Verlaesst man Bangalore in sued-oestlicher Richtung, so erreicht man nach ca 2 Stunden Fahrt durch huegeliges Feld-und Weideland den Rand der Hochebene von Bangalore und Mysore. Schritt fuer Schritt graben sich die Flusslaefe in die Landschaft , doch der Rand der Hochebene bleibt eine Ueberraschung – ein Saum von Klippen, von wo das Gelaende ziemlich schroff mehrere hundert Meter abfaellt. Am Grunde der wasserreichen, und stark bewaldeten Taeler stroemen zahlreiche Baeche und kleinere Fluesse, die sich dann im Cauvery vereinigen.



Diese Gegend heist Hogenakkal – und sie ist ziemlich beruechtigt. Ein moderner Robin Hood, der Raeuber Veerapan, trieb dort bis 2004 sein Unwesen, und er soll viele Polizisten erschossen haben - sein Geld stammte wohl vom illegalen Verkauf von Elfenbein und Tiger-Knochen. Sein Ende aber war unruehmlich - ein Polizist hat ihn erschossen, bei einem Arztbesuch, und nach Betaeubungsspritze. Er genoss aber den tiefen Respect der oertlichen Bevoelkerung, und ich habe nirgendwo in Indien so viele nette und offene Gesichter gesehen. Mag sein dass Dank Veerapan die Gegend bis heute vom Tourismus weitgehend unberuehrt geblieben ist.

Jedesmal , wenn wir die Pass-strasse von Devakottai nach Anshetty fahren, faellt unser Blick auf einen fernen Wasserfall, der sich von der Hochebene in den Canyon ergiesst. Ich beschliesse, den Oberlauf zu erkunden, und das am besten auf dem Motorrad. Meine Frau meint noch, ich waere wohl ziemlich verrueckt, mich so weit auf indische Strassen zu wagen, und das noch mit dem Motorrad, aber sie laesst mich dann doch losziehen.



Wir (mein Fahrer, und heute mein Dolmetscher, CK Rajashekar) und ich brechen um 6.00 morgens auf. Es ist angenehm kuehl, und die Strasse ist beinahe (fuer indische Verhaeltnisse) leer. Ich bitte Ihn voraus zu fahren, denn er kennt die Strasse besser, und weiss wo man besser bremst - denn die Strassen sind voll mit Schwellen, die eine schnelle Fahrt nicht zulassen. Wir schaffen immerhin 60 km/h, und sind tatsaechlich um 8 Uhr am Rande der Hochebene. Dort gabelt sich der Weg, und wir biegen nach links ab, denn nur von dort laesst sich der Rand des Plateaus erkunden. Zwar laueft mein altes Motorrad hervorragend, nur dass die Vorderbremse kaum zieht. Die Qualitaet der Strasse, je weiter man sich von der Hauptstrasse entfernt, verschlechtert sich zunehmend. Wir fahren durch zwei malerische Doerfer. Hier sieht man Zeugnisse der etwas zweischneidigen Entwickung: Es gibt Brunnen, und Telefon, aber Handgewebtes, wie man es frueher ueberall in Indien fand, ist hier bereits verschwunden.

Nach zwei Kilometern sind es nur noch staubige Pisten, mit tiefen Bodenwellen. Tiefe Graeben links und rechts von der Strasse ruehren wohl von der letzten Regenzeit im Sommer. Bei jeder Bodenwelle quietscht die Federung. Dann gilt es, einen tief eingeschnittenen Bach zu ueberqueren, und meine "Bullet" hat Muehe die steile Boeschung gegenueber zu erklimmen. Da heisst es absteigen, und neben dem Motorrad rennen. Nein, dies ist keine Enduro-Maschine. In einem kleinen Weiler ist dann entgueltig Schluss.

Der Rand der Hochebene ist nur noch zwei km weg, und wir stellen unser Motorrraeder ab, lassen die Motoren auskuehlen und laufen das letzte Stueck. Leider erweisst sich der aus der ferne gesehene Wasserfall als ein ziemlich truebes Gewaesser - kein Wunder nach mehreren Doerfern und Viehweiden. Wir folgen dem Flusslauf fuer rund zwanzig Minuten, bis wir ein Gneiss-Plateau erreichen. Dort trete ich beinahe auf eine sieben Fuss lange Kobra, schwarz-braun segmentiert. Ohne grosse Eile zieht sich das Reptil in eine Felsspalte zurueck - in meinem Leben hatte ich nie Angst vor Schlangen, und diese auch nicht von mir. Vielleicht sind wir einfach Freunde.

Von dem Gneiss-Plateau bietet sich eine schoene Aussicht - der Fluss, Waelder und maechtige Granit- oder Gneissbloecke, sogenannte "Wollsaecke", die die Erosion in vielen Jahrtausenden herausgeschnitten hat.

In der Ferne erscheinen die Bergkaemme des Hogenakkal, zarte blaeuliche Silhouetten im Morgendunst. Es sind Reste des Hochplateaus, sogenannte Inselberge und Zeugen des zerschnittenen Plateaus, welches sich frueher bis dorthin erstreckte. Irgendwo im Wald soll auch ein alter Tempel versteckt sein. Meine Motorrad-Kleiding und Stiefel sind aber zu schwer, um noch weiter herumzuklettern. Die Sonne steht schon weit am Himmel, und es wird heiss. Um 9 sitzen wir schon wieder auf unseren Maschinen, und es geht zurueck nach Bangalore.



© 2008 by Franz L Kessler