Im Schneegestöber erklimmt das Auto den letzten Bergzug der Rocky Mountains. Kaum ist er überwunden, da liegt der Yellowstone-See tief unten sonnenglitzernd im Tal. Oren, der Parkführer aus Michigan, gibt einen Yellowstone-Witz zum besten: „Euch gefällt das Wetter nicht? Dann wartet zehn Minuten ....“ Die Saison nähert sich ihrem Ende. Nur noch wenige Tage, dann wird der Nationalpark auf den Winter vorbereitet, passieren dürfen dann den lange geöffneten Nord-Ost-Eingang nur noch Fahrzeuge mit Kufen.
Knapp hinter dem Parkeingang „Fishing Bridge“. Hier darf nicht mehr gefischt werden, nur das Fische-Beobachten ist noch erlaubt. Der Park ist geschützter Lebensraum für eine Vielzahl Vogelarten, Reptilien und Kleintiere, aber auch für Wapiti, Koyoten, Bären, darunter 500 Grizzlies.
Seit es ein strenges Fütterungsverbot für die Bären gibt, sind Begegnungen von Besuchern und Bären selten geworden. Im nahe gelegenen West-Yellowstone können sie dennoch die Tiere live beobachten: Dort gibt es ein Wildgehege, in dem auffällig gewordene Tiere untergebracht werden, darunter auch ein Grizzly von imposanter Größe. Viel öfter als mit Bären kommt es im Park zu Begegnungen mit Bisons. Knapp 5000 Büffel leben hier, die von Rangern konsequent wissenschaftlich „Bisons“ und nicht „Buffalos“ genannt werden. Ein Streichelzoo ist der Park nicht: Ein Bison kann auf Tempo 50 beschleunigen und ist vor allem eines nicht: handzahm.
Der Schutz des Nationalparks gilt auch für zehn Wolfsrudel, die manchmal den Park verlassen und deshalb zwischen Naturschützern und Schafsfarmern heftig umstritten sind. „Die Zahl der Farmtiere, die den Wölfen zum Opfer fällt, ist aber sehr gering“, sagt Oren, dem das Verständnis für die Proteste fehlt, „und die Farmer werden für Verluste entschädigt.“
Am Rand des Yellowstone-Sees steigen Fumarolen auf. Untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Supervulkan nur zu einem kurzen Nickerchen zurückgezogen hat – „kurz“ in geologischen Zeiträumen gedacht. Nur wenige Kilometer weiter, nahe beim West Thumb Geysir Basin, zischt und faucht die Erde. Sie bläst dichte Dampfwolken hervor, hellgrauer Schlamm blubbert aus Erdspalten und verbreitet schwefligen Geruch. Die Erdkruste ist dünn, ein verfehlter Schritt kann leicht in heißem Grund oder auch in schwefelsaurem Wasser landen.
Unter dem fragilen Boden kocht die Hitze des Supervulkans das Grund- und Sickerwasser. Heftig unter Druck stehend entlädt es sich aus den periodisch speienden Geysiren. Besonders bekannt ist „Old Faithful“ in der Nähe des Nationalparkzentrums, der seine Fontäne bis zu 55 Metern hoch hinausschleudert. 300 Geysire gibt es im Park – manche würden in jeden Vorgarten passen, manche werden alle paar Monate, manche wie Old Faithful im Stundentakt aktiv.
Die in Regenbogenfarben schillernden „Paintpots“ wie etwa der „Morning Glory Pool“ sprechen trügerische Einladungen an vermeintliche Badegäste aus: In ihnen können Temperaturen um den Siedepunkt herrschen. Was für den Menschen tödlich wäre, ist Lebensraum für Bakterien, die den heißen, spiegelglatten Gewässern ihre leuchtenden Farben geben. Am Mammoth Hot Springs hat das Wasser große Sinterterrassen aufgebaut, die bei Sonnenlicht wie Wattewolken wirken, bei bedecktem Himmel wie eine surrealistische Filmkulisse.
Mit rund 2000 kleineren Erdbeben jährlich macht der Yellowstone-Vulkan auf sich aufmerksam. Die Magmakammer in sieben Kilometern Tiefe wird auf 60 mal 40 Kilometer Fläche und eine Dicke von zehn Kilometern geschätzt. Sie wird von einem Hotspot gebildet, einem stationären, heißen Teil des Erdmantels. Nur die Caldera, der riesige Einbruchskrater, zu der auch der Yellowstone-See gehört, hat eine Fläche von 40 Kilometern.
Die letzten großen Ausbrüche des Vulkans fanden vor etwa 0,6 Millionen beziehungsweise vor 1,3 Millionen Jahren statt. Sie verwüsteten nicht nur die Region um den Vulkan im Umkreis von 250 Kilometern. Sie veränderten das Klima bis Europa, als 1000 Kubikkilometer Staub und Asche in die Luft geschleudert wurden: Eine Menge, die dem Wasserinhalt aller Flüsse der Erde entspricht. Geowissenschaftler fanden heraus, dass der Yellowstone „atmet“: Das Dach der Magmakammer hebt und senkt sich regelmäßig, in den letzten Monaten um rund 20 Zentimeter nach oben. Die nächste Eruption wird für die nähere Zukunft vorhergesagt. Was im Leben eines Vulkans mehrere tausend Jahre bedeuten kann. Katastrophenschutzpläne gibt es keine für das Gebiet. „Es gibt sowieso keine Rettung, wenn der Vulkan ausbricht“, lacht Oren, der den Nationalpark so sehr liebt, dass er jedes Jahr während der Sommermonate als Fremdenführer dort arbeitet – und sogar seinen Job in der Ölindustrie aufgegeben hat. „Wenn er ausbricht, ist Nordamerika vom Atlantik bis zum Pazifik verwüstet.“