Eingereicht beim FM4 Wortlaut 2005.

Auf der Suche nach (noch) mehr Elastizität


Holzkopf mit variablen Ideen

Karin und ich wohnten in derselben WG. Das war vor 3 Jahren und wenn ich mich an die Zeit zurück erinnere, dann immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Bevor ich sie kennen lernte war ich drauf und dran mit der Uni und meinem bisherigen Leben abzuschließen. Mein Studium hatte mich schon 6 Jahre gekostet und wenn ich auch zum Schluss hin meine Zweifel hatte, ob ein Informatikerdasein das war was ich im Leben gesucht hatte, war es, an der Zeit endlich einmal damit fertig zu werden. Meine Scheine stapelten sich geordnet in dem Ordner der als "Fortschritt" gekennzeichnet war – schon eine beträchtliche Anzahl und zu viele um das Ruder herumzureißen. Jeden Tag pendelte ich meine 40 Kilometer mit dem Auto auf die JKU und jeden Morgen dasselbe Theater mit den Parkplätzen, es begann alles zu stagnieren. Nichts bewegte sich mehr und ich verkam immer mehr zu dem gefürchteten Spießer der ich nie sein wollte.
Ich hatte mir immer so lange den Kopf zerbrochen einen perfekten Weg für mein Leben zu finden und mir alle Möglichkeiten so gut es ging offen gelassen. Diesen Perfektionismus trieb ich soweit, dass ich schlussendlich gar keinen Weg einschlagen wollte, weil mir nichts perfekt genug erschien. Es ging lange Zeit lediglich darum den Status Quo zu erhalten, an der Weggabelung zu verweilen, alle Möglichkeiten zu besitzen und keine zu nutzen. Aber die Zeit war gnadenlos und nicht zu stoppen. Es musste einmal Schluss sein und mit meinen damals 24 musste ich einsehen, auch wenn es mir schwer fiel, dass ich mich nicht ewig entscheiden konnte und auch nicht mehr wollte.
Aber es war die Angst, von einem Beruf vereinnahmt zu werden, mich darin aufzulösen und nicht wieder zu finden. Es war die Angst, einen Weg einzuschlagen der mir später nicht mehr gefiel und von dem es kein Zurück gab. Es war die Angst, die Flexibilität zu verlieren und immer mehr zu einem starren steifen Brett zu werden, das sich irgendwann im Fluss der Zeit zwischen zwei Steinen verkeilen würde. Da würde ich dann hängen, den Fluss aufstauen, so lange bis seine Kraft mich zerbersten würde. Ich musste flexibel bleiben! Ich musste elastisch bleiben! Witzig, weil ich es war, der genau diese Bretter in meinem Leben suchte und mich an ihnen festklammerte. Ich war der Typ der bei seinen Eltern wohnte, keine finanzielle Schwierigkeiten hatte, viel anfing und wenig abschloss, von überall etwas wusste aber nichts richtig konnte, opportunistisch, egozentrisch und ständig im Wandel. Deshalb habe ich mir den Spitznamen "Amöbe" gegeben.
All diese Ängste, die mich damals begleiteten, waren nicht unbegründet und im Nachhinein betrachtet, hätten sich durchaus die Befürchtungen als Realität erweisen können - wäre da nicht Karin gewesen.
Im Grunde war ich also mal wieder dabei meine Gestalt zu verändern. Und wie ich fühlte war es deshalb auch an der Zeit den elterlichen Horst zu verlassen, sich an die Selbständigkeit zu gewöhnen und wenn auch noch mit elterlicher Unterstützung – "Eigenständig Light" sozusagen. Wie mit allem hatte ich dazu auch eine sehr ambivalente Einstellung, denn einerseits dachte ich mir, wieso es mir künstlich schwer machen, aber andererseits war es nicht die Unabhängigkeit oder Freiheit die man vielleicht braucht um sich entwickeln zu können. Weil ich aber so eine verschissene Amöbe war konnte ich mich einfach nur für kurze Zeit festlegen und musste ständig in Bewegung bleiben. Mit einer Arbeit und dem Studium, hatte ich das Gefühl, wäre mir das nicht gelungen, auch wenn das im Nachhinein betrachtet völliger Blödsinn war.
Freundin hatte ich damals auch keine und die bisherigen Erfahrungen die ich mit Mädchen gemacht hatte, beschränkten sich auf ein paar katastrophale Gespräche, allgemeines Unbehagen und eine kurze aber beklemmende Zeit aus der ich mich so schnell als möglich wieder herausaalen musste. Man könnte sagen, ich habe lediglich mit der großen Zehe das Wasser auf Temperatur überprüft. Auch etwas das sich mit der "Gestaltreform neu" ändern konnte, sollte – nein, musste!

