Herzlich willkommen in der Orthodoxen Kirche! Da ist aber einiges ganz anders - sowohl in der Einrichtung der Kirche als auch im Ablauf des Gottesdienstes, als Sie es in Ihrer Kirche gewohnt sind. Um Ihnen über das Fremdheitsgefühl bei dieser ersten Begegnung hinwegzuhelfen, hier einige Hinweise:


1. Wahrnehmung des Heiligen

Wenn Sie aus einer protestantischen oder nicht liturgischen Tradition herkommen, mag es sein, dass Sie beim Betreten einer orthodoxen Kirche geblendet sind von der Farbenpracht im Raum: Von mit Fresken bemalten Wänden, von der Ikonostase vor dem Altar, den glänzenden Gewändern der Liturgen, den brennenden Öllampen vor den Ikonen. Der eindringliche Geruch von Weihrauch mag ihren Geruchssinn belasten, und Sie müssen nießen. Hinzukommt das verwirrende Verhalten der Leute um sie herum, die sich bekreuzigen, verbeugen, Kerzen anzünden, Ikonen küssen, sich zum Gebet hinstellen, nur nicht das tun, was Sie gewohnt sind: Sich still hinzusetzen. Denn es gibt kaum Sitzgelegenheiten, bis auf wenige an der Wand. Es ist an dieser Stelle wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass all diese stillen Aktivitäten keinem Selbstzweck dienen, sondern nur das eine und einzige Ziel haben: den Menschen in die Nähe Gottes zu führen. Alle unsere Sinne, das Sehen, das Hören, das Riechen, das Berühren sollen sich darauf einstellen, jetzt vor Gott zu stehen und Ihm alles zu heiligen: Geist, Herz und Leib wollen sich Seiner heiligen Gegenwart öffnen.


2. Gott verehren im Stehen

Stellen wir uns vor, wir sitzen in einem Raum und der Bundespräsident kommt herein. Wer könnte da sitzen bleiben und sich von ihm begrüßen lassen? Der stehende Empfang ist die selbstverständliche Geste des Anstands, des Respekts und der Verehrung. Wie können wir unserem Gott, der in jeder Liturgie Seinen Einzug hält, die stehende Verehrung vorenthalten? Das ist der Grund, warum in der orthodoxen Tradition die Gläubigen während des ganzen Gottesdienstes stehen. Das Stehen ist die uralte, schon von den Heiden in ihren Tempeln ausgeübte Art der Gottesverehrung. Das Sitzen ist die angemessene Haltung für das Hörsaal, das Studieren - es ist keine kultische (verehrende) Haltung. Daher sind die Kirchenbänke auch eine späte Erscheinung in der Christenheit, als im späten Mittelalter und in der Reformation die Predigt das Verständnis des Gottesdienstes neu prägte. In der Zeit davor war der Kirchenraum leer und die Gemeinde stand rechts und links im Kirchenschiff Spalier für den einziehenden göttlichen König in Wort und Sakrament. Die wenigen Sitze an den Wänden einer orthodoxen Kirche sind für die Alten und Ermüdeten zur Erholung und Stärkung. Jeder, der sich ausruhen möchte oder das lange Stehen nicht gewohnt ist, kann und soll sich dort niederlassen. Am Gottesdienst stehend teilzunehmen ist jedoch für den Nichtorthodoxen auch eine ganz neue Erfahrung.


3. Das Sich-Bekreuzigen, ein Bekenntnis

Das Sich-Bekreuzigen ist auch in den liturgischen Teilen der westlichen Christenheit übliche Praxis. Es ist das kürzeste symbolische Bekenntnis für eine Reihe christlicher Glaubensinhalte. Es wird mit der rechten Hand ausgeführt, indem Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sich mit ihren Spitzen vereinen, während Ringfinger und kleiner Finger in die Handfläche gebeugt sind. Die vereinten ersten drei Finger sind das Bekenntnis zum dreieinen Gott, und die beiden anderen Finger sind das Bekenntnis zu Jesus Christus als wahrem Gott und Menschen. Wenn nun der Priester die Gemeinde segnet, erhebt er die so geschilderte Hand zur Bewegung von oben nach unten und anschließend von links nach rechts durchkreuzend. So bekreuzigen sich auch die abendländischen Christen. Diese Handbewegungen wollen sagen: Christus kam vom Himmel auf die Erde, um uns aus der gefallenen Welt (die linke Seite ist die negative) ins Reich Gottes (die rechte Seite der Querbewegung ist positiv) zu führen. Und warum machen die orthodoxen Christen die Querbewegung andersrum, d. h. von rechts nach links? Weil sie spiegelbildlich das Segenskreuz des Priesters mit ihrer Bekreuzigung in Empfang nehmen.

