Wesentliche Kennzeichen der Orthodoxen Kirche sind:
- die ungebrochene Tradition des Glaubens
- die Ikonen
- die mystische Theologie

1.

Ein alter Grundsatz sagt, dass der Glaube sich in der Liturgie wiederspiegelt. Wie wir glauben, so beten wir und umgekehrt. Unser Glaube beruht auf bestimmten historischen Ereignissen und Anordnungen (Einsetzungen) des Herrn, die uns aufgetragen sind: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker und taufet sie ... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28,20). In dem Ausdruck „machet zu Jüngern“ sind bereits die Personen genannt, die die Tradition des Evangeliums („alles, was ich euch befohlen habe“) weitertragen sollen. Sie sollen das anvertraute Evangelium behalten, wie sie es empfangen haben und weitergeben an ihre Schüler. Diese Traditionskette (empfangen – behalten – weitergeben – empfangen usw.) des Evangeliums finden wir wiederholt beim Apostel Paulus im 1. Korintherbrief z. B. in der Einsetzung des Herrnmahles und im Bekenntnis zum Auferstandenen ( 1.Kor 15,1-11). So leitet er die Einsetzungsworte des Abendmahles mit den für die Tradition kennzeichnenden Worten ein: „Ich habe vom Herrn empfangen, was auch ich euch weitergegeben habe“ ( 1. Kor 11,23 ). Der Apostel sieht sich hier ganz bescheiden nur als einen Träger in der Traditionskette., wie das „ auch ich“ deutlich zeigt. Hier geht es um das Vermächtnis des Herrn, um sein Testament, an dem nichts geändert werden darf, weil Er es so eingesetzt hat. Tradition ist hier bei Paulus wie im ganzen Neuen Testament der verbindliche Inhalt des Glaubens, der zu unserem Heil notwendig ist. Die Tradition ist, wie es ein orthodoxer Theologe einmal formuliert hat „der kritische Geist über den Zeiten“...
In diesem Sinne versteht die Orthodoxe Kirche auch ihre Liturgie, die sie „Göttliche Liturgie“ nennt. Vergleicht man die heutige Chrysostomusliturgie mit der Liturgie der Alten Kirche im 1. Jahrtausend, so kann man feststellen, dass der Aufbau in den wesentlichen Punkten identisch ist mit der Liturgie, die im 2. Jahrhundert in Rom unter dem damaligen Bischof Hippolyt gefeiert wurde. Es ist also die Orthodoxe Kirche, die die liturgische Tradition von damals bewahrt hat.

2.

Die Orthodoxe Kirche ist auch die Kirche der Ikonen. Religiöse Bilder aus der frei schaffenden Phantasie eines frommen Künstlers kennt sie nicht. Ikonen sind das gemalte Evangelium, sind öffentliche Verkündigung, die mit den Augen wahrgenommen wird und unterliegt daher der Anerkennung durch die Kirche. Ikonen sind heilige Bilder, weil in ihnen wie über das verkündigte Wort Zugang zur himmlischen Welt hergestellt wird. Wie das Evangelium werden auch sie mit Verbeugungen, Küssen und Beräucherung mit Weihrauch verehrt. Wie im Evangelium ist in ihnen Christus gegenwärtig. Ikonen sind der irdische Abglanz der himmlischen Welt. Gegenüber den Bilderfeinden, die sich auf das alttestamentliche Bilderverbot berufen, sieht die Orthodoxe Kirche das Erstellen von Ikonen in der Menschwerdung des Gottessohnes begründet. Da Gott vor menschliche Augen getreten ist, dürfen ihn auch menschliche Hände malen (Johannes Damascenus). Ikonen sind daher ein Christusbekenntnis, dem die Malkunst dient. Es ist daher aus orthodoxer Sicht die Frage zu stellen, ob die christliche Kunst des Westens nicht ihren Charakter als nur ästhetisches Ausdrucksmittel im Dienste der Verkündigung noch aufarbeiten muss.



3.

Die Orthodoxe Kirche ist die Kirche der mystischen Theologie. Mit dieser ist nicht gemeint die besondere Beziehung des frommen Individuums zu Gott. Das Wort „mystisch“ kommt her von dem griechischen Wort „myo“, d.h. „die Augen verbinden“. Es stammt aus dem religiösen Bereich der griechischen Kultur und bezeichnet die ehrfürchtige Annäherung an das Heilige, die Gegenwart der Gottheit im dunklen Tempel. Im Alten Testament begegnet uns eine ähnliche Situation, als Moses, die Heiligkeit Gottes zu schauen begehrt. Gott stellt ihn daraufhin in eine dunkle Felskluft und zieht hinter ihm vorüber. Der hier verordnete Abstand soll diesen vor der verzehrenden Heiligkeit Gottes schützen. Auch hier begegnet uns die Dunkelheit, die Kennzeichen für die Gottesferne aller menschlichen Erkenntnis und Mantel für die verborgene Nähe Gottes ist. Dieser unvereinbare Gegensatz bestimmt die rechte Form der Annäherung an Gott: Ehrfurcht vor dem verzehrend Heiligen, dem die bis ins Leibhafte hineingehende Gottesnähe gegenübersteht.

Ohne diese Ehrfurcht wird Gott allzu leicht zum „Kumpel“, dem man sich im Alltagsgewand“ zu nähern wagt. Wenn Christus im Gleichnis vom Gastmahl, vom Hochzeitsgewand spricht, meint er die ganz andere Haltung, die das Schönste und Beste als kaum oder gerade noch angemessen für die Begegnung mit Gott ansieht. Gemeint sind damit die geistliche Haltung und die Formen, die sich im Leben der großen Heiligen und durch die Erfahrung der Kirche in der Geschichte bewährt haben. .Das „hochzeitliche Gewand“ ist die Tradition der Kirche, die zeitlos und raumübergreifend gültige Anbetung Gottes. Dazu gehören in der Orthodoxen Kirche die Liturgie, die Ikonen, der Kirchbau und der Gesang.

Die Ikonen sind z. B. eine Form der Verkündigung und Verherrlichung Gottes, die seine Nähe und seine Ferne zugleich zum Ausdruck bringen. Die Ferne wird deutlich durch die Zweidimensionalität der Malkunst, die der Gegenwart einer Person widerspricht. Die Nähe Gottes jedoch zeigt sich als Abbild des Urbildes der Person, die durch jenes gegenwärtig ist und daher durch Kuss und Weihrauch verehrt wird.

Diese beiden Pole: Gottes Ferne und Gottes Nähe stehen in der orthodoxen Theologie unversöhnt nebeneinander und bewirken, dass vor aller menschlichen Erkenntnis Gottes die Vereinigung mit Ihm steht.