Den Tag an dem ich an der Tür zu meiner zukünftigen WG klingelte werde ich bestimmt nie vergessen. Wenn etwas in mir angefangen hat sich zu verändern, sich wirklich zu verändern, dann an diesem Samstag, ich nenne ihn…

den Tag an dem sich der Einzeller teilte

Telefonisch hatte ich mich angekündigt. Mittlerweile war ich nach ein paar Telefonaten, Absagen und Zusagen schon halbwegs routiniert und hatte meine Pseudopodien in die richtige Form gebracht um meine Beute - ein Treffen zu arrangieren, leicht einzufangen. Ich konnte nicht umhin etwas Stolz darüber zu empfinden – dummer, naiver Amöbenstolz! Genauso kalkulierend begab ich mich also zur nächsten Anzeige und bei dem Telefon anzurufen, über das ich später noch so manches merkwürdige Gespräch führen würde - ähnlich wie dieses Erste begann – mit der schönsten, rätselhaftesten und reserviertesten Stimme der Welt.

<<Dring… dring… dring… dring… dring…>>
"Hallo"
"Äh, Hallo auch, Andreas hier, ich rufe bezüglich der Anzeige wegen des Zimmers in der WG an!"
"XYZ nicht verstanden, wer spricht?"

XYZ, das war so eine ihrer Eigenheiten, die sie ziemlich oft gebrauchte wenn sie etwas nicht verstanden hat oder sie mit etwas überrumpelt wurde. Natürlich wusste ich das damals noch nicht und brachte mich schon mal aus dem Konzept. Die eben stolze Sicherheit schien mit 3 Buchstaben bereits zu bröckeln. Ich fasste mich wieder.

"Hallo? Andreas. Ich wollte wegen dem Zimmer in der WG fragen!"
Darauf folgte eine Pause, ich hörte wie jemand an einer Zigarette zog und den Rauch ausblies.
"Hallo?"
"Bist du Raucher?"
"Nein."
Wieder folgte eine Pause und ein Zug von der Zigarette. Ich fragte mich, wann genau ich hier schon die Kontrolle verloren hatte. Etwas stimmte hier nicht!
"Ist das Zimmer noch frei?", begann ich wieder, um dem Gespräch meinen Stempel aufzudrücken, aber das ließ sie sich nicht gefallen.
"Jaa, ja.. oder Moment…", teilte sie mir geistesabwesend mit während sie die Hand auf die Muschel legte und ich vermute, ihrem Mitbewohner zurief:
"Matthias! Wollte der Typ das Zimmer haben?"
Im Hintergrund hörte ich zwei Männerstimmen lachen und eine die zurückrief:
"Der Typ ist noch da, aber er will es nicht!"
"Tschuldigung", meldete sie sich wieder zurück. "Das Zimmer ist noch frei"
"Sehr gut. Kann ich’s mir mal ansehen?"
"Eigentlich schon, wieso nicht" – so als sie sich selbst von der Idee überzeugen müsste. Ich verstehe auch bis heute nicht, warum ich mich hier so vernarrt habe, vielleicht lag es wirklich nur an ihrer Stimme. Ich fühlte mich zurückgedrängt und gleichzeitig ermutigt. Was hat sie bloß?
"Ja, dann komme ich also. Hagenstrasse 7, richtig?"
"Richtig, die 4. Strasse links von der Rudi kommend. Aber ich sollte dich gleich warnen, dass es hier im Moment etwas aussieht. Wir putzen alle gemeinsam einmal die Woche und das war gestern."
"Ok, ich glaube ich werd's überleben. Bis dann"
"Bis Gleich"

