In der Motorradtour vom Samstag letzter Woche war Sprache von einem alten Tempel im Urwald, der gelegentlich noch von Pilgern besucht wird. Der Gedanke daran spukte in meinem Hirn rum, und ich beschloss der Sache auf den Grund zu gehen. Diesmal breche ich um 5:00 auf, es ist draussen zackenduster. Eine rot verhuellte Figur zeigt sich am Wegesrand, das Gesicht ist abgewendet, Nebelschwaden. Es ist ziemlich kuehl. Am Varthur See vorbei, dann zur Kreuzung wo mein Dolmetscher Rajasekar, auf seiner roten Honda 100 cc, auf mich wartet. Aus einem kleinen Tempel flackert das Kerzenlicht..

Zunaest ist die Strasse frei, doch nach einer Weile erscheint eine dunkle Kolonne halb- oder garnicht beleuchteter Lastwagen, die sich durch die stockfinstere Nacht hindurchdieseln. Es gibt ein indisches Sprichwort: Schau Dir den Lastwagen an und Du weisst wer der Fahrer ist – besonders laedierte Vehikel werden naemlich nicht von professionellen Fahren gesteuert, sonden von irgendwelchen Hilfskraeften. Diese Laster sind immer bemalt mit allerlei religioesen Symbolen, und ein Daemon grinst mir ins Gesicht, vom Differentialgehaeuse, im Lichtstrahl meines Scheinwerfers. Ist Religion Opium fuer das Volk, wie Karl Marx meinte? Nein, eher Kaffee mit viel Kondensmilch.

Schwaden von Dieselrauch, naessender Nebel, viel ist nicht zu sehen, und wenn ein Laster auf der Gegenfahrbahn vorbeizieht, wie ueblich ohne abzublenden, dann sehe ich nur noch Strahlenkranz und Regenbogenlicht. Zur linken erscheint jetzt ein Parkplatz, viele Laster stehen dort, geparkt es ist eine Teekueche. Eine Traube von Fahrern steht an der Theke, Neonlicht flackert, man erfreut sich an warmer orientalischer Maennerfreundschaft. Schliesslich daemmert es, und da sich der Nebel verzogen hat, koennen wir endlich an den Kolonnen von Lastern vorbeiziehen. Im Morgenlicht erscheint ein Wasserturm, einer der vielen hier im Umland von Bangalore, aber dieser erscheint mir besonders schoen.

Jetzt kommt der drei Meter hohe Muscheltempel- eine Meeresschnecke aus orange-farbenem Polyester- in Sicht, er ist gewidmet dem Gott Venkateshwaran, einer Krischna-Inkarnation mit merkwuerdigem Schnoerkel-Hut. Die Moenche sind schon auf, und wieder am Raeuchern. Nein, man kann Religion in Indien wirklich nicht entkommen.

(This picture was taken in the evening)

Die Strasse ist jetzt offen, aber nass. Schwaerme von Raubvoegeln und Nebelkraehen ziehen herum, lassen sich auf der Strasse nieder und weiden sich an plattgewalzten Wuermern, Schnecken, Schlangen und, ab und zu, an einem toten Hund. Trotz der offenen Strasse mag eine richtige Biker-Freude nicht in mir aufkommen. Es faengt an zu nieseln. Mittlerweile sind wir an der Kreuzung angekommen, wo auch dann die Teerstrasse endet. Das Wetter sieht schlecht aus – Wolken haengen wie Bassgeigen am kuehlen Morgenhimmel, und Rajashekar meint dass wir uns besser von den Feldwegen fernhalten - wir bleiben da moeglicherweise im Schlamm stecken. Es riecht nach wildem Lavendel.

Kurz entschlossen drehen wir um – es war die richtige Entscheidung, denn jetzt faengt es an ordentlich zu giessen. Meine Wolljacke ist schon richtig nass, ich hatte nicht mit Regen gerechnet. In einem kleinen Dorf an der Hauptstrasse gibt es eine kleine Teekueche, mit Palmendach, der blaue Rauch wabert durch das Dach in den dunklel-bewoelkten Himmel. Wir halten an, um uns am Kohlenfeuer aufzuwaermen.

Der Tee – streng bitter, mit suesser Milch – schmeckt hervorragend, und der Teekoch giesst mit hohem Bogen ein – zum letzten mal sah ich die gleiche Geste bei den Berbern Marokkos. Es macht Spass der Szene draussen zuzugucken – denn Indien ist ja ein einziges Freilicht-Theater. Ein Motorrad faehrt vorbei, mit drei Maennern und aufgespanntem Regenschirm, ein anderes schleppt sich vollbeladen mit Saecken dahin. Schliesslich laesst der Regen nach, und wir brechen auf Richtung Bangalore. Es ist 9 Uhr morgens. War wohl nichts mit dem Tempel. Vielleicht ein Andermal.



© 2008 by Franz L Kessler