Die Wale im Tysfjord sind den großen Heringszügen gefolgt, die sich alljährlich im Nordatlantik wiederholen. Die größten Heringsschwärme der Welt überwintern im Tysfjord, die Tiere bereiten sich hier, zwischen den Vesteralen und dem norwegischen Festland auf ihre große Hochzeitsreise zum Laichen vor der südnorwegischen Küste im Frühjahr vor. Nach jahrzehntelanger Überfischung erholt sich die Population, sieben Millionen Tonnen Heringe sollen hier zu finden sein.

Der reich gedeckte Tisch weckt Begehrlichkeiten. Längst nicht nur bei den Fischern, die inzwischen nur noch unter dem Diktat strenger Fangquoten ihre Netze ausbringen.

Die Fischer sind an diesem Morgen längst draußen, dann kommen die Touristen auf den Beobachtungsbooten. Noch suchen sie mit gespanntem Blick die tiefblauen Wellen des Fjords ab. Aber an diesem Tag müssen die Leute auf dem Schlauchboot und der MS Leonora nicht viel Geduld aufbringen.

Die erste Finne durchsticht die Wellen, ein mächtiger, stromlinienförmiger Leib taucht auf, da eine Fontäne, der Orca bläst. Die Leonora hat eine Eskorte. Eine komplette Orcafamilie, Männchen mit gewaltigem Schwert, Jungtiere, die sich nah bei der Mutter halten, das älteste Orcaweibchen führt das Rudel an, zielstrebig, denn es ist Frühstückszeit.

Orcinus Orca heißen die größten Delphinähnlichen in der Fachsprache, Killer- oder Mörderwale sagen andere, in der Historie waren sie auch schon mal „die Tiere, die den Fischern beim Fang helfen“. Sonst werden die Wale auch „Wölfe des Meeres“ genannt, wegen ihres Rudellebens und ihrer Jagdtaktiken. Mit drei unterschiedlichen Signalen verständigen sich die Meeressäuger per Ultraschall untereinander. Nur hier sprechen sie den gleichen Dialekt, wie sie auch einen völlig anderen Speisezettel und Jagdstrategien haben, als etwa jene gnadenlosen Jäger vor amerikanischen Küsten, die auch schon mal Blau- oder Pottwale angreifen oder Pinguine und Robben bevorzugen. Hier, in Norwegen steht Hering auf dem Speisezettel der Orcas.

Und dann sind sie da. Überall. Das Rudel hat sich zusammengezogen. 20, 30, 40. Der Kreis der Wale schließt sich immer enger. Sie jagen, tauchen senkrecht ins Wasser, schwimmen im Kreis. Erschrecken ihre Beute mit hellem Bauch und treiben sie nach oben. Der Fluchtinstinkt der Heringe treibt die Fische aus diesem Strudel in die Luft, aber es ist eine hoffnungslose Flucht. Die Wale erlegen die Heringe mit kräftigen Schlägen ihrer Fluken, ihrer Schwanzflossen. Die Heringe treiben auf dem Wasser und werden von Walen und Möwen bequem eingesammelt. Später schätzen die Leute vom Tysfjord-Center, dass es um die 60 Wale waren, die sich dort zum Frühstück versammelt haben. „You are lucky people“, meint Chantal Forsa später: „Ihr seid glückliche Menschen.“