BERND KOBERLING


ZUM SIEBSTIGSTEN
Neue Bilder

28. November 2008 bis 24. Januar 2009

Ausstellungseröffnung am Freitag, den 28.11.2008 von 18 bis 21 Uhr
Einführung: Dr. Tayfun Belgin, Karl Ernst Osthaus Museum, Hagen



„Die Natur und das Volumen der Stille.“
Zum 70. Geburtstag des Malers Bernd Koberling

Im November 1938 wurde Bernd Koberling in Berlin geboren, wo er auch den größten Teil seines Lebens verbrachte. Hier wuchs er im Labyrinth der Ruinen auf, die in manchen Bezirken der Stadt noch bis heute zu entdecken sind. Auf den sandigen Brachen und zwischen den ausgebrannten Häusern blühten Löwenzahn und Lilien. Er erlebte den Aufbau und die Teilung der Stadt, den Fall der Mauer und die Verschiebung des Zentrums nach Osten. Vor mehr als 40 Jahren begann er dann in dieser vom Krieg gezeichneten urbanen Situation die unberührte, fast menschenleere Natur des europäischen Nordens zu malen. Gewissermaßen als Antithese und Gegengewicht zu seinem Leben in der zerrissenen Großstadt wurde die Natur zur Quelle der künstlerischen Arbeit Bernd Koberlings. Reiste er seit 1959 zunächst in die Tundra Schwedisch-Lapplands, so verbringt er bis heute lange Zeiträume in Island. Kennen gelernt hat er die Insel 1977 durch eine Einladung Dieter Roths. Konsequent konzentriert sich Koberling seit den sechziger Jahren in seiner Malerei auf ein Thema: die Natur. Damit erreichte er für sich eine solitäre künstlerische Position, in der die unberührten Landschaften des Nordens zu einem Synonym für die Natur schlechthin wurden. Der Titel der Ausstellung „Moderne Peripherie“ von 1982 kann im Nachhinein als programmatisch für Koberlings Reflexionen über die Natur verstanden werden.

Koberling studierte von 1958 bis 1960 an der HdK, Berlin. 1969 bekam er ein Stipendium für einen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom und 1970 den Preis der Deutschen Kunstkritik. Nach Gastprofessuren in Berlin, Düsseldorf und Hamburg, lehrt Koberling seit 1981 als Professor für Malerei zunächst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und seit 1988 an der Hochschule der Künste in Berlin.

Den Beginn seines Werks markiert ein „Selbstporträt mit roter Anglerjacke“ von 1963: seine Entscheidung, sich gegen den Zeitgeist von Informell und Pop Art malerisch mit der Natur aus-einanderzusetzen. Die klare Absage an die damaligen „Kunstmoden“ war für Koberling eine Entscheidung, die bis heute Bestand hat. Schon seine erste Ausstellung in der legendären Selbst-hilfegalerie Großgörschen war ein Programm gegen den Zeitgeist. Ihr Titel „Sonderromantik“ könnte auch heute noch über den Ausstellungen seiner Naturkompositionen stehen. In den sechziger Jahren entstehen die „Überspannungen“: Die weiten, rhythmischen Bergformationen und die mäandernden Seen und Flusslandschaften werden in hohem Grade vereinfacht und stilisiert. Die Farbschichtungen werden durch das darüber gespannte Nessel und die Lichtfilterfolie malerisch zurückgenommen. Diese Folie zieht sich wie eine schützende Haut über die dargestellte Landschaft. Während die in der Villa Massimo entstandenen so genannten „Rom-Bilder“ (1968) kurz die politische Situation reflektieren, stellen die nachfolgenden „Malwasser-Bilder“ (1970) einen Wendepunkt in Koberlings Malerei dar. Sie bedeuten die Entdeckung des Liquiden, Zufälligen und Malerischen, eine Abkehr von der klaren ästhetischen Landschaftskonstruktion.

