Selbst wer nur oberflächlich mit der Geographie Europas vertraut ist, muss erkennen, dass die letzten Fotos sonders & samt auf dem Gebiet der Tschechischen Republik entstanden sind. Das Basislager an der historischen Grenze zwischen Böhmen und Mähren lädt zu Radtouren und anderen Fahrten ein, so auch zu einem Besuch der Hauptstadt. Immer wieder schön - ältere Städtereisende überseeischer oder germanischer Herkunft, deren leises, aber stetiges Murren angesichts der touristischen Überlaufenheit besagter Kapitale bereits bis ins Erzgebirge zu hören ist. Seismologen kennen dieses Phänomen als The Prague Overflow Hum und filtern es bei wichtigen Messungen mit allerlei Rechentricks aus der Datenflut heraus, während es den Denkmalschutzbeauftragten innerhalb Prags doch zu denken gibt - man beachte die zahlreichen Restaurierungsmaßnahmen, die an historischen Gebäuden notwendig sind.

Um dem zu entgehen bieten sich zwei Strategien an - man läuft einfach irgendwohin, wo es "nicht so touristisch" (angestaubte Formel für Leute, die vor sich selbst weglaufen wollen) ist, was dann dazu führt, dass man mit aufgefaltetem Plan in abgelegenen Vorstädten Ortskundigen damit auf die Nerven geht, wie man denn wieder ins Touristische zurückfinde oder man vergegenwärtigt sich, und hier spricht der Kenner, dass jeder ein Recht auf die bekannten schönen Dinge hat, dass Prag in den letzten 800 Jahren bis auf zwei kurze Intermezzi nach dem 30jährigen Krieg und von 1968-1989, eigentlich immer schon gerammelt voll war, und sucht sich seine Ziele abseits der Hauptachsen und schreitet rüstig fürbaß.

Nur wenige Nordböhmische Klafter vom Wenzelsplatz aus liegt die Leica Gallery, die dem herkömmlichen Rathausuhrenbetrachter üblicherweise zu entgehen pflegt. Ein Ort von zenhafter Ruhe und Einkehr, der nur aus Schwarz, Weiß und rechten Winkeln besteht und zauberhafteste Fotoausstellungen beherbergt, so bis zum 31.08. eine Werkschau von Jiří Turek, der sich als eine Art Hoffotograf von Václav Havel einen Namen gemacht und einige Jahre in New York verbracht hat. So ganz mein Tässchen Tee ist es zwar nicht immer - aber doch, auch ein Meisterfotograf soll mit Reklame Geld verdienen dürfen, und auch das schafft Turek mit Würde. Es bleibt ein erfrischender, verspielter Blick auf die Welt und schlussendlicher Beweis der Tatsache, dass scharfe Fotos eher was für Pedanten sind. In den besten Momenten schließt sich ein Stromkreis und die Bilder verwandeln sich in bewegte Filme (auch dank Herrn Tureks äußerst konsequent eingesetzten Kamerawackelns und verschiedener obsoleter Abzugstechniken), auf denen man Staub, Licht und Dampf riechen kann.

Schaut doch einmal bei www.jiriturek.com/ rein - klickt Euch zu "Personal Works" durch und bewundert dort die "Lithprints Gallery" und "London Calling".

Nachtrag: "Verwackeln können wir auch", sagten sich Onkel F und seine Gattin und liefen einen sonnigen Tag lang mit einer auf hoffnungslose Überbelichtung eingestellten Kamera durch die Stadt. Ergebnisse demnächst hier an Ort und Stelle.