eingereicht beim FM4 Wortlaut 2006

 

Ausleben

Ich bin der Kunz und ich sitz auf der Brück'. Es regnet, ich bin sternhagelvoll und die Sterne hageln voll so sternhagelvoll bin ich, so Hagelvollesterne. Ich bin noch am Leben, dabei wollt ich eigentlich nicht mehr, will eigentlich auch nicht mehr wollen. Ich sitz auf der Brücke und will eigentlich nicht mehr so richtig. So wie wenn etwas kaputt wird, aber manchmal da gehts noch, da GEHT es noch. Ich will nicht mehr gehen! Will nicht mehr sitzen und nicht mehr stehen. Liegen, laufen, springen, hasten, hetzen, schlürfen, schlendern, spazieren und flanieren. Mir wird schlecht. Was will ich also hier? Genau! Sterben wollt ich! Zuerst! Dann. Ich konnte nicht springen. Das wäre so als ob ich bewußt in den Tod gesprungen wäre, als ob ich es gewollt hätte. Das durfte nicht sein. Ich muss so sterben, so einfach so, so so. Dass ich es nicht will. Damit ich gestorben bin anstatt zu sterben. Da trank ich mir einen an. Jetzt sitze ich da auf der Brücke. Stockbesoffen. Durchnässt. Durchweicht.
Und ich hab keine Ahnung wies weitergeht. Seit Stunden warte ich schon, dass ich weitergegangen werde. Dann muss ich nicht mehr selbst gehen. Kann gar nicht mehr selbst gehen. Vielleicht torkeln. Aber niemand kam und niemand kommt. Alle daheim, bei dem Sauwetter wo es kalt ist, weil es zu warm ist den Ofen anzuheizen. Genau die Kälte, die tückische, die grausliche. Dieser schleichende, siechende, klirrend-sabbernde Tod. Auf dem ruhen jetzt meine Hoffnungen, dass er mich tötet. Er tötet mich einfach so, so wie es der Lauf der Dinge ist. Ich werde einfach so sterben, ohne zu springen und ohne mir eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ich bleibe hier sitzen, der Kunz auf der Brück', und warte bis er mich holt, nicht weil ich es will, sondern weil ich es tue. Genau! Ich tus einfach so, so einfach so, so zack-bumm.

Aber daraus wurde nichts, weil doch jemand kam. Der wollte nicht, dass ich nichts wollte. Der wollte, dass ich lebe, dass ich lebe. Der wollte mich wollen lassen. Jetzt bin ich, der Kunz, hier bei ihm. Ich bin so tot wie ich nicht lebe, weil ich mich leben lasse, essen lasse, trinken, kochen, putzen, arbeiten, beten und vertreten lasse. Ich, der Kunz, bin hier bei ihm, bin gestorben und liege im Bett. Die Decke ist weiss, so wie das Laken. Die Wände sind weiß und die Tür, die Tür ist weiß. Ich bin in meiner Stadt, in meiner Stadt in einem Sterbehaus für tote weiße Menschen. Hierher wurde ich gebracht, damit ich mich sterben lassen kann. Mit dem, der mich leben und nicht sterben lässt. Der ist bei mir. Den ganzen Tag. Ich bin dem eingezogen, bin zu einem Teil von dem geworden. Ich, nein, wir sind Kunz! Der will es noch ein wenig hinauszögern. Dessen Hände, dutzende Hände, dringen in meinen Körper, umschlingen mich, durchdringen mich und schlagen mein Herz. Der will mich nicht sterben und ich, ich lasse mich leben.

Was war passiert auf der Brücke?
Ich hatte mich gehen lassen, wurde mir gesagt. Ich hatte mich zu sehr gehen lassen, hatte mich durchfüttern lassen und als dann alle starben in der Familie, da wollte ich mich auch sterben lassen. Da hab ich mich gehen lassen, einfach so gehen lassen, so einfach so.
Mir wurde das Familienerbe übertragen. Es war viel Geld. Viel Geld, zwei Häuser und etwas Grund und Boden. Jede Menge Sachen, Zimmer und Räume und tausend Erinnerungen. Ich war allein. Ich bin allein. Ich allein und tausend Erinnerungen für mich allein. Die Häuser hab ich verkauft, verkaufen lassen, verscherbelt, zu einem Spottpreis und trotzdem wars viel Geld. Viel Geld und noch viel mehr. Ich hab mir eine Wohnung gekauft. In der Stadt, die jetzt meine war. Meine Stadt! Am Land, da hatte ich nichts mehr, außer Erinnerungen und Schmerzen. Die Stadt gehörte mir, war Teil von mir und ich von ihr. Die Stadt, da zog ich hin mit dem Geld und dem Vermögen. Ein paar Erinnerungen hab ich auch mitgenommen, ein Stück Vergangenheit mitgeschleppt. In die Stadt hab ich mich eingenistet, eingekauft - die Wohnung bei einem Makler. Eine Flasche Wein bin ich im schuldig geblieben. So hart habe ich verhandelt, hat er mir gesagt. Die Flasche wartet auch auf ihn. Ist nicht daheim. Bin ich.
Ich habe die klassische Verliererkarriere eingeschlagen, habe überall das Geld gehen lassen. Konnte es nicht festhalten. Es rann mir durch die Finger sobald ich es aus der Tasche zog. Ein paar Frauen, ein wenig leben. Spass und Ablenkung hauptsächlich wegdrehen von daheim, wo jemand anders wohnte. Die Vergangenheit hinter mir lassen! Diesen Ratschlag hab ich oft erhalten und mit einem saftigen Honorar.

In zwei Jahr hatte ich das Vermögen durch. Hatte alles verteilt wofür meine Familie jahrzehntelang gearbeitet hatte. Geld, das mit viel Schweiß und Tränen erarbeitet war. Geld für das wir gelitten haben. Unter Termindruck und Stress. Nach einem halben Jahr stand ich vor Trümmern und vor dem letzten Schritt auf der Verliererstrasse. So knapp vor dem Ziel, da konnte ich nicht kneifen. Hab es geschehen lassen. Habe mich gehen lassen. Zum Rand, an den Rand, an das Ende. Da hab ich mich hingehen lassen. Da wo es hinunterging, rasch und weit runter, tief und tiefer, schnell und schneller. Wo die Zeit am augenscheinlichsten wird, unaufhaltsam, unumkehrbar. Da ließ ich mich gehen. Bin nicht gesprungen. Hab mich fallen lassen.