Der Zellkern in mir zuckte schon vor Begeisterung, hier war eine gänzlich andere Umgebung zu erwarten als ich gewohnt war, die ideale Temperatur um mich zu teilen. Ich konnte meine Fühler wieder ausstrecken, alles berühren, abtasten und meine Gestalt in eine neue Form zu passen, mich darin zu schmiegen und meines neues Ego zu bewundern.
Die Wohnung war tatsächlich nicht die Ordnung die ich von Zuhause gewohnt war, aber das störte mich nicht und es war gut. Besonders musterte ich meine, in Gedanken schon, neue Nachbarin. Sie war etwas kleiner als ich, aber man sah auf den ersten Blick, dass man sich ihr gegenüber keineswegs aufbauen sollte. Sie hatte ein enges, schwarzes, glänzendes und glattes Ganzkörper-Lederkostüm an. Ihr schwarzes Haar war zusammengebunden und auf ihrem Oberarm trug sie eine Hackenkreuz-Schleife. Die Peitsche in der Hand war mir zu plakativ, deshalb habe ich sie übersehen.
In Wahrheit wusste ich nicht wie ich mich einordnen sollte und so wie ich es gewohnt war, versuchte ich mich unterzuordnen – rückblickend war es schon zum Kotzen wie Opportunismus Zellen wie mich in Arschkriecher verwandelte. Ich war mir dessen damals auch bewusst und hasste mich dafür, aber es erlaubte mir wandelbar zu sein und zu dem Zeitpunkt brauchte ich das nun mal mehr als alles andere. Ihr Haar war rot und es hing halblang herunter, so als ob es schon immer so gehangen wäre. Niemals schien sie diese Morgensonne mit der Hand hinter die Ohren zu klemmen, wie man das so oft bei Mädchen beobachten kann. Sie hatte mit ihrem Haar vermutlich einen harmonischen Einklang gefunden und beide kamen sich nicht in die Quere. Ihr Busen war auch richtig, nicht zu groß und nicht zu klein, aber vielleicht fand ich das auch nur weil ich von ihrer ganzen Erscheinung beeindruckt war. Ihr steinernes, festes Gesicht war schön. Nicht lieblich, weich oder sonst wie Mädchenhaft, sondern hatte einen sehr bestimmten Ausdruck. Aber all das bedeutete nichts gegen ihre Augenbrauen – die waren der absolute Hammer! Und wie ich Augenbrauen liebte, ich hatte mich sofort in sie verliebt. Es gibt ja immer diese Umfragen so wie: "Auf welche Körpermerkmale achten Sie bei Frauen als Erstes?". Man findet auch immer alles da drauf, nur die Augenbrauen scheinen jedem egal zu sein. Wenn die mich einmal fragen würden, aber wegen so etwas hat mich noch nie jemand angerufen. Grundsätzlich bevorzugte ich stärkere, markantere und deshalb war mir dieser in den letzten Jahren aufgekommene Modetrend mit den dünnen und aufgemalten Strichen ein Graus. Aber Karin, oh yeah, sie hatte ordentliche Augenbrauen, so richtig schöne und ich registrierte jede kleine Zuckung. Eigentlich sprachen nur ihre Brauen zu mir, wie sie auf und ab wanderten, sich bogen und wieder gerade wurden, nach unten wanderten als ob sie traurig war und sich wieder verengte wenn sie etwa über ihre Schule sprach, worüber sie zugegebenermaßen nie viel Worte verlor.
Es war mir schnell bewusst, dass das Leben und der Umgang mit den Leuten hier ganz unterschiedlich zu denen zu Hause oder meiner bisherigen Freunde sein würde. Es begann sich ein Doppelleben zu entwickeln und ich verstand mich darauf mich zwischen meinen 2 Gestalten hin und her zu bewegen wie ich es gerade nötig hatte. Allerdings rätselte ich immer noch über ihre am Telefon ablehnende Haltung und je mehr ich darüber nachdachte desto weniger logisch erschien mir die Sache und ich fühlte mich im Kreis zu drehen, was vermutlich auch daran lag, dass ich mich im Kreis bewegte – das Wohnzimmer, das Bad, das Wohnzimmer, der Balkon, mein Zimmer, dein Zimmer, sein Zimmer, ihr Zimmer, unser Zimmer, euer Zimmer und…

