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Wie Opfer zu Täter werden. Ein Muster, das überall und immer wieder neue Anhänger findet.
Wir zeigen Verständnis, aber ....
Hier ein Kommentar in der Berliner Zeitung vom 14.4.2009
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0414/meinung/0050/index.html
ANALYSE
Ein Held und viele Hungerleider vor Somalia
Marc Engelhardt
Die Befreiung des amerikanischen Kapitäns Richard Phillips durch das US-Militär war eine Heldentat. So dürften es jedenfalls Millionen von Amerikanern sehen, die über Ostern das Schicksal des als mutig, selbstlos und echt amerikanisch beschriebenen 53-jährigen im Fernsehen verfolgten. Auch US-Präsident Obama dürfte froh sein. Derzeit kann er nichts weniger gebrauchen als noch eine Krise. Was bedeutet es da schon, dass selbst diejenigen, die für Phillips Befreiung verantwortlich sind, einräumen, die Gewalt in diesem Teil der Welt könne sprunghaft ansteigen.
Bislang funktionierte Piraterie vor Somalia nach einem klaren Businessmodell: Die Piraten kassierten, dafür gaben sie Schiff und Besatzung unversehrt zurück - auch wenn viele Seeleute oft wochen- oder monatelang ausharren mussten. Doch jetzt, so warnen Verbündete der Piraten, wird sich das ändern. Wenn Spezialeinheiten unsere Leute umbringen, so drohen sie, dann ermorden wir eure.
Aus solchen Worten spricht Wut und ein wenig Angst. Doch die Piraten und vor allem ihre Hintermänner sind viel zu sehr Geschäftsleute, um ihr Millionengeschäft durch willkürliche Morde zu gefährden. Eher werden die Lösegelder noch höher steigen, weil für die Seeräuber das Risiko durch die Marineschiffe zugenommen hat.
Wer sich auskennt im Piratenbusiness, der weiß, dass die Piraten vom Rettungsboot sich schlicht überhoben haben. Zu viert einen Frachter entführen zu wollen, noch dazu einen unter US-Flagge, war schlicht unprofessionell. Manch ein Seeräuber ärgert sich, dass die vier Dummköpfe die so lange wegguckenden Amerikaner zum Hinschauen bewegt haben.
So ist die wahrscheinlichste Folge, dass die Piraten in Zukunft Schiffe unter US-Flagge oder Trikolore weiträumig umfahren werden. Stattdessen werden sie sich auf Schiffe anderer Nationen konzentrieren, etwa deutsche - bis doch jemand auf die Idee kommt, die GSG 9 zur Befreiung von deutschen Piratengeiseln einzusetzen.
Schlimm ist das zunächst für Schiffe aus armen Ländern, die mit dieser Art von Wettrüsten nicht mithalten können. Schon jetzt stammen die meisten der 240 Geiseln in Somalia von den Philippinen, deren Regierung sich kostspielige Spezialkommandos nie leisten könnte. Doch auf mittlere Sicht wird die Aufrüstung am Horn von Afrika auch die westlichen Nationen treffen, die ihren Schiffen immer mehr Begleitschutz finanzieren müssen. Daran, und am unkalkulierbar steigenden Risiko, kann niemand ein Interesse haben.
Die Befreiung von Richard Phillips mag kurzfristig Anlass zum Aufatmen geben: Endlich unternimmt jemand etwas gegen die Piraten. Doch auf lange Sicht wird man um die Einsicht nicht herumkommen, dass sich Somalias Armee der Hoffnungslosen nicht mit Sonderkommandos und Kriegsschiffen bekämpfen lässt. Ein hungriger Mann ist ein wütender Mann, sagt man in Afrika. Und: Wer nichts zu verlieren hat, der kämpft bis zum Schluss.
Frieden auf See wird es in Somalia nur geben, wenn es Frieden, Stabilität und ein bisschen Lebensqualität an Land gibt - wenigstens so viel, dass die Menschen nicht verhungern. Es ist die blanke Not, die die Handlanger der international vernetzten Piratenbosse in die Boote treibt. Was Somalia braucht, ist ein Held, der eine ganze Nation befreit. Einzig, so jemand ist bisher nicht in Sicht. (Ende des Zitats aus der BZB)
Und hier meine Reaktion darauf:
Es geht um Business. Hier geht es um viele Millionen. Und viele Leute verdienen daran.
Nun ist dieses Geschäft gestört, das heimliche Stillschweigen aufgekündigt - und das von einem, der auch in seinem Heimatland mit dieser Verlogenheit der Geschäftemacher bricht und sie zur Rechenschaft zwingt.
Nun wird diesem neuen US-Präsidenten in Teilen der deutschen Presse vorgeworfen, er habe zwar moralisch gehandelt, aber den „Partnern in Crime“ das Geschäft versaut.
Warum schaffen es die Amerikaner, die Israelis, vielleicht noch die Franzosen, ihre als Geisel genommenen Staatsbürger zu befreien? Es doch wenigstens versuchen. Und zwar ohne den Krämerseelen nach dem Munde zu reden. Was ist ein deutscher Staatbürger wert? Wenig, wenn die Geschäftsinteressen gefährdet sind.
Ich ärgere mich über die bigotten Krokodilstränen der hiesigen Bedenkenträger, die mal wieder alle Schuld den „Umständen“ anlasten. Die armen Somalis? Ich kenne ihre Argumente. Ich habe lange aus diesem Teil der Welt berichtet. Seit Siad Barré hat kein Mensch dort eine Rechtstaat aufbauen können. Nicht weil sie nicht wissen wie es geht, sondern weil sie nicht wollen. Ihre Unabhängigkeit (weil es keine Gesetze gibt, gibt es auch keine Gesetzlosigkeit) ist ihnen wichtiger, als die Verantwortung für eine funktionierende Zivilgesellschaft zu übernehmen. Es muss ja nicht gleich eine Demokratie nach westlichem Muster sein. Aber wenigstens die Anerkennung der Grundrechte-Charta der UN.
Wir sollten uns endlich abgewöhnen, für das Elend in Afrika immer nur die Schuld bei uns zu suchen. Dieser eurozentrische Paternalismus ist unerträglich. Vieles ist richtig in der Analyse von Marc Engelhardt, aber er sitzt doch in der Falle. Aus seiner Berliner Sicht schreibt er: „Was Somalia braucht, ist ein Held, der eine ganze Nation befreit. Einzig, so jemand ist nicht in Sicht.“ Wo sollte der auch herkommen, wenn nicht aus Somalia selbst? Schon allein die Frage ist falsch. Somalia ist keine Nation.
Das ist eine Fortsetzung meines vorhergehenden Bogs
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