Ich schloss die Tür hinter mir und öffnete meinen Mantel. Gerade hatte ich noch einige Geschenke für das bevorstehende Christfest besorgt. Draußen war es kalt und schon dunkel gewesen, doch bereits an der Haustür empfing mich eine wohlige Wärme. Ich denke es lag an der allgemeinen Vorfreude auf Weihnachten, dass ich mir einen Augenblick Zeit nahm und den Wohnungsschmuck in der Diele inspizierte. Schön war es, nur so vergänglich. Ich ging in die Küche und kochte mir Wasser für eine Tasse Weihnachtstee. Warum eigentlich Weihnachtstee?
 
(Warum musste eigentlich jedes Produkt dass ab September in den Laden kam „Weihnachten“ im Namen tragen? Schmeckte es dadurch wohl besser? Für Psychologen bestimmt.)
 
Also goss ich mir mit meinem heißen (Weihnachts-)Wasser einen Weihnachtstee auf. In eine Weihnachtstasse. Dazu ein wenig Weihnachtskandis. Ich sank auf meinen Stuhl und dachte ein wenig nach. Eigentlich schade dass ich keine Zeit gefunden hatte, alle Menschen die mir wichtig waren in der Adventszeit zu besuchen. Darunter hatte mein Geldbeutel jetzt zu leiden. Aber es beruhigte mein Gewissen. Ich nahm einen Schluck Tee – das heißt ich wollte einen Schluck Tee nehmen – da schrie es aus dem Nachbarzimmer.
 
„Was soll der Scheiß, Du Dreckssau?“
 
Jäh wurde ich aus meiner vorweihnachtlichen Stimmung gerissen. Meine Mitmenschen gaben sich anscheinend nicht so viel Mühe, Weihnachten ein Fest der Liebe werden zu lassen. Oder wenigstens des Friedens. Auch wenn es nur drei Tage im Jahr waren.
Ich gebe zu, ich bin auch nie das Engelchen gewesen. Aber das war ungewohnt für mich. Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen war – so glaubte ich – hatte sich das Leben für sie leichter gestaltet. Leider hatten Sie die Rechnung ohne einen gewissen Herrn Junior gemacht.
 
„Wie Du kannst meine Handyrechnung nicht bezahlen? Dann hättest Du Dir nicht so nen behinderten Computer kaufen müssen!“
 
Es war ein Satz, wie nur das Leben ihn schreiben konnte. Ich wiederholte den Satz mehrfach in meinem Kopf. Eine dieser Stilblüten. Argumentationsstruktur allerhöchstens Note 5-. Daseinsberechtigung glatt null. Ich schmunzelte. Dann lachte ich laut los. In Zeiten in denen unsere Jugend nur noch Denglish spricht, fiel mir nur ein Schlagwort ein.
 
„PREPAID.“
 
In der Werbung seines Mobilfunkanbieters hieß es vollmundig: „schenken sie unbegrenzt Nähe“. Manche Dinge im Leben sind unbezahlbar. Handyrechnungen mit nicht ganz kleinen dreistelligen Beträgen – vor dem Komma – gehören dazu. Zumindest das dumme Gesicht der Eltern. Da war über mehrere Jahre kein neuer Computer angeschafft worden. Kurz vor Weihnachten stand das Gerät dann gut verpackt und versteckt im Karton und wartete aufs Fest. Und dann sowas. Noch nicht einmal verschenkt, und schon verschmäht.
 
Andererseits: Herr Junior hat ein „Geschenk“ gemacht, dass sicherlich länger in Erinnerung bleibt als meine Kleinigkeiten. Etwas besonders Imposantes, Großes, Überraschendes. Meine Geschenke kommen zwar von Herzen, aber wen interessiert das schon – am Fest der Liebe?

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Stay tuned,

Piet