das Sägewerk

Natürlich, hat es diesen Namen für mich erst später bekommen. Am Anfang war es einfach nur die Küche, wie jede andere Küche auch mit Ofen, Kühlschrank, unzähligen weiteren Schränken, Fächern und Laden, einer Kaffeemaschine, einer Mikrowelle und dem Telefon. Das Telefon war das Beste, denn es war noch so ein altes schwarzes mit Wählscheibe anstatt Tasten. Ich hatte gar nicht geglaubt, dass es so etwas noch gab, aber da stand es auf dem kleinen Tisch, der für 3 Personen zum Essen reichte – gereicht hätte, wenn nicht Brot, Marmelade, Kaffeefilter, ein Packung Sirius Camembert, 2 Flaschen Rotwein, 1 Flasche Vodka und jede Menge Brösel darüber verteilt gewesen wären. Es war wie in einem Bild, so eins von diesen berühmten großen Stillleben und genauso ehrfürchtig bin ich an die Szene herangegangen, bevor ich mich hineinwagte.
Mir gefiel das Fenster, das sehr tief hing und einen Blick in den Innenhof offenbarte. Es war mit leichten, gelben Vorhängen verhängt und das Licht das durchschien tauchte den Raum in ein freundliches Licht. Die Einrichtung selbst war schon ziemlich alt, das sah man auf den ersten Blick, aber es war immer wieder das Nötigste getan worden um alles funktionstüchtig zu halten. Der Gasherd war neben dem Telefon der zweite große Stern der Küche und der Ort an dem ich gelernt habe wie man eine Mahlzeit zubereitet. Über Fertiggerichte, Frankfurter kochen und einem Toast war ich daheim nicht hinausgekommen. Hier wurde ich zumindest auf das Spaghetti Niveau gehoben. Ein paar exklusivere Sachen lernte ich auch, aber die zahlten sich meistens nur aus wenn man für mehrere kochte und nur für mich selbst kochen hat immer am wenigsten Spaß gemacht, weswegen es dann auch immer wieder die einfacheren Dinge wurden. Einen Geschirrspüler gab es nicht, weswegen es eine 2 Sterne Küche blieb!
Die Küche war auch immer ein Ort für ernste Gespräche. Besonders Karin und ich tauschten hier unsere Welterfahrungen aus. Ich erzählte ihr von meinem Leben als Amöbe und sie mir ganz lakonisch, dass sie die Schule bis oben hin voll hatte, von ihren Streifzügen und den Streitereien mit ihren Eltern. In diesem Punkt hatten wir unsere Gemeinsamkeit gefunden und beide würden wir wohl sehr bald diesen Abschnitt hinter uns bringen, wenn auch mit unterschiedlichen Ansichten. Während ich versuchte mein Studium zu einem Gewinn für mich zu machen und der traditionellen Karriereleiter hinterher lief – schon wieder der Spießer in mir, war sie geneigt alles hinzuschmeißen, liegen zu lassen, zu vergessen und sich zu behaupten so wie sie war. Ich bewunderte sie deswegen und ich wusste ich würde diesen Mut nie aufbringen können, aber nicht weil ich nicht konnte, sondern weil ich nicht wollte, weil ich es im Grunde als Dummheit betrachtete. Ich konnte sie trotzdem verstehen und vielleicht war es auch das Beste für sie. Mit meinen Maßstäben war sie ohnehin nicht zu messen, sie spielte einfach in einer anderen Liga. Dessen waren wir uns beide bewusst und vermutlich war dies die Distanz die uns trennte und die wir nie überschreiten konnten, weil es keine Brücke gab.
Trotzdem half sie mir in dem sie einfach sie war auf der anderen Seite. Vielleicht sah sie mich genauso und so hatten wir jeweils ein Stück vom Leben des Anderen, das wir uns gegenseitig schenkten und wir deshalb jeder angstfrei unserer Wege gehen konnten, jeder für sich und gemeinsam. Zum ersten Mal fühlte ich mich gegenüber jemandem als Brett. Wenn sie wollte konnte sie sich an mir festhalten und ich mich an ihr. Zum ersten Mal fand ich es okay ein Brett zu sein. Es war das beruhigende Gefühl für jemanden da zu sein, dass ich so lange gesucht hatte und hier gefunden. Es war dieses Gefühl, dass mich erwachsen werden ließ. Die Küche war zu unserem Sägewerk geworden.

