"Und der Mööönsch heißt Mensch
weil er aufsteht wenn er sitzt
und weil er Bier trinkt wenn man singt
und er aufs Klo muss wenn er trinkt
"
(nach Herbert Grönemeyer)

Wenn man in der Agrarsteppe des mittleren Niedersachsen hockt und die Welt übersichtlich und klein ist, dann ist es gut, sich von Zeit zu Zeit daran erinnern zu lassen, dass die Welt kein Straßendorf ist und etwas Luft von anderen Planeten zu atmen. Was läge da näher, als sich Sigur Rós anschauen zu gehen. Die Tasche gepackt und auf nach Berlin. "Suche Tickets", war mehr als nur ein resigniert dreinschauender Eckensteher vor Berlins größtem Betonzirkus beschriftet. "Habe Tickets", dachte ich glücklich.

Das Vorprogramm wurde von einem gewissen Ólafur Arnalds und den Damen von Amiina, der Streichquartetterweiterung der Hauptband, bestritten. Die Musik kam ebenso anorektisch wie der junge Nachwuchsmusiker daher - nach dem Motto, ich spiele ein paar Akkorde, die ich von Arvo Pärt abgekupfert habe, lasse viele Pausen zum "Atmen" drin und den Rest erledigt meine isländische Herkunft. Warum der gute Ólafur seine hirnsträubend banalen Klavierübungen als "Songs" (mit isländischem Akzent: Shongsh) betitelte, bleibt rätselhaft. Stellt Euch das wie einen isländischen Yann Tiersen (also Jan Týrsson) auf Rohypnol vor. Das Elegische, das bei Sigur Rós durch Klangphantasie, Instrumentation und Drama getragen wird, sollte hier Selbstzweck sein, aber das reichte für maximal fünf Sekunden. Als hätte jemand den Kuchen gegessen und uns nur die kakaohaltige Fettglasur übriggelassen. Im Fahrstuhl oder auf dem Abtritt höherklassiger Hotels täte sich Ólafur sicherlich gut machen und auch als Barpianist, traurigen Auges in der Lounge des Postschiffs Lofoten-Reykjavík, zwischen dem achten und dem neunten Bier, dürfte der Mann eine Zukunft haben. Oder aber auf einer UN-Friedensmission - Ólafurs entsetzlich triste Platte Eulogy for Evolution dürfte gleichzeitig einen Haufen auf Blutrache sinnende Wilde stoppen und die Sicherheitslage im Irak nachhaltig verbessern. Denn den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.

Auf Sigur Rós war ich nicht vorbereitet. Alles, was sich auf Platte "schön" und "nett" anhört, entwickelt auf der Bühne eine monströse Kraft. Jonsís Cellobogen senkte sich auf die Gitarrensaiten, welche darob erzitterten und tausend Ober-, Mittel-, Unter- und Zwischentöne ergossen sich in die Luft, immer zwischen Umkippen in Weißes Rauschen, Tiefblaues Rauschen und dröhnendem Bordun, als würde sich ein Orchester aus sterbenden Walen an Gustav Mahlers langsamen Sätzen versuchen. Hier einzelne Stücke aufzuzählen...naja...mit Svefn-g-Englar begonnen (="stark anfangen und dann langsam steigern"), genial die Single Gobbledigook (Steve Reich und Animal Collective auf Pilzen), die dem beliebten "Mitklatschen" eine ganz neue Dimension verlieh, genial die außerirdische Blaskapelle, als hätten die Droogies aus Clockwork Orange die letzten Jahre in einem Allgäuer Bootcamp verbracht, Popplagið, Schlussstück des arg schwer auszusprechenden Albums ( ), hielt Sonne, Mond, Sterne und Saturnringe an... Seelenruhig spazierten die Herren zwischen ihren Instrumenten hin und her - einem Schwung Gitarren, Vibraphonen, Glockenspielen, Harmonium und Orgeln. Die Musik und die ganze Energie dieser Band lebt auch davon, dass es eigentlich unwesentlich ist, wer jetzt gerade was spielt, ob der Tastenmann sich die Querflöte oder der Drummer am Vibraphon Platz nimmt. Dass es in dieser ganzen Traumverlorenheit eigentlich auch nicht wichtig  ist, wann die Stücke anfangen, wer wann wie lange mitspielt und ob nicht einmal einer zwischenzeitlich verschwindet, als würde die Musik die Musiker spielen und nicht umgekehrt... Denkt man! Bis sie einen dann wieder am Hals packen, langsam zudrücken, die ganze Lieblichkeit plötzlich verschwindet, die fliegenden Schichten sich plötzlich zu einem bedrohlichen Klangschwarm verdichten, den Schmetterlingen der Staub von den Flügeln gepustet wird und sich irgendwo auf dem Meeresgrund der Kraken rührt...

Jedenfalls war ich zu Tränen gerührt...

---------disclaimer: ab hier Niveauverlust-----------------------------------

 

Und nun an all die Wichser und Wichserinnen, die meinen, bei Konzerten, die explizit zum Sitzenbleiben gedacht waren (nein, die Bestuhlung wurde nicht zufällig ins Tempodrom hineingetragen), andauernd herumlaufen, Bier holen und mir ihre widerwärtigen Köpfe, die ohnehin nur zum Saufen und Kotzen taugen, ins Bild halten zu müssen: ihr seid jämmerliche Wichte, ohne Sinn für Benehmen, Größe, Schönheit und das Maß Eurer eigenen Nichtswürdigkeit. Man hätte euch mit neunzölligen Nägeln an den Sitzen befestigen sollen. Oder geht doch gleich zu Westernhagen.