Strenge Regeln in Benimm-Leitfaden sorgen für Diskussionen - Aber keine Korrektur geplant

Von Boris Kalnoky

Duftende Substanzen sind "unmoralisch"

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Istanbul - Religion und Staat, so heißt es, seien in der Türkei getrennt. Ganz stimmt das nicht - zwar soll die Religion dem Staat nicht in die Quere kommen, umgekehrt jedoch diktiert der Staat, was Religion zu sein hat. Konkreter Ausdruck dessen ist die Religionsbehörde Diyanet. Ihr sind alle Moscheen des Landes unterstellt, und alle Vorbeter und Imame sind ihre Angestellten. Was muslimisch ist, entscheidet Diyanet.

Solange säkular gesinnte Regierungen an der Macht waren, führte das zu jenem handzahmen "gemäßigten Islam" aus den Wunschträumen westlicher Nahost-Strategen. Nun aber regiert die islamisch geprägte Partei AKP, und ob man die jüngste Kontroverse um die Behörde Diyanet darauf zurückführen muss, darüber wird in der Türkei debattiert. Der Anlass: Auf der Webseite des Religionsdirektorats steht ein Benimm-Leitfaden, der für Frauen Ratschläge bereithält, die sie auch bei den Taliban bekommen könnten.

 

Außerhalb ihres Hauses, so heißt es da, sollten Frauen kein Parfüm, Deodorant oder sonstige wohlriechende Mittel benutzen, weil der Prophet Mohammed solches Verhalten als "unmoralisch" bezeichnet habe. Der Diyanet-Ratgeber zu Islam und Gesellschaft bietet unter dem Titel "Sexuelles Leben" weitere keusche Verhaltensregeln an: Frauen sollten sich sorgfältig verhüllen, "um ihren Körper nicht Fremden zu zeigen". Wer bislang meinte, Ehebruch sei Sex mit einem anderen als dem Ehepartner, der wird eines Besseren belehrt: Ehebruch sei bereits ein unziemliches Wort, ein Blick, es gebe den "Ehebruch der Zunge, des Mundes, der Hand, des Fußes und des Auges". Frauen sollten daher außerhalb ihrer vier Wände Kontakt mit fremden Männern vermeiden und sich nicht in geschlossenen Räumen mit ihnen aufhalten - was Millionen türkische Frauen jeden Tag tun, wenn sie arbeiten gehen.

Wenn eine Frau und ein Mann in einem Raum allein sind, heißt es im Text, dann sei der Dritte im Raum der Teufel. Auch reisen sollten Frauen nie alleine, das könne zu Versuchungen und zu Geschwätz der Nachbarn führen. Das sei ein Problem, denn "Keuschheit und Ehre sind untrennbar" und es gebe "kein Mittel gegen befleckte Ehre." Ein besonders folgenschwerer Satz - "befleckte Ehre", oder was muslimische Männer zuweilen dafür halten, ist der Grund für sogenannte Ehrenmorde.

Was aus alldem hervorgeht, ist ein Frauenbild, laut dem die weibliche Hälfte der Gesellschaft grundsätzlich zu Unmoral neigt, wenn sie nicht durch strenge Regeln eingeschränkt wird. Zudem sollten Frauen besser nicht arbeiten gehen, um ihre Ehre nicht zu beflecken. Wenn sich in gewissen Situationen dennoch Flecken auf der Ehre ergeben, dann liege es immer an der Frau.

Auf Anfrage sagte Diyanet-Pressesprecher Necdet Bal, er verstehe die Aufregung nicht - der umstrittene Text stehe seit 2005 im Internet. Zudem sei er zuerst vor zehn Jahren als Buch veröffentlicht worden, von Diyanet - aber vor der Regierungszeit der AKP. Die Regierung dafür verantwortlich zu machen sei Unfug. Die Zeitung "Radikal" hatte Medienwirbel ausgelöst, als sie in ihrer Ausgabe vom 27. Mai den alten Diyanet-Text zum Titelthema machte und ihn als Sensation darstellte. Inhaltlich steht das Religionsamt voll zum Wortlaut ihres Benimmleitfadens. "Frauen müssen mehr aufpassen als Männer, um sündhafte Situationen zu vermeiden, weil sie über sexuelle Reize verfügen", sagte Sprecher Bal.