Eingereicht beim FM4 Wortlaut 2004.

werktags

Ich bin KassiererIn im Supermarkt. Mein Name ist "M. Gföllner". Sie sehen mich, weil Sie einkaufen gehen. Sie wissen wer ich bin, weil es auf meiner Tracht zu lesen ist. Sie fragen, weil ich antworte. Ich spreche zu Ihnen im Namen der Firma. Ich möchte Sie hiermit willkommen heißen!

Mein Name ist M. Gföllner, wie bereits gesagt, ich arbeite in einem Supermarkt. Sie können mich jederzeit ansprechen, wenn sie etwas brauchen. Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Beginnen Sie das Gespräch in dem Sie sich entschuldigen! "Tschuldigung". Ich wende mich Ihrem fragenden Gesicht zu und versuche Ihnen ein freundliches Lächeln zu schenken. "Wo habt's ihr denn…?" Die Dame möchte eine Auskunft! Sie haben genau die richtige Wahl getroffen, sich an mich zu wenden! Ich helfe Ihnen gerne meine Dame, fühlen Sie sich bei uns willkommen. Zu ihrer Frage: "Dort hinten", rechts neben den Knabbereien und den alkoholischen Getränken. Gehen Sie gerade aus, folgen Sie der Obst und Gemüsestrasse, biegen Sie dann am Ende links ab und halten Sie sich an den Wasch- und Putzmitteln bis Sie über die Frauen-Hygiene Artikel direkt in die Kochabteilung gelangen, wo sie nach ca. ¾ der Regallänge zu ihrer rechten Seite Ihren begehrten Artikel finden. Vergessen Sie nicht auf dem Weg nach Sonderangeboten Ausschau zu halten und wenn Sie sich verlieren empfehle ich Ihnen Papier und Schreibzeug, dieses finden Sie hier den Gang entlang und dann... "Ah danke!" – "Bitte!". Es freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte, meine Dame. Beehren Sie uns bald wieder! Schön wenn man den Menschen helfen kann! Das wohlig-warme Gefühl etwas Gutes getan zu haben erfüllt mich und ich damit die Regale und mit frischen Waren.

Wie wichtig es für mich ist, immer in guter Stimmung zu sein, können Sie sich nicht vorstellen. Sie glauben gar nicht wie viele Menschen ich vor Ihnen heute schon bedient habe und die Breite an Gefühlen, die mir übermittelt wurden, deckt fast die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle ab - bis auf die Liebe. Es kommt selten vor, dass Sie sich in mich verlieben. In meiner gesamten Karriere habe ich dies vielleicht einmal gespürt und nicht einmal da war ich mir wirklich sicher. Wie ist es mit Ihnen? Lieben Sie mich? "Tschuldigung". "Bitte?", wie kann ich Ihnen behilflich sein? Möchten Sie wissen, ob die Inhaltsstoffe in unserem Joghurt auch Ihren gesundheitlichen Anforderungen entsprechen? Oder haben Sie den Mut mir Ihre Aufwartung zu machen? Sie wirken recht nett und wenn ich ehrlich bin, finde ich sogar gefallen an Ihrer Anwesenheit. Wie ich sehe, haben Sie auch einen Blumenstrauß in ihrem Einkaufswagen. Ist dies etwa ein Zeichen? Nun sagen Sie schon! "Ich find' des Studentenfutter net". Na das fängt ja gut an! Erinnerungen an frühere Beziehungen mit Partnern, die anstatt zu fragen, lieber schimpfen und so indirekt mir Ihre Wünsche übermittelten, steigen kurz in mir hoch. "Nein danke", das hatte ich alles schon hinter mir! "Wos? I hob si gfrogt wo des Studentenfutter is!" Und wieder muss ich Ihnen widersprechen: Sie haben keine solche Frage formuliert! Trotzdem bin ich natürlich verpflichtet Ihnen zu helfen, also kommen Sie mit. Eine wegwerfende Handgeste später, stehe ich mit Ihnen vor dem Regal Ihres Wunsches. "Bitte hier oben", mit mehr oder weniger Rosinen, je nach Belieben, hier diese sind sogar mit getrockneten Bananen, die esse ich immer am Liebsten. Aber das würden Sie wahrscheinlich gar nicht verstehen. "Ahh… das i des net selber gseng hob". Ja das wundert mich gar nicht. Und ihr Blumenstrauß, der ist bestimmt für Ihren, im Garten gebetteten, treuen Hund "Schnauzi" der nach einjährigem Leiden an Hodenkrebs schlussendlich eingeschläfert werden musste. Einen fröhlichen Einkauf wünsche ich noch!