Nachdem mich Karin durch die Wohnung geführt und mir die weniger lebendigen Gegenstände vorgestellt hatte, traf ich auf Matthias, den anderen Mitbewohner. " Der Andere" traf es eigentlich am Besten. Er war ungefähr so groß wie ich und auch seine Gestalt war meiner ähnlich und doch war unsere Ausstrahlung grundverschieden. Er war stets gut gelaunt und sein Gang war aufrecht, während ich mich mehr durchs Leben schleppte und mit meiner Zwiespältigkeit kämpfte. Seine Hände waren stark und trotzdem schmal, so wie bei einem Kletterer und ich stellte mir vor, dass er auf einer riesigen Statue herumklettern würde um da und dort noch den letzten Feinschliff anzubringen, er war durchaus kein Perfektionist, aber ich glaube er hatte eine sehr genaue Vorstellung von seiner Arbeit und ein gutes Auge für Details. Etwas das ich in der Zeit sehr zu schätzen gelernt habe. Er war Bildhauer Student der gemeinsam mit Karin die WG gründete. Die beiden kannten sich von irgendeinem Kunstuni Fest in der alten Tabakfabrik, ich glaube es war sogar das der Bildhauer. Karin besuchte damals die 4. Klasse der Grafik und Design HTL in der Göthestrasse und er hatte gerade sein Studium begonnen. Irgendwo auf einem Sofa, als gerade die Sterne liefen und sich fragten was uns bloß so ruiniert hat, sind sie aufeinander gestoßen. Die Feiern der Kunstuni in Linz, waren sowieso das Beste was Linz zum Fortgehen zu bieten hatte. Es gab und gibt da auch noch das Strom und die angrenzende Stattwerkstätte und noch etwas weiter weg das Kapu, das ganz stilvoll neben einer Kirche liegt, stilvoll besonders in der Nacht! Aber überall dort herrschte jeweils immer eine andere Atmosphäre und keine kam für mich an jene der Kunstuni Fest ran. Dort waren die Leute ungezwungen und ungeniert, nirgendwo sonst habe ich gelernt abzutanzen und nirgendwo sonst war es so genial wie dort. Wie mir das all die Jahre nur entgangen sein konnte? Überhaupt die Sofas dort! Man konnte sich nach der Tanzfläche mit einem Bier oder Wein dort hinwerfen und sicher sein, dass man jemand kennen lernte – genauso wie Karin und Matthias und ein Freund von ihm, dem ich leider nie begegnet bin und die dort beschlossen eine WG zu gründen. Seit dem bin ich auch ein absoluter Fan und wenn dann würde ich ein schlechteres Bett in Kauf nehmen als mich mit einer unbequemen Sofa zufrieden zu geben. Ein gutes Sofa sollte der zentrale Punkt einer Wohnung sein und sich allen möglichen und unmöglichen Aktivitäten öffnen: Arbeiten, Lesen, Fernsehen, Schlafen – auch zu zweit, Essen, Radio Hören oder einfach nur gammeln. Ein gutes Sofa ist leider gar nicht so einfach zu finden und deshalb habe ich es mir auch zur Gewohnheit gemacht, jedes probezusitzen das mir unterkam.
Das Sofa in der WG war angeblich schon immer da gewesen und sie erzählten mir die Geschichten vom vorherigen Bewohner, der sie vermutlich wiederum von seinem Vorgänger erfahren hatte und die wir unserem Nachmieter erzählten nachdem wir wieder jeder unserer Wege gingen.

