich rolle näher und will mich schon, wenn auch widerwillig, im selben Regal – kalorienarme Fertiggerichte – umsehen, als mein Blick, wie immer bei der Musterung einer netten jungen Dame, nach dem Gesicht auf die Schuhe fällt. Silberne Schuhe mit Pfennigabsätzen? Und mit glitzerndem Sternchenmuster? Das kann ja wohl nicht wahr sein – enttäuscht drehe ich gerade noch rechtzeitig ab und schiebe das Katzenfutter zum Joghurtregal.

Dort diskutieren gerade zwei Freundinnen, eine davon dunkelhäutig und sehr, sehr attraktiv, die andere mit langen dunklen Locken und Brille, ebenfalls eine Augenweide, äußerst intensiv miteinander. Ich rolle direkt daneben und mustere mit professionellem Blick die verschiedenen Joghurtsorten. Voller Interesse versuche ich, dem Gespräch zu folgen, was mir leider gelingt. Die beiden unterhalten sich doch tatsächlich über eine Fernsehserie mit einem ganz tollen blonden Schauspieler namens Jean-Louis irgendwas, oder vielleicht ist es auch sein Name in der Serie – sollte ich mich so im Alter der beiden getäuscht haben? Nein, Teenager sind sie definitiv schon länger nicht mehr. Aber das Thema! Nach ein paar Minuten der Schwärmerei dreht sich das Gespräch dann um das neue Mobiltelephon der Dame mit Brille. Ich habe genug gehört und ziehe von dannen, zurück zum Tierfutterregal, wo ich das Katzenfutter zurücklege.

Ich beschließe, ein paar Tüten Chips einzuladen und dann zur Kasse zu gehen. Später kommt noch ein Fußballspiel im Fernsehen, und man muss ja schließlich Prioritäten setzen!

Freitag

Ein weiteres Mal parke ich mein Auto im Parkhaus des Géant und spaziere in die Galerie. Dieses Mal ohne Wagen, weil ich die Nase voll habe von den schrägen Blicken der Kassiererinnen, wenn ich mit einem Artikel im Wagen ankomme. Am Eingang zum Supermarkt spricht mich der Sicherheitsmann an, der mit seinem Kampfhund permanent dort Wache hält. „Bonsoir, Monsieur, sie sind aber auch wirklich jeden Abend hier. Suchen sie etwas Bestimmtes? Kann ich ihnen helfen?“ Ich bin so verdattert, dass ich nur stammeln kann und etwas von weiblicher Bekanntschaft beim Katzenfutter stottere, was einen unerwarteten Heiterkeitsausbruch im sonst so strengen Gesicht des Wachmanns hervorruft. Mit rotem Kopf drehe ich mich um und verlasse fluchtartig das Gebäude. Der Misserfolg aller Misserfolge. Wenigstens ist Wochenende…

Samstag

Endlich, der laut Experten verheißungsvollste Tag der Woche, doch das Erlebnis von gestern mit dem Wachmann beschäftigt mich noch, gut gelaunt bin ich nicht. Außerdem ist auf dem Weg zum Industriegebiet Annemasse Stau. Nun gut, es hat dort jeden Tag Stau, egal an welchem, aber samstags ist es wohl besonders schlimm. Ich brauche doppelt so lange zum Géant wie sonst, was meiner Laune nicht gerade förderlich ist. Am Supermarkt angekommen, sind die Parkplätze in der Nähe des Eingangs alle belegt. Wunderbar. Ausgerechnet heute muss ich auch tatsächlich wieder einkaufen, mein Kühlschrank ist schon wieder leer. Gar nicht leer ist es im Laden. Vollgestopft ist noch untertrieben; schon beim Hineingehen, vorsorglich am Hintereingang, um den Sicherheitsmann zu umgehen, fallen mir außerdem die langen Schlangen an den Kassen auf.

Ich beschließe, erst einmal meine Einkäufe zu erledigen und kämpfe mich durch die Gänge. Überall lassen die Leute ihre Wagen mitten im Weg stehen, blockieren in ihrer Unentschlossenheit beim Auswählen des richtigen Apfels fast das ganze Obstregal, wuseln einem immer wieder vor die Füße, Kinder rennen kreuz und quer durch den Laden, Eltern schreien, Senioren schimpfen, hilflose und alleingelassene Ehemänner verzweifeln vor dem Nudelregal – es ist einfach furchtbar. Mir fällt wieder ein, warum ich eigentlich samstags gar nicht einkaufen will.

Der Gipfel passiert am Schokoladenregal. Es gibt sowieso chronisch zu wenige Exemplare meiner Lieblingsschokolade im Regal, und heute ist noch genau eine Tafel da. Gerade will ich sie greifen, als ich sanft, aber bestimmt zur Seite geschoben werde und sich jemand mit flinken Fingern die letzte Nougat angelt. „Mais alors, écoutez!“ poltere ich los und bereite mein gesamtes Arsenal an französischen Kraftausdrücken geistig schon einmal vor.

„Du bist zu langsam, Chéri!“, grinst mich die wohl bezauberndste junge Dame an, die ich jemals gesehen habe, seit ich in Frankreich wohne. Da ist sie endlich, meine Gelegenheit im Supermarkt! Die Taktik funktioniert doch! Ein Hoch auf den Meister, auch wenn das Katzenfutter völlig unnötig war. Vergessen sind die Misserfolge der letzten Tage, vergessen die unnötigen Fahrten zum Supermarkt, vergessen der Wachmann, der Stau, die Menschenmassen zwischen den Regalen, das Glück hat mich wieder eingeholt. Ich hole tief Luft für eine freche und gleichzeitig doch nette Antwort und … spreche ins Leere. Sie ist weg. Verschwunden, mitsamt der Schokolade – und zum ersten Mal in meinem Leben ist mir ein Supermarkt zu groß und unübersichtlich, denn in dem Gewimmel sind alle meine Versuche sie wiederzufinden vergeblich.

C’est la vie…