Irritierend für den Nichtorthodoxen ist das häufige Kreuzschlagen der Gläubigen: bei jeder Erwähnung des dreieinen Gottes, vor den Ikonen und an vielen anderen Stellen in der Liturgie. Aber niemand erwartet, dass alle das gleiche tun. Manche bekreuzigen sich öfters, manche nicht so oft, jeder in seiner Art. Der Gast soll sich dadurch nicht irritieren lassen. Mag er sich in seiner Art bekreuzigen, soll er's tun, kennt er solches nicht aus seiner Tradition, soll er's lassen. Das Gleiche gilt für die Ikonenverehrung. So oder so, er ist in jeder Weise seiner Teilnahme herzlich in der orthodoxen Gemeinde willkommen.


4. Die Ikonen

Der orthodoxe Kirchenraum unterscheidet sich vom westlichen durch die Ikonostase, eine Bilderwand mit einer mittleren, der königlichen, Tür und zwei Seitentüren. Für den abendländischen Christen ist es befremdlich, wenn der Blick zum Altar verschlossen ist. Er möchte freien Blick auf das liturgische Geschehen haben. Die orthodoxe Tradition denkt hier ganz anders. Der Einzug Gottes unter den Gestalten der eucharistischen Gaben von Brot und Wein ist sowieso unbegreiflich und mit den natürlichen Augen nicht wahrnehmbar. Die angemessene Haltung gegenüber diesem liturgischen Geschehen ist gerade das Nichtschauen-Wollen. Genau dies drückt das griechische Wort für Sakrament aus: Mysterion. Das Wort kommt aus dem kultischen Bereich und bezeichnet das Verbinden der Augen, wenn der Mensch sich im Tempel der Gottheit naht. Die Christen haben den Begriff übernommen zur Bezeichnung des sakramentalen Geschehens. So sind die Ikonostase und ebenso die Ikonen ein Ausdruck der Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes. Aus diesem Grunde kennt die orthodoxe Tradition auch keine Elevation der gesegneten eucharistischen Gaben. Die Ikonen selbst sind das charakteristische Kennzeichen der Orthodoxen Kirche. Um sie und ihre Verehrung gab es im ersten Jahrtausend einen 120 Jahre dauernden Kampf. Sie sollten wegen des alttestamentlichen Bilderverbots abgeschafft werden. Der heilige Johannes Damascenus verhalf den Bilderverehrern zum Sieg. Sein Argument war, dass das Bilderverbot des Alten Testaments bis heute Geltung hat, weil es sich auf den unsichtbaren Vater bezieht (Joh 1,18). Da aber der Gottessohn Mensch geworden und sichtbar vor menschliche Augen und anfassbar für menschliche Hände getreten war, dürfen ihn auch menschliche Hände malen. Die Ikone ist somit das gemalte Bekenntnis zu Seiner Menschwerdung. Sie ist die ideale Darstellung der Nähe und Ferne Gottes zu den Menschen zugleich. In der gemalten Person des Erlösers bezeichnet sie Seine Nähe in der Geschichte. In ihrer Flächenhaftigkeit wird klar, dass sie kein Idol ist, das die dargestellte Person eingefangen hat. Die Verehrung der Ikone gilt nicht dem Material, sondern dem Christus im Himmel. Die Väter haben da genau unterschieden zwischen der Anbetung, die nur Gott entgegengebracht wird, und der Verehrung, mit der die Materie zum Lobpreis Gottes dient. Die christliche Kunst wird durch den Malerkanon aus der Verfügung des Künstlers herausgenommen und in den Dienst der Kirche gestellt. Die Ikone wird zum gemalten Evangelium. Deshalb hat sich die typologische Malweise der byzantinischen Kunst ungebrochen über mehr als 1500 Jahre erhalten.


5. Die Mutter des Herrn

Die Orthodoxen sind wie „wild“ mit ihrer Verehrung und rufen sie mit dem Titel Theotokos an, d. h. „die den Herrn geboren hat“. Sie war es, die sei-ne Menschwerdung ermöglicht hat. Sie war die „Leiter“, auf der der Gottessohn zu uns herabstieg. Wenn sie im Hymnus über alle Engel gepriesen wird, machen wir aus ihr keine Halbgöttin. Wenn wir singen: „Gottesgebärerin, errette uns!“, meinen wir nicht „retten“, wie es Christus für uns tut. Wir rufen sie wie alle Heiligen um ihre Fürbitte und ihren Schutz an. Denn sie und jene sind mit uns im Haus der Kirche vereint, wir hier unten und sie nur ein Stockwerk höher