Eingereicht beim FM4 Wortlaut 2003.

Lebensversicherung

Es war Nacht und aus der Ferne ertönte ein Laut. Ein Schrei aus der Tiefe einer Seele. Er war erschrocken und fühlte wie ihm das Geräusch für einen kurzen Moment die Sinne nahm. So wie er da lag hätte man ihn zuerst gar nicht wahrgenommen. Das Gras war hoch gewachsen und hatte seinen Körper umhüllt. Die Bäume schlossen sich rundherum zu einem Bund und spitzten in den Himmel zu. Der Bach der sich durch die Lichtung nabelte, plätscherte und das fahle Licht, das spärlich durch die Wipfel drang versüßte die Szenerie durch seinen Glanz. Er richtete sich auf und klatschte mit seinen Händen die Überreste von seiner Kleidung. Der fette Duft des Frühlings lag ihm in der Brust. Er lauschte und versuchte zu sehen, aber sein Blick reichte nicht weiter als eine Armeslänger, dahinter war alles noch verzerrt.

Aus der Ferne ertönte noch ein Laut, stark, kurz und bedeutungsvoll. Er sah sich um und spürte einen Drang. Der Bach, die Bäume und die Wärme seiner Umgebung, die Vertrautheit war mit Nadelstichen durchbohrt. Er fühlte den Drang und versuchte sich von der Szene zu trennen, sich zu strecken und loszulaufen in die grüne Schlucht. Wie Wild heftete er seine verstörten Sinne seiner Umgebung an. Wie wild spürte er zwei Herzen in ihm pochen. Wie zwei Brüder die getrennte Wege gehen. Zwei Gassen aus Bäumen und Sträuchern zwischen denen sein Odem hängen blieb und wieder einatmend ihm fett und feucht die Lungen füllte. Sein Kopf war erfüllt von Adrenalin, seine Bewegungen gingen in zwei Richtungen zur selben Zeit, sein Körper war nur eins. Aber aus dem Hin und Her entstand eine Richtung und seine Hände bewegten sich im Takt zu seinen Beinen die getrieben von den würgenden Bewegungen seiner Umgebung geradewegs nach vorne stürzten, ins Freie taumelten, wo er mit seinem ersten Atemzug die gesamte Welt in sich aufsog.

Zu Hause wachte er wieder auf. Vom Fenster aus strömte der Duft der Zivilisation ins Zimmer. Er ging hin und blickte hinaus. Die Verzerrungen hatten sich gelegt. Die Umgebung erschien ihm klarer. Die Stahlstadt die ihn umschloss vermittelte ihm Geborgenheit. Er war das Zentrum der neu entdeckten Welt und mit groß angelegten Fragen versuchte er sie zu begreifen.

Er lehnte mit dem Kopf an der Scheibe an der jetzt dicke Wassertropfen hängen blieben. Er sah ihnen zu wie sie langsam herabflossen, zuerst einzeln, dann mit anderen vermischt immer schneller die Scheibe hinab rannen wo sie sich seinen Blicken entzogen. Der quälende Zweifel etwas nicht ganz begriffen zu haben nagte an ihm. Er schrieb eine neue Frage auf einen Zettel und heftete ihn ans Fenster.

Es klingelte und ein wohlbekanntes Geräusch wurde unerträglich. Wie das Schnattern von Enten, aber Gänse spazierten über seine Haut und er blickte sich um. An einer Wand hing ein Bild – eine Hand geballt auf farbigem Hintergrund die sich nach oben streckt. Instinktiv zuckte er zusammen. Sein Blick hing an seinen Abenteuern die verstreut verteilt quer über das Zimmer ausgebreitet waren. Er hatte noch Fragen aber für heute war es genug. Aus einem anderen Raum ertönte Musik. Er zuckte mit den Schultern und nickte mit dem Kopf im Takt. Die Deckenlampe hing weit herab. Er tanzte durchs Zimmer und musste dabei aufpassen nicht ständig dagegen zu laufen obwohl es ihm Spaß machte sie schaukeln zu sehen und dass das Licht von einer Seite zur anderen wanderte.

Andere Leute waren rund um ihn. Sie wirbelten umher. Die Musik hatte sie in Trance versetzt und wie verrückt warfen sie ihre Körper durch den Raum. Er fühlte sich mitgerissen und hineingezogen. Der Sog war stark und seine Mitte war ein hell erleuchteter Ort. Das Licht erfüllte ihn und er verlor abermals das Bewusstsein.

