Wei Wujun ist Privatdetektiv in China. Er überwacht untreue Ehemänner. Ein einträgliches Geschäft. Denn wer in China mächtig ist, hält sich Konkubinen

 

Die Uhr rechts unten im Videobild zeigt 22.17 Uhr, als ein Paar das Zimmer betritt. Das Mädchen, höchstens zwanzig Jahre alt, trägt ein enges, hellblaues Hemd. Der Mann, dunkler Anzug, graues Haar, ist gut dreimal so alt. Er macht ihre Bluse auf, dann zieht er sich aus. Sie küssen sich, legen sich ins Bett. Er schaltet das Licht aus, das Bild wird schwarz.

„In diesem Moment haben wir zugeschlagen“, sagt Wei Wujun. Es war sein Moment. Er hatte am Vormittag im Kabelschacht der Klimaanlage eine winzige Kamera versteckt und einen Sender montiert. Mit der Ehefrau des Geschäftsmanns wartete er draußen. Als das Licht ausging, trat er die Wohnungstür auf und stürmte ins Schlafzimmer. Sie mussten nicht lange reden. Noch in derselben Nacht, bekleidet nur mit seiner Unterhose, überschrieb der Mann seiner betrogenen Gattin die Schuhfabrik.

Ein Standardfall für Wei, einer auf der langen Liste der 1500 Ehebrecher, die der Privatdetektiv bisher überführt hat. Der Schuhunternehmer kam nur an den Wochenenden nach Hause. Die meiste Zeit verbrachte er mit seiner Konkubine, einer Tellerwäscherin aus der Armenprovinz Anhui.

Sex außerhalb der Ehe ist in China verboten. Nur wer einen Trauschein besitzt, darf sich ein Bett teilen. Wenn die Ehefrauen vor dem Scheidungsrichter außereheliche Beziehungen nachweisen können, erhalten sie hohe Entschädigungen. Das ist Weis Geschäft. „Die Männer hassen mich“, sagt er.

Wei sitzt in seinem Arbeitszimmer im Shanghaier Stadtviertel Minhang. In der Vitrine an der Wand liegt seine Ausrüstung: Funkgeräte, Kameras, GPS-Empfänger, Peilgeräte. An der Wand hängen Fotos von jungen Mädchen in Miniröcken, manche halten Stofftiere im Arm. Daneben Fotos von Geschäftsleuten.

„Chinas Wirtschaft entwickelt sich schnell, und unsere Einstellungen verändern sich jeden Tag“, sagt Wei. Er ist nicht gegen den Aufschwung. Aber er findet, dass China seine Werte verloren hat und Geld bei vielen Menschen an die Stelle der Familie getreten ist. Wer reich ist, kauft sich, was er will. Auch Frauen.

Fast sechzig Jahre nach der Revolution gehören die Konkubinen wieder zum chinesischen Leben. Zehntausende Karaoke-Paläste, Animierbars und Massagesalons überziehen die reiche Ostküste. Die Zweitfrauen sind in alle Gesellschaftsbereiche vorgedrungen. Im vergangenen Jahr hat ein Gericht einen 37-Jährigen zum Tode verurteilt, weil er vier Millionen Yuan unterschlagen hatte. Er brauchte das Geld, um seine acht Nebenfrauen zu finanzieren. Ein Manager ließ sich von Geschäftsfreunden eine Wohnung schenken, ausgestattet mit Designermöbeln und einer jungen Konkubine. In Shenzhen, im Süden des Landes, gibt es ganze Stadtteile, die ausschließlich von jungen Zweitfrauen bevölkert werden.

Auf dem Schreibtisch von Wei Wujun steht eine silberne Mao-Statue. „Ich nutze die Strategien des Vorsitzenden bei meiner Arbeit“, verrät er. „Mao sagte, man muss die Menschen für seinen Kampf benutzen.“ Anfang der Achtziger wurde er an der Heeresakademie im nordostchinesischen Jinan zum Stabsoffizier ausgebildet. Später verbrachte er drei Jahre im Gefängnis, weil er Waffen in seiner Wohnung aufbewahrt hatte. Danach arbeitete er als Journalist in Chinas Mafiahochburg Shenzhen. Eine gute Vorbereitung auf seinen heutigen Job.

Weis Kampf gegen die Untreue begann vor 13 Jahren an einem Montagnachmittag. Auf dem Weg nach Hause kaufte er sich eine Zeitung. Darin sah er einen Artikel über Privatdetektive. Am nächsten Tag kündigte er bei seiner Zeitung und kaufte sich ein Flugticket in die zentralchinesische Provinzhauptstadt Chengdu. Er fuhr mit dem Taxi zum Gewerbeaufsichtsamt und meldete seine Firma an, Chinas erste amtlich registrierte Privatdetektei. Er mietete zwei Hotelzimmer neben dem Gerichtsgebäude, und nach vier Tagen hatte er seinen ersten Fall. Ehebruch. Wei observierte zehn Tage lang. Es gab Verfolgungsjagden auf Fahrrädern. Es war aufregend.

