Gelungene Führung mit Geistesblitz

Im Verlauf einer exklusiven Führung
mit Manfred Rettig, Vorstand und
Sprecher der Stiftung Berliner Schloss
– Humboldtforum, überraschte dieser
immer wieder mit Seitenhieben
auf andere Großbaustellen in Berlin.
„Unsere Baustelle“, so Rettig, „bietet
der Presse keinen neuen Skandal. Wir
sind im Zeitplan, zwei Drittel des Rohbaus
sind fertig, es gibt keine Kostenexplosion,
alles läuft reibungslos!“ Aus
dieser Anspielung auf BER und Staatsoper
spricht Rettigs spürbares Selbstbewusstsein.
Das Herzstück. Gegenwärtig ziehen
150 Arbeiter das Projekt hoch, dessen
Baumasse der Größe von 400 Einfamilienhäusern
entspricht. Die gegenwärtige
Angst vieler Berliner, dass
Großbaustellen nicht fertig werden und
Kostenfallen sind, zeigte sich bislang
auch beim Spendenaufkommen. Jetzt,
wo der Baufortschritt deutlich sichtbar
erlebt wird, melden sich immer mehr
potenzielle Spender für die Schmuckelemente
der barocken Fassaden. Die
Skepsis scheint der Gewissheit gewichen,
dass das Schloss ein Erfolg wird.
Hörbar hochgemut sprach Rettig von
den beeindruckenden Dimensionen,
die schon jetzt im Rohbau erlebbar sind.
Das Herzstück ist für ihn der öffentliche
Durchgang von der Lustgartenseite
zur Breiten Straße auf der Südseite,
dem ehemaligen Schlossplatz. Von der
Museumsinsel zur Fischerinsel, so sein
Credo – wenn die Berliner Stadtplaner
mitziehen. Auch die Ost-West-Passage
von der Spree, durch den offenen Schlüterhof,
den Rettig die „gute Stube von
Berlin“ nennt, bis zum Hauptportal III
ist schon erkennbar.
Kühner Gedanke. Der Rohbau wird
konsequent durchgezogen bis zum
Richtfest. Veränderungen, Einwände,
Umplanungen, die den Bau verzögern
könnten, wird es mit Rettig nicht geben.
Extrawünsche könne er sich nur beim
Ausbau für die spätere Nutzung vorstellen.
So wird zurzeit geprüft, ob die
Statik für Gastronomie auf der Dachterrasse
ausreicht. Die Option, auf der
Nord-West-Ecke zwischen der Kuppel
und Unter den Linden ein öffentliches
Restaurant zu betreiben, besteht weiterhin.
Rettig schlug außerdem vor, den
Tunnel zwischen Marstall und Schloss
zu aktivieren; als Angebot an die Zentral-
und Landesbibliothek Berlin (ZLB),
die durch das Aus für den Neubau auf
dem Tempelhofer Feld umdenken muss.
Wenn einige Bestände der ZLB aus der
Breiten Straße in den angrenzenden
Marstall (jetzt genutzt von der Hochschule
für Musik Hanns Eisler) verschoben
würden, dann hätten die geplanten
Bibliotheksräume im Humboldtforum
durch den Tunnel gleich die perfekte
Anbindung. Ein kühner Gedanke, der
mal wieder Rettigs Engagement zeigt.
Eine Geistesblitz, den er als Vorstand
der Schloss-Stiftung sicherlich nicht
für sich behalten wird, wenn er demnächst
mit den Berliner Stadtplanern
über die noch fehlende Attraktivität des
Umfeldes diskutiert. Vielleicht sollte bei
nächster Gelegenheit, wenn wieder mal
die Umgebung des Schloss-Humboldtforums
auf der Tagesordnung steht,
Manfred Rettig zum Brainstorming
eingeladen werden.

Berliner Abendblatt 7. Juni 2014 Ausgabe Mitte