In den achtziger Jahren stehen plötzlich Lebewesen im Zentrum der malerisch freien und pastosen Ölbilder: „Strandarbeiter“, „Kormorane“ und „Wale“. Es sind expressive, figürliche Bilder, in denen Küsten und vulkanische Landschaften zu Projektionsflächen existentieller Fragen werden. Die menschliche Figur wird in den späten achtziger Jahren wieder vollständig zurückgenommen und Koberling konzentriert sich fortan ganz auf die biomorphen Konstruktionen der Natur. Die karge Landschaft Islands bietet zwischen Wasser, Bergen und Himmel weite, offene Räume. Der Horizontlinie, die erstmals in den balkentragenden Strandarbeiter-Bildern auftaucht, begegnet man nun in den großen Panoramen der „Landlinien“ wieder. Als die großen Naturbilder der Nahsicht auf die Strukturen des Mikrokosmos weichen, füllt sich der Bildgrund mit Beeren und Blumen, mit Fischlaich und Moorvegetation. Diese Gegenständlichkeit ist stark abstrahiert und mit wenigen Farbakzenten belebt. Die Motive treten zurück, sie werden immer mehr reduziert und Inhalt und Komposition verwandeln sich in kontemplative Tafelbilder. Nun wird die sich ständig durch Wetterwechsel und Vegetation verändernde Landschaft zum Bildthema. „Es ist nicht die unermessliche Weite oder die Dynamik der isländischen Landschaft, der seine Aufmerksamkeit gilt, sondern ihre unzähligen Einzelheiten sowie die Veränderungen der arktischen Vegetation und des Klimas. […] Wenn sich die Natur seinem Gedächtnis vollkommen eingeprägt hat, übersetzt Koberling das wesentliche seiner Erfahrung in eine Poesie der Farben, indem er seine Gefühle für die Natur nicht beschreibt, sondern ausdeutet.“ (Bera Nordal)

Mitte der neunziger Jahre entdeckt Koberling das Aquarell für seine Arbeit. Seitdem entstehen in Island große Zyklen aquarellierter Blätter unmittelbar in der Natur. Sie bilden den Fundus für die malerischen Reflexionen im Berliner Atelier. Die neue Technik führt zu einem neuen malerischen Konzept: Die freien Papierflächen zwischen den fließenden, transparenten oder dichter aufgetragenen Farbinseln gewinnen eine eigene Qualität, die Koberling nutzt, um eine ganz neue Werkreihe zu beginnen. Anlass war der Auftrag, 1999 das Casino des Bundesjustizministeriums in Berlin künstlerisch so zu gestalten, dass der sichtbare Außenraum und der Innenraum in Verbindung treten. Gegeben war eine lange geschwungene Wand, für die eine biegsame Bildfläche geschaffen werden musste. Hierfür entwickelte Koberling eine neue Maltechnik: Auf mehrfach grundierten Dibond-Aluminiumplatten „vermalte“ er stark verdünnte Acrylfarbe. „Die opak gemalten, expressiven Gemälde der achtziger Jahre entwickeln sich so zu einer beinahe aquarellhaft, hoch transparenten Form der Malerei, die mit ihrem luziden Charakter die Vorstellung schwebender Leichtigkeit evoziert.“ (Ernst Gerhard Güse). Die Arbeiten, die er zunächst „Farbfluss“ nennt, lassen auch kompositorisch neue Ansätze erkennen. Man denkt an Tuschpinselmalerei in der Tradition asiatischer Landschaftsmalerei, in der es auch eine vergleichbare Bedeutung der unbemalten Flächen und die Offenheit der Komposition zum Bildrand gibt. Die Bilder sind abstrakter, durchleuchteter und transparenter als alle Werkreihen zuvor - Momente verhaltener Stille. Sie verweisen auf Kosmisches, auf die Natur als Ganzes.

Während Koberling in großen Städten wie Berlin, Hamburg und Düsseldorf lehrte und lebte, blieb sein Blick doch offen für die Natur in allen ihren Formen. Er näherte sich ihr in immer neuen authentischen Begegnungen mit der Landschaft. Bernd Koberling hat mit seinen Bildern und seiner Auffassung von Landschaft und Natur einen wesentlichen und originären Beitrag zu einer neuen Sicht der Natur in der zeitgenössischen Kunst geleistet.


Koberlings Werk wurde in einer Vielzahl von Einzelausstellungen gewürdigt: 1981 im Berliner Haus am Waldsee, 1991 in der Kunstsammlung NRW Düsseldorf, 1994 „Figur-Natur“ im Sprengel Museum Hannover, 2001 mit den Retrospektiven in Malmö, Reykjavik und Saarbrücken und 2007 durch die Ausstellung „Volumen der Stille“ in der Altana Kulturstiftung, Bad Homburg. Zu allen Ausstellungen erschienen umfangreiche Kataloge.


International bekannt wurde Koberling z.B. durch seine Teilnahme an wichtigen Ausstellungen wie „A New Spirit in Painting“ in London, „Zeitgeist“ in Berlin, „Origin y Vision“ in Madrid, Barcelona und Mexico City, „La Metropole Retrouvée“ in Brüssel, „BERLINART“ in New York und San Francisco, „German Art in The 20th Century“ in London und Stuttgart, „Refigured Painting. The German Image 1960-1988” in New York, Toledo, Düsseldorf und Frankfurt, „Deutschlandbilder“ in Berlin, “Outlook” in Athen u. a.



Die Galerie Wolfgang Gmyrek Düsseldorf (21.11. bis 24.1. 2009) zeigen anlässlich des 70. Geburtstages von Bernd Koberling neue Arbeiten des Künstlers.
© Wolfgang Gmyrek Düsseldorf, Oktober 2008