Wenn es dann voller wird im Supermarkt, wird es Zeit an die Kassen zu gehen, damit Sie schneller wieder hinausströmen können. Meistens kündigt das Läuten der Glocke einen Bedarf an KassiererInnen an. Manchmal versuchen wir auch von selbst darauf bedacht zu sein die Schlangen klein zu halten, aber nicht immer ist es möglich neben Lager, Regalen und Ihren Anfragen auch noch die Kassen im Auge zu behalten. Die Kassa ist sicher einer meiner liebsten Arbeitsplätze, aber natürlich auch mit Verantwortung verbunden. Ab und zu kommt es schon vor, dass ein Artikel doppelt verrechnet oder viel schlimmer, gar nicht verrechnet wird. Ist dies bei Ihnen auch der Fall? Gibt es ein Problem? "Tschuldigung". "Ja bitte?" Habe ich Ihnen zuwenig Wechselgeld gegeben? Gefällt Ihnen meine Frisur heute nicht? Keine Sorge, Ihre gefällt mir auch nicht. Wir hätten aber ein Haarpflegeprodukt, das Ihnen sicher gut tun würde. Wenn sie wollen, hole ich es sogar für Sie! "Ah passt scho, hob mi vertan". Aber bitte mein Herr, das kann schon vorkommen. Kein Problem, ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.

Die Kassa also, Ort wunderbarer Dialoge und Stätte ständigen Misstrauens. Ich habe mir einen kleinen Spiegel organisiert. Ich lächle hinein, ich lächle zurück. An manchen Tagen blicke ich oft hinein, da bin ich selbst der einzige Mensch der mir seine freundliche Seite zeigt. An manchen Anderen bin ich von strahlenden Gesichtern nur so umgeben. Das macht die Arbeit gleich ein wenig beschwingter und amüsanter. Sie scheinen auch ein sehr strahlender Mensch zu sein, oder? Haben Sie gut gefrühstückt? Müsli ist heute im Sonderangebot: Preisreduziert um 25%! Ah ich sehe Sie haben es schon gesehen – "Piep" – und auch schon gekauft. Ich hoffe es schmeckt Ihnen! Dazu wunderbar passend das Joghurt das Sie sich ausgesucht haben: Dauertiefpreisgesenkt! "Piep". Bananen haben Sie auch - "Piep" - gekauft: Sonderangebot 2kg zum Preis von einem! Da haben Sie wirklich gut zugeschlagen: 2-für-1 Waschmittel, dauerpreisgesenktes Haarbürstenset und auch das nur für kurze Zeit preisreduzierte Flohhalsband haben Sie nicht liegengelassen. Der extragroße Familienpack Schokokekse mit 25% gratis Inhalt rundet Ihren Einkauf ab und wird Ihnen sicher auch noch viel Freude bereiten. Bravo mein Herr, Sie haben gelernt den Konsum zu vögeln! "Macht 16 64" - ein rundum zufriedener Mensch! Einen schönen Tag noch!

Der Anstieg an Sonderangeboten über die letzten Jahre hat zu einer schweren Kundenfluktuation geführt. Manche und besonders Schnäppchenjäger sind ja bestens über die Angebote der verschiedenen Supermarktketten informiert und Ihren preisbewussten Einkauf haben Sie bestimmt schon im Vorfeld geplant. Ihnen sieht man doch an dass Sie gestresst sind und außerdem ragt da ein Kassabon eines konkurrierenden Marktes aus Ihrer Börse heraus.