Am Abend ging er die Straße hinab. Er folgte ihrem Verlauf. Er liebte die Stimmung wenn es dunkel wurde. Die Straßenlaternen tauschten ihre Haltung und alles wurde unheimlich berührt. Er war alleine und an die Strasse grenzten Häuser. Die Hände in den Hosentaschen schlenderte er lässig dahin. Er achtete auf das Geräusch seiner Schritte. Er liebte es die unterschiedlichsten Töne den Wegen zu entlocken. Der Wind strich ihm den Nacken hinauf und zersauste ihm liebevoll das Haar. Er hatte eine dunkle Färbung unterhalb des rechten Auges. Sein Blick hing ungetrübt an seinen Füßen die sich wie von selbst ihren Weg bahnten. Die breite und schwarze Strasse in der noch die Wärme des Tages gespeichert war dampfte vor sich hin und er spürte die Wärme in ihm. Er war der kleine rote Fleck auf dem Bild der Wärmesuchkamera die eines der Anwesen umgab.

Das Surren der Kamera wenn sie von einer Richtung in die andere schwenkte ließ ihn aufhorchen. Er blieb stehen weil das Haus ihm gefiel. Es war alles großzügig dimensioniert. Die Fenster in denen sich der aufgehende Mond spiegelte, die Tür die geradezu majestätisch der Front die Stirn bot und rundherum und darum herum.

Das Haus war hoch und besonders die Fenster schienen durch ihre Größe und Offenheit das Bild zu prägen. Ganz so als hätte hier niemand etwas zu verbergen. Eine Trutzburg den Räubern und Dieben. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! Aber gerannt sind sie trotzdem alle!

Auch er wollte laufen, allein die Richtung schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Nach vor, oder doch zurück? Es drängte ihn zu bleiben. Das Haus schien zu begreifen – sein Gesicht formte ein peitschendes Wort! Da lief er davon.

Die Wiese gab unter seinen Tritten leicht nach, der Waldboden war noch weicher – zudem der herrliche Duft. Meterhohe Bäume ragten an ihm vorbei aber ihre Größe war unbedeutend geworden. Die Stimmen hatten aufgehört zu raunen oder er nahm sie nicht mehr wahr. Sein Gesicht enthielt alle Antworten es war sinnlos zu diskutieren. Er kam an einen Tümpel - ein Bild in einem Bild und die natürlichen Bewegungen des Wassers verwirrten den Blick. Es war unscharf und gar nicht greifbar, aber ab und an konnte man ihn sehen und erahnen wie er denn wohl war. Er, der mit dem zerfurchten Gesicht, das die Wellen wie lieblich aussehen ließen und das kein Tier und kein Mensch greifen würden - alle die auf der anderen Seite standen. Ein Versuch aus dem Wasser heraus und mit brennendem Schmerz die Hand zurückgezogen. Es ragten die Bäume und er sah in ihre Gesichter, sah ihren Schmerz und er wusste um den seinen. Er ging weiter, blieb nicht stehen und ließ sich nicht ablenken von den tausenden Morden die er begangen hatte. Er trug ihre Seelen in seiner, welche war stark und kräftig. Er drückte sein Herz und es beruhigte seinen Schmerz.

"Wohin des Weges" schien allein er zu wissen. Es war nicht immer gerade und doch ergab sich eine Richtung. Er kam an ein Haus als ein Auto vorbei fuhr. Wartend bis die Aufregung sich gelegt hatte, betrachtete er die Tür. Er drückte die Klinke. Abgeschlossen stellte er fest und ging hinein.

Eine Neonlampe leuchtete ihm den Weg. Ein leises Summen drang an sein Ohr. Ein Duft vernebelte sein Gehirn. Es bestand kein Zweifel mehr. Er war in einer Zahnarztpraxis. Seine Sinne ergaben keinen Sinn mehr. Seine Augen konnte nicht mehr die Oberfläche durchschauen und die einzige Frage die ihm seine Ohren lieferten war: Was? Die Instrumente schnurrten und die Patienten bellten. Es war noch immer deutlich zu hören hinter den Türen. Verschiedene Stimmen und Schreie hallten durch den Gang und verliefen sich hinter ihm wie kräuselnder Rauch. Aus bloßer Neugier öffnete er die Tür zur Damentoilette und trat ein.

Es war wieder finster geworden, einzig das Rauschen war zu hören. Er lag da an diesem Fluss, umschlossen vom hohen Gras und den Duft von Freiheit inhalierend, so stark er würde ihn nie wieder loslassen und nirgendwo oder um die nächste Biegung wo ein Geräusch zum alles erdrückenden Klang anwuchs, hörte er noch die Worte, zum Flüstern verblasst: "Der Nächste" und der Nächste war nicht er, dessen war er sicher.