Es klingelt. Vor Weis Büro steht eine Frau, Mitte fünfzig, mit gedrungener Figur und kurzen Haaren. Sie wirkt unsicher. Während sich Wei ihre Geschichte anhört, macht er sich Notizen. Die Frau heißt Mei Fang. Vor einem Jahr war sie für drei Wochen im Krankenhaus. Als sie wieder entlassen wurde, berichteten ihr die Nachbarn, dass ihr Mann jeden Abend Besuch von einer Frau bekommen habe. Der Mann stritt alles ab. Inzwischen teile er sich mit seiner Konkubine eine Wohnung und komme gar nicht mehr nach Hause, erzählt die Frau. Als sie fertig ist, sagt Wei: „Ich brauche zwei Tage, das kostet 10.000 Yuan inklusive Ausrüstung.“ Umgerechnet gut 1000 Euro. Die Frau schluckt. Und willigt ein.

Am Nachmittag steigt Wei in seinen weißen Audi A4 mit den schwarz getönten Scheiben. Er muss noch in die Stadt, um Akkus für die Überwachungskamera zu kaufen. Wei lenkt seinen Wagen vorbei an wuchtigen Riesenhochhäusern, bunt leuchtenden Restaurants und Shopping-Malls. Viele junge Frauen flanieren über die Straßen, mit Einkaufstüten der westlichen Luxuslabels in der Hand. „In den Geschäften sind tagsüber fast nur Konkubinen“, sagt Wei.

Nirgendwo auf der Welt werden Seitensprünge so institutionalisiert wie in China. Jahrhundertelang waren junge Geliebte ein Statussymbol. Die Mächtigen sammelten sie wie lebendige Kunstwerke. Zur Kaiserzeit gehörte es für reiche Händler dazu, „kleine Ehefrauen“ neben ihren Familien zu unterhalten. Die Kaiser ließen sich von Hunderten von Konkubinen verwöhnen. Selbst Chefrevolutionär Mao Tse-tung ließ in der großen Halle des Volkes ein Bett aufstellen, wo er sich mit Geliebten aus dem ganzen Land vergnügte.

„Ein Unternehmer muss in China eine Geliebte haben, sonst glaubt ihm niemand seinen Erfolg“, sagt Wei. Einmal hat er einen Taiwaner observiert, der zehn Nebenfrauen unterhielt. Tagsüber spielten die Mädchen zusammen Karten. Abends rief der Mann an und suchte sich ein Mädchen aus. Chinas Konkubinensystem hat nichts mit Liebe zu tun. Die Männer kaufen Schönheit und Ansehen. Sie bezahlen mit Autos, Wohnungen und üppigen Haushaltsgeldern. Viele Konkubinen verdienen so mehr als in jeder Firma.

Der nächste Tag beginnt für Wei vor Sonnenaufgang. Er fährt mit einer Klientin zur Zweitwohnung ihres Mannes. Sie wollen warten, bis der untreue Ehemann und die Geliebte die Wohnung verlassen und dann eine Kamera installieren. Die Frau ist mitgekommen, so ist es formal kein Einbruch. Vor der Wohnung parkt Wei in einer Seitengasse, holt einen Klappstuhl aus dem Kofferraum und setzt sich an die Straße. Das sieht sehr auffällig aus, aber gerade deshalb ist es eine perfekte Tarnung. „Welcher Fremde hat schon einen Stuhl dabei?“, fragt Wei.

Als sie sicher sind, dass die Wohnung leer ist, schleichen sie die Treppe hinauf. Gerade als Wei das Schloss aufbrechen will, wird die Wohnungstür von innen aufgerissen. Für einen Moment starren sich alle überrascht an. Dann beginnen die Frauen und der Mann zu schreien, erst abwechselnd, dann alle drei gleichzeitig. Wei schaut zu. Sein Job ist erledigt.

Aufhören will Wei Wujun noch nicht. Vielleicht später eine Detektivschule eröffnen und sich auf die großen Fälle konzentrieren, von denen er so gern erzählt. Einmal hat er einen korrupten Bürgermeister ins Gefängnis gebracht. Doch über 90 Prozent seiner Klienten sind betrogene Ehefrauen. Detektivarbeit durchs Schlafzimmerschlüsselloch. Nicht gerade das, was er vom Leben wollte.

So holt sich Wei immer mehr Bestätigung aus seinem Privatleben. Im Geldbeutel trägt er ein Foto seiner jetzigen „kleinen Freundin“, wie er sie nennt. Er hat viele davon, der abenteuerliche Charme des Berufs lockt Mädchen an. „Alle meine Freundinnen sind jünger als meine Tochter“, sagt er stolz. Die ist 22 Jahre alt