Über den Lauf der Jahre habe ich gelernt "Billigkäufer" in 2 Kategorien einzuteilen. Als Erstes präsentiert sich obiger Herr, der mit großzügigen Sonderangeboten seinen Bedarf an Waren des längerfristigen Gebrauchs stillt und somit sich den einen oder anderen Euro für Alltägliches abspart. Sie hingegen sehen mir wie der typische Vertreter der zweiten Kategorie aus. In Ihrem Sortiment befindet sich nicht ein einziger Markenartikel. Sie wissen genau welche Waren wo am Billigsten zu haben sind und Ihre Tour hat sich durch langjährige Optimierung in Ihrer täglichen Geldbörse positiv niedergeschlagen. Sonderangebote mit denen obiger Herr gelockt wird, werfen Sie jedoch ein wenig aus dem Konzept und Marktschließungen oder Eigentümerwechsel teilen Sie lästernd Ihrer Familie oder Gesellschaftsrunde mit. An Ihnen muss ich einfach etwas Kritik üben. Sehen Sie hier beispielsweise diesen Aufstrich? Der ist – und das habe ich getestet - nur halb so gut wie der Originale, dabei kostet er gerade mal 50 Cent weniger. Sie müssen verstehen es handelt sich hier um das doppelte Geschmackserlebnis für nur 50 Cent! Ab und zu sollten auch Sie sich etwas gönnen, es sind ja doch nur die kleinen Dinge, die das Leben schön machen! Vielleicht sehen Sie das ja ein, dann werden Sie auch so glücklich und strahlend das Geschäft verlassen wie der Herr zuvor. 9,99 denke ich mir, "12 57" – Schade. Möchten Sie es mir genau geben? Ich kann Ihnen aber auch herausgeben, kein Problem. Sehen Sie, ich hätte das Wechselgeld auf 20 Euro schon bei der Hand. Sie möchten trotzdem lieber noch in ihrer Börse kramen? "Ich hab's gleich", aber natürlich meine Dame - ein Blick in den Spiegel - "Herzlichen Dank. Brauchen Sie des Zetterl?" Na klar wollen Sie es, kommen Sie schon, ich sehe es Ihnen an. Na? "Jo bitte", bitte sehr, schöne Grüße an den Herrn Gemahl und ein "Angenehmes Wochenende" – "Danke, ebenfois".

Wenn dann die Hauptschlacht an den Kassen geschlagen ist und sich das Eintreffen Ihrerseits eher zur Ausnahme entwickelt, wird es wieder Zeit ein wenig Backstageerlebnisse zu sammeln, oder ich mache einfach mal eine Pause. Das Lager ist meine Rückzugsstätte. Hier ebbt der Lärm der Außenwelt ab. Man ist seltsam berührt und bedacht die wertvolle Stille nicht zu vertreiben. Zu hören sind hier nur die eigenen Schritte, alles andere scheint so weit entfernt zu sein. Meterhoch bilden sich links und rechts Paletten mit Artikeln zu Säulen bis an die Decke. Es hat sogar den Anschein als ob sie tragende Funktionen besitzen und schon seit Ewigkeiten nicht mehr verwendet worden wären. An der Decke und an den Wänden haben sich wunderschöne Abdrücke ergeben und manchmal glaube ich auch das eine oder andere Motiv zu erkennen, so als ob einer der großen Meister sich hier verewigt hat. Ein langer breiter Gang führt zu einem Schreibtisch, der direkt durch eines der Fenster in weißes Licht getaucht wird und an dem Liefereingänge bestätigt werden. Dahinter befinden sich, abgeschlossen, Ordner mit vergangenen Lieferungen und Aufzeichnungen über den Ein- und Ausgang der Waren. Durch das Cellophan und die Reflektion der bunten Etiketten ist der Raum in himmlisches Licht getaucht. Ich versinke auf einer Kiste mit Getränken und starre auf den Schreibtisch.

Schritte reißen mich aus meinen Gedanken. Nanu, wer sind Sie? Sie scheinen sich verirrt zu haben! Es tut mir leid, ich muss Sie bitten das Lager wieder zu verlassen. Es ist Ihnen nicht gestattet sich hier aufzuhalten! Dieser Bereich ist nur MitarbeiterInnen des Supermarktes zugänglich, jedwedes Eindringen von betriebsfremdem Personal ist sofort zu melden. Kehren Sie mir den Rücken zu und machen Sie dass Sie hier rauskommen! Was sehen Sie mich so fragend an? Sagen Sie doch etwas…. oder lassen Sie uns gleich zur Sache kommen! Hinter der Palette mit den Sonderangeboten für nächste Woche, gibt es ein ruhiges Plätzchen. Ich habe es kurz vor Augen wie wir unsere Becken aneinander reiben und im stöhnendem Auf und Ab der Gefühle gemeinsam den Gipfel der Lust erklimmen. Der Aufstieg wird sicher schwer und die Gefahr erwischt zu werden ist enorm, aber das macht die Sache doch noch viel prickelnder! Nun kommen Sie schon, stehen Sie hier nicht rum! Ach was denke ich. "Gehen Sie bitte wieder zurück" ins Geschäft und füllen Sie Ihren Korb mit Waren auf das Sie immer glücklich sein mögen! Ich besorg' es mir hier schon selbst!