5:50 Sonntag morgen im November. Ein lila-blauer Himmel ergiesst sich ueber die Baeume und Daecher der Vorstadt-Landschaft. Die Sonne steckt noch weit unter dem Horizont, und es ist ziemlich kuehl – nur 12 Grad, und etwas dunstig. Dementsprechend schlecht springt der Motor an: siebenmal am Vergaser-Choke nibbeln, dann das Dekompressions-Ventil oeffnen. Die Nadel zeigt Strom an, und jetzt fest den Kickstarter treten. Pumm- pumm-pumm- pumm. Jetzt endlich roert der Motor ins Leben, und die Nachbarn brauchen nicht mehr auf ihren Wecker zu warten – dies ist meine sanfte Rache fuer das dauernde Puja-Gebimmel und die lautstarken naechtlichen Bollywood- Movie-Orgien, die bis in unser Schlafzimmer hallen - nach dem Motto: Gib es dem Lautsprecher, bis die Membrane platzt.


Auf dem Weg zur Hauptstrasse spukt der Motor noch ein wenig, aber laeuft schon beinahe wieder rund. Am Tor kommt meine 350 cc Royal Enfield zu einem quietschenden Stillstand. Ein vermummter Wachtmann springt wie eine schlecht geoelte Feder auf, und macht das Tor auf. Soll ich oder soll ich nicht? Ich vergewissere mich nochmals: 1. Kupplung linke Hand; 2. Handbremse rechte Hand, und 3. Fussbremse links. Los gehts.

Draussen ist schon wieder mal der Baer los. Sich mit einem Motorrad in den indischen Verkehr zu stuerzen, ist sowieso eine Aufforderung zum Selbstmord. In Bangalore heisst es, man braucht besonders viel von drei kritischen Parametern: Hupe, Bremsen, und Glueck. Klapprige Busse, Sandlaster, Dreirad-Taxis brummen vorbei. Fussgaenger ueberqueren die Strasse wie Huehner, sie gucken ja ueberhaupt nicht. Huup Huup. Und dann, schon wieder, schwoft eine heilige Kuh mit blauen Hoernern, mitten drin im allgemeinen Chaos. Ich habe Muehe, mein schweres Trommel-gebremstes Bike zum Stehen zu bringen.




Weiter vorne, auf dem staubigen Verkehrskreisel, jenseits von 50 m Chaos liegt schon eine milde gelbe Morgensonne. Ich drehe nacht rechts ab, auf die Landstrasse nach Varthur, an der rostigen Indian Oil Tankstelle vorbei, und bummle mit 20 km/Stunde hinter einem Betonlaster her. Der beschuetzt mich von (oft moerderischem) Gegenverkehr , und so kann ich wenigstens in die Landschaft hinein gucken, und beniessen. Die Strasse lauft auf einem uralten, sich links-und rechts windenden Damm – niemand weiss wie alt dieser ist, und ich kann wegen der Enge nicht stoppen - gerne haette ich ein paar Bilder geschossen, aber es ist einfach zu gefaehrlich.


Zur Rechten streckt sich ein kuenstlicher See, auf dem Fischkadaver treiben. Wahrscheinlich hat wieder mal eine der vielen kleinen Fabriken giftiges Abwasser verklappt, und jetzt sterben die Fische. Fuer die kreisenden Raubvoegel ist dies aber die Fruehstuecks-Schlachtplatte, ein Geschenk der schlechten Goetter. Am anderen Ende, dort wo der kuenstliche Abfluss ist, kreisen zahllose Schwalben. Links von der Strasse, fuenf Meter weiter unten, stolzieren Ibise ueber gruene Felder, und einige fette (=professionelle) Milchkuehe laben sich an frischem Morgengrass.

Vorne, an der Weggabelung in Varthur, versperrt mir ein Laster die Bahn. Muehsehlig kurbelt der Fahrer an seinem Steuerrad, und haelt wiedermal den ganzen Verkehr auf. Und jetzt stirbt mir auch mein Motor ab. Dann heisst es: Maschine aufbocken, Leergang rein, und kraeftig kicken. Nein, In Indien ist man nie allein, und schon hat sich eine Halbkreis-Gruppe gebildet, die zuguckt wie das fremde Bleichgesicht seine Royal Enfield Bullet loskickt. Diesmal glueckt es beim ersten Kick, und ich rattere dann auf einer Staubstrasse Richtung Osten.


Zur Linken erscheint das Bambus- Geruest, welches eine riesige schwarze Affengott-Statue umguertet. Ich wundere mich, was Menschen dazu bringt, einen grossen schwarzen Affen zu verehren, aber so ist es eben in Indien.
Einmal weg von den vielen Menschen, mit denen ich sowieso wenig teile, fuehlt es sich besser an. Ich geniesse diese Augentlicke der Ruhe.
Die Strasse, die halb aus Asphalt halb aus Loechern oder wieder nur Staub besteht, schlaengelt sich zwischen den Gemuesekulturen, dem Eucalyptusswald, Mangoheinen und frisch gepfluegten Feldern – ein Bauer zieht gerade eine frische Furche durch die Krume, hinter zwei maechtigen Bueffeln, und im Gefolge von Ibisen. Ein friedlicher Anblick. Da das Bangalore Plateau ca. 1200 m ueber dem Meeresspiegel liegt, ist das Klima eher kuehl, und es faellt auch mehr Regen als in anderen Teilen Indiens – bis zu dreimal pro Jahr reift der Mais, und zweimal der Reis. An einigen Pappeln vorbei biegt der Weg nach rechts, doch eine enorme Bodenwelle in der Strasse weißt auf ein zerbrochenes und schnell repariertes Abflussrohr hin. Die Federn des Antriebsrades quietschen laut. Es geht langsam weiter, mit 40 km/Stunde, und es ruettelt ordentlich, ueber Staub, Sand und ein wenig Asphalt, mehr Loecher als Strasse. Im naechsten Weiler vorbei sind alle Haueser gelblich angestrichen.




Frauen in Saris tragen Plastik und Aluminium-Wasserkruege auf dem Kopf. Ziegen knappern genuesslich an alten Wahlplakaten rum, und haben schon einige korrupten Politikerkoepfe abgefressen. Jetzt biegt die Strasse nach links, und ich komme beinah ins Schleudern auf dem losen Sand. Etwas langsamer und weiser rattere ich mit meiner Royal Enfield weiter.


An einem kleinen Tempel ertoent der uebliche Singsang einer Puja, und Schwaden von billigem Weihrauch driften ueber dem Weg, und beissen in der Nase. Kaum am Dorf vorbei, muendet der Weg in eine richtige Teerstrasse. Dort biege ich nach links ab, mit der Vermutung dass die Strasse nach Bangalore fuehrt (wohin den sonst). Da diese wenig Verkehr hat, kann man schon mal auf atemberaubende 80 km aufdrehen. Einige Fabrikgebaeude fliegen vorbei, und dann erscheint auch schon, wie eine fremdartige Fatamorgana, die Skyline von Bangalore- Buerogebaeude von Firmen wie SAP, Microsoft, Infosys, Cisco und Google. Nach einer Biegung erscheint die aeussere Ringstrasse, und schon saugt mich der Verkehrsstrom wieder ins staettische Chaos.

Mit dem ueblichen Glueck erreiche ich unser (relativ paradiesisches) Wohnviertel in White Fields, das Motorrad brummt freundlich. Meine morgentliche 42 km Rundfahrt neigt sich dem Ende zu – in mancher Hinsicht eine Reise durch die Zeit.


© 2008 by Franz L Kessler