Die Geschichte vom Sofa

So wie es überliefert wurde, war das Sofa schon so alt wie die Menschheit selbst und man hat sich noch nie erinnert dass es jemals woanders gestanden hat. Es hat schon öfters den Bezug gewechselt, aber noch nie hat jemand gewagt es von seinem Platz zu bewegen. Die ältesten Überlieferungen gehen zurück auf einen germanischen Clanchef, der allein zum Jagen in den Wälder an der Donau unterwegs war. Als er eines Tages einem jungen Wildschwein nachstellte kam er an eine Lichtung an der er das Sofa stehen sah. Er war so überwältigt von seiner Schönheit, dass er beschloss sein Dorf dort zu errichten und er wählte das Sofa als seinen Herrschersitz. Es wurde mit druidischen Runen verziert und mit Fellen bedeckt. Das Sofa verlieh dem Clanchef Macht und Erfolg und er verbreitete seinen Einfluss. Schließlich wurde er aber von den Römern besiegt welche das Sofa in ihren Besitz brachten, aber alle Versuche es nach Rom zu schaffen schlugen fehl. Julius Cäsar selbst soll aus Rom angekommen sein nur um einen Tag auf dem Sofa zu verweilen. Später wird er zitiert sich dort die Inspirationen für eine römische Weltmacht geholt zu haben. Das Dorf wurde in den Kaiserlichen Sommersitz verwandelt und seither lenkte das Sofa die Gedanken der Mächtigen und die Geschicke von Europa. Leopold II schenkte es schließlich einem Kloster mit dem Auftrag die Kräfte für das Allgemeinwohl einzusetzen, doch die Mächte des Sofas korrumpierten die Geistlichen und statt es zu Gunsten der Menschheit einzusetzen wurde es zu diabolischen Zwecken und als Opferalter missbraucht. Gleichzeitig begann auch der Prozess das Sofa aus den Köpfen der Menschen zu verbannen, den die Mönche wollten alles andere als Aufmerksamkeit. In den dunklen Jahren des 2. Weltkriegs besetzten die Nazis das Sofa und vernichteten fast alle bis dahin noch übrig gebliebenen Beweise, auf das die Geschichte zum Mythos wurde. Seine Macht schwand in diesem Zeitraum und die Kräfte, die es an seinem Ort gehalten hatten erloschen vollständig. Ein alleinstehender Kaufmann aus Linz machte sich schließlich das Sofa zu Eigen und brachte es in seine Wohnung. Er starb jedoch noch am selben Tag an Kreislaufversagen und mit ihm die Gewissheit über den Wert dieses Fauteuils. Erst Jahre später kreuzte ein alter Mann in seinen letzten Tagen vor der Türe des damaligen Mieters auf und erzählte ihm diese Geschichte. Seither wird sie von Mieter zu Mieter weitergegeben mit dem Hinweis, dass die Kräfte eines Tages wiederkehren würden und das Sofa wieder die Macht an sich reißen würde.

