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Endre Toth
Lappar, der Antichrist


Sie trieben sich immer gemeinsam herum, zu viert. Sie waren weder tapferer, noch feiger als andere Lausbuben jener Zeit. „Laufen wir um die Wette", schrie Lappar, „Repo, Nodo, Tupy, laufen wir über das Stoppelfeld, barfuß!“

„Barfuß geht es nicht“, sagte Tupy trocken, „wegen den Brennesseln.“ „Tupy, du hast schlechte Haut und du hast schlechtes Blut. Dein Blut ist bestimmt schwarz. Du bist niedere Rasse und du schämst dich deines schwarzen Blutes.“

Tupy kauerte sich wortlos hin und fing an, sich die Schuhe aufzuschnüren.

„Hurra!“, schrie Lappar. „Ich bin der Wind und ich tobe über die Felder! Repo, Nodo, Tupy, auch Ihr seid Wind. Wir brausen wie ein Unwetter über die Felder. Schwärmen wir aus! Wir sind Sturmwind und rasen donnernd über die Felder!“

Kreischend erreichten sie die Furche auf der anderen Seite.
„Ich bin der Erste!“, verkündete Lappar. „Ich bin der Triumphator!“

Alle setzten sich auf die Erde. Die anderen besahen sich ihre Füße mit saurer Miene.

„Sieh her, Lappar!“, sprach Tupy rebellisch. „Mein Blut ist nicht schwarz. Mein Blut ist rot, wie deins."

„Meine Füße bluten nicht einmal“, prahlte Lappar, der die Worte Tupys nicht beachtete. „Ich habe gute dicke Haut, deine Haut ist dünn, und Ihr alle seid niedere Rasse. Laufen wir jetzt zurück, schnell wie der Sturmwind.“

Die anderen erhoben sich widerwillig.

„Wir sind die schreckenswürdige Armee“, brüllte Lappar. „Tupy, du bist der Vize, Repo und Nodo, Ihr seid die Soldaten. Hurra! Lasst uns im Blut waten!“ Sie kehrten zu den zurückgelassenen Schuhen zurück. Da bluteten auch Lappars Füße schon.

„Ich bin Lappar, der Dämon!“

Er griff nach einem großen lockeren Erdklumpen. „Ich zerschlage einen Stein auf meiner Brust! Seht her!“ Der Erdklumpen zerfiel, als er gegen die Brust Lappars schlug. „Zerstoßt auch Ihr nun Steine auf eurer Brust. Zerschmettert Steine und singt! Wir sind die Sieger und im Triumph tanzen wir.“

Kreischend tanzten sie mit schmerzenden Füßen, wobei sie sich mit beiden Händen Erdklumpen und kleine Steine auf ihre Körper warfen. Sie beschmutzen sich von Kopf bis Fuß.

„Ich bin Lappar, der dämonische gewaltige Führer. Wir wateten im Blut und triumphierten. Wir zerbrachen Steine auf unserer Brust. Triumph und Ruhm!“ Diese Worte brüllte er heraus, mit provokantem Blick direkt zur Sonne gewandt.

Sie trieben sich am Ufer des Baches herum.

„Wir werden Fische fangen“, sagte Lappar.

„Ausgezeichnet! Fische fangen“, freute sich Tupy, „wir werden Angelhaken stehlen und uns Ruten schneiden.“

„Ich brauche weder Angelhaken noch Rute. Ich werde die Fische mit bloßen Händen fangen. „ Schon watete Lappar im Bach. Er lief unter die Fische, die sich in dem flachen Wasser erholten. Um die Knöchel Lappars leuchteten silberfarbene Schaumkronen auf. Weil die Fische sich im Fliehen bewegten, begann das Wasser zu brodeln. Er griff blitzschnell ins Wasser, und da flog schon ein schillerndes Fischlein an das Ufer.

„Ich werde für euch viele viele Fische fangen. Karauschen, Hechte und Karpfen. Heute werden wir alle Fische bis zum Platzen essen.“

Die anderen fingen an sich um die Beute zu balgen, doch das nächste Opfer flog schon in der Luft.

„Heute werde ich alle Fische aus dem Bach fangen!" Er lief in dem bewegten Wasser hin und her, verfolgte rasend die Fische und ließ die schon gefangenen, zappelnden an das Ufer fliegen.

„Habt Ihr alle schon genug?" Lappar watete aus dem Bach heraus. In seiner Hand hielt er ein zuckendes Tier.

„Habt Ihr schon gegessen?", fragte er plötzlich mit strenger Miