Als ich im März 2007 mit meiner Kusine in London war, habe ich mir vorgenommen in einem Stil zu fotografieren, den ich für mich fünf Jahre zuvor entdeckte. Damals hatte ich aus der Not eine Tugend gemacht, und meine damalige HP Photosmart 318 dazu genutzt, wofür sie gemacht war - Schnappschüsse. Da dies war die einzige Stärke der Kamera war, habe ich diese auch bewusst ausgereizt und mich damit beschäftigt, was eigentlich einen "richtig guten Schnappschuss" ausmacht. Dabei bin ich sehr schnell von den üblichen Grimassen schneidenden und lachenden Gesichtern abgekommen, da diese nichts aussagten. Von schönen Portraits, Gruppenfotos, Architektur- oder Landschaftsbildern war gar nicht zu reden, dazu reichte die Qualität leider nicht annähernd. Somit fielen die meisten Standardmotive der Zielgruppe dieser Kamera aus. Es musste also was neues her.

Was einen "guten Schnappschuss" ausmachte, hing für mich von einigen wenigen Dingen ab. Erstens durften die Leute nicht merken, dass sie fotografiert wurden. Den wahren Charakter einer Person abzulichten, das Ziel so vieler Fotografen, funktioniert nur in oft stundenlangen und hochkonzentrierten Studiosessions oder eben unbewusst. Leider hat jeder von uns ein Fotogesicht - und das einzufangen galt es zu vermeiden. Zweitens merkte ich, dass nicht eine perfekte Ausrichtung des Bildes, ein einwandfreier Schärfeverlauf - worauf ich bei dieser Kamera ohnehin keinen Einfluss hatte - oder die perfekte Belichtung ausschlaggebend war, sondern die Stimmung, die das Bild übermittelte. Bewegungsunschärfe störte den Schnappschuss nicht, sie half ihm. Ebenso verhielt es sich mit stürzenden Linien und schräger Kameraführung. Drittens musste ich mir eine unglaubliche Schnelligkeit und eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Motiv angewöhnen. Ein geplantes Bild wird nie ein Schnappschuss, und wenn man zu langsam ist, ist die Situation vorbei.

Da das unbemerkte fotografieren ohne Frage das wichtigste war, musste ich bei der HP Kamera immer zuerst den Blitz ausschalten. Das war irgendwann so ein geübter Handgriff - Einschalten und 3x auf den Blitzknopf - dass ich mich später dabei ertappte, wie ich den Blitz ausmachte um ihn gleich wieder anzumachen. Ebenso wichtig war die Kamerahaltung. Um wirklich unerkannt zu bleiben musste die Kamera quasi beiläufig in der Hand liegen. Unauffällig, wie eine von 1000 Kameras, die 1000 Touristen gerade mit sich rumtragen, wenn sie keine Bilder machen. Daher gewöhnte ich mir an, sowohl die genaue Ausrichtung meiner Kamera, als auch den Aufnahmewinkel blind im Gefühl und im Griff zu haben. Nach einiger Zeit funktionierte das auch verblüffend gut, ich konnte sowohl aus der hängenden Hand als auch auf etwas zeigend oder über die Schulter nach hinten alles mit einer erstaunlichen Treffsicherheit fotografieren. Die Kamera wurde nie ausgeschaltet, außerdem lernte ich schnell zu sein, hatte auch die Auslöseverzögerung im Gefühl und drückte immer kurz vor einem zu erwartenden Motiv ab. Oft ging das natürlich daneben - manchmal gelang es. Daher musste ich immer sehr viele Bilder machen, damit einige schöne dabei waren. Darum, und um die Schnelligkeit zu erhöhen, fotografierte ich alles auf der kleinstmöglichen Auflösung; mir war ja die Bildwirkung wichtig - nicht die Qualität.

Im Januar 2007 fand ich durch Zufall ein von mir gemachtes Bild von einem unbekannten Brautpaar aus Paris wieder. Ich hatte die vorhergehenden 2 Jahre mit der Fuji S7000 fotografiert, die Probleme der Schnappschusskamera gehörten der Vergangenheit an und ich fotografierte wieder durch den Sucher. Ungefähr zeitgleich fand ich bei Wikipedia durch Zufall den Artikel über Lomografie. "Die 10 goldenen Regeln der Lomografie" erinnerten mich stark an das, was ich in den Jahren davor gemacht hatte, also nahm ich mir vor, diesen Stil wieder zu beleben. Inzwischen hatte ich mit der 400D auch die Möglichkeit, dies nun auch mit entsprechender Qualität zu tun.

                  

Die Reise nach London bot sich dazu an, ich legte in den beiden Tagen dort die Kamera nicht aus der Hand und fotografierte mit hängenden Armen aus dem Jackenärmel was das Zeug hielt. Was mich erstaunte war, wie schnell das "blinde" Gefühl für die Kamera allgemein, und für die neue Kamera im speziellen, wieder da war. Eine geeignete Kameraeinstellung war auch schnell gefunden, die Spannung auf die Bilder war groß.

                  

Wieder zu Hause angekommen, die Bilder fertig bearbeitet, stellte sich nun die Frage nach dem Hochladen: Wie kann man das nennen? Da fiel mir die Regel 10 wieder ein. Keine Regeln. Schließlich ist Lomografie auch Definitionssache - für die meisten ist es wohl das Fotografieren mit der LOMO LC-A, für manche das Fotografieren mit der LOMO LC-A unter "Berücksichtigung der Regeln" - und für mich ist es eben nur das Fotografieren nach den "Regeln". Denn getreu meinem Statement ist mir egal mit welchen Mitteln es gemacht ist - entscheidend ist nur wie das Resultat aussieht.

Lange Rede kurzer Sinn: Die Lomo-Fotos aus London kamen allgemein gut an. So gut, dass manche fragten, wie ich sie gemacht habe. Und umso mehr freut es mich, heute diese Bilder von Johanna vorstellen zu dürfen. Die Bilder sind gestern in Amsterdam entstanden und tragen eine eigene - und für mich neue - Handschrift, die mir sehr gut gefällt. Lediglich der Stil ist unverwechselbar: Lomo-Style!


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