"XYZ", sagte ich als die Geschichte zu Ende gehört hatte, mir Karin fest in die Augen sah und Matthias zustimmend mit dem Kopf nickte, so als ob es gar keinen Zweifel über die Authentizität dieser Überlieferung gab. Wahrscheinlich besitzt jede Wohnung so seine mystischen Eigenheiten unsere hatte halt das mächtigste Sofa der Welt. Warum auch nicht? Und auch wenn die Energie die von diesem Sofa ausging nicht mehr spürbar war hatte es jedenfalls die Kraft diese WG und ihre Mitbewohner zusammenzuschweißen.
Besonders spürten wir das als Karin an einem schönen Juni tag verschwand und einen ganzen Tag nicht mehr auftauchte. Sie sagte, sie würde zu ihren Eltern fahren, weil es wieder Ärger mit dem Geld gab und wollte am Abend wieder zurück sein. Normalerweise brauchten wir uns um sie keine Sorgen machen, aber Matthias und ich spürten ein ungutes Gefühl im Magen und wir machten keine Anstalten es zu verbergen. Wir hatten schon einige ihrer Diskussionen mit ihren Eltern am Telefon miterlebt und keine davon war besonders angenehm. Wir versuchten mit ihr darüber zu sprechen, aber sie meinte, das sei eine Angelegenheit die sie alleine regeln müsste und wir respektierten das. Trotzdem, die Bänder die uns zusammenhielten zehrten heute an unseren Nerven und wir überlegten ob wir sie nicht anrufen sollten als das Telefon klingelte. Ich war als erster in der Küche und hob ab
"Hallo?"
"Hallo Andreas, Karin hier…", mir fiel ein Stein vom Herzen und mein Bauch entspannte sich ein wenig.
"Was ist passiert?", fiel ich ihr ins Wort, "Ich hatte schon Magenkrämpfe, weiß der Henker warum!"
"Ich sitze hier im Kühlschrank", kam die lakonische Antwort
"Was!?" Normalerweise liebte ich ihre Art in Rätseln zu sprechen, aber heute war mir nicht wohl dabei. "Sie sitzt im Kühlschrank", teilte ich Matthias mit der neben mir stand und plötzlich, wahrscheinlich vor Erleichterung, zu Lachen begann, den Kühlschrank öffnete und mit einem Schmunzeln verkündete "Nein, hier ist sie nicht". Ich wendete mich wieder dem Telefon zu.
"Was ist passiert?", wiederholte ich die Frage
"Ich brauchte eine Abkühlung und deshalb habe ich mich in den Kühlschrank gesetzt. Zum Nachdenken. Ich bin mir jetzt über einiges klarer geworden, ich werde die Schule platzen lassen, ich habe die Entscheidung ohnehin schon viel zu lange aufgeschoben, spätestens vor der Matura würde ich kapitulieren, deshalb lieber früher als später!"
Kühlschrank, Schule, Matura? Ich verstand noch immer nicht von was sie sprach, aber ihre Stimme beruhigte mich. Sie hatte alles im Griff, ich brauchte mir also keine Sorgen machen.
"Okay…", war alles was mir einfiel.
"Macht euch keine Sorgen, ich komme morgen wieder", fügte sie hinzu bevor sie auflegte.

Ich legte ebenfalls den Hörer auf die Gabel und blickte Matthias an der noch immer grinsend in der Küche stand. "Was hat das zu bedeuten?" fragte ich ihn, da er offenbar mehr wusste als ich. Er winkte mit der Hand ab. "Unsere Karin ist manchmal ein bisschen ein Hitzkopf" und besonders wenn es um ihre Eltern geht, vermutlich sind sie die gleichen Hitzeköpfe, ihrem Vater würde ich das schon zutrauen. "Ja und?", wollte ich endlich die Karten sehen. "Und manchmal kriegen sie sich eben in die Haare und einer von beiden geht dann meistens in den Kühlraum der Metzgerei um wieder runterzukommen und dann vertragen sie sich wieder… für eine Zeit. Bevor du kamst, hat sie das schon einmal gemacht und außer dass sie sich einen Schnupfen geholt hat, ist nichts gewesen! Komm, schauen wir noch auf ein Bier ins Strom!" Ich hatte nichts dagegen und aus einem wurden mehrere und zum Schluss fielen wir uns um den Hals als wir nach Hause torkelten.

Rückblickend muss ich gestehen es war die beste Zeit meines Lebens und ohne die zwei hätte ich es vielleicht nicht geschafft mich in diesen Tagen aus meiner Amöbenhülle zu befreien. Aber "all good things come to an end" und auch wir gingen irgendwann unserer Wege, ein jeder mit einem Teil der anderen und mit der Gewissheit auf diesem Planeten unter all den fremden Menschen niemals allein zu sein…. und dann haben wir ja auch noch unser Sofa!
Ich bin glücklich, dass ich einen Weg eingeschlagen habe, der mir im Leben ein Ziel gibt. Ich bin zuversichtlich, dass ich packen werde was immer ich auch vorhabe und sollte ich mich doch mal verkeilen, dann weiß ich, dass es Freunde gibt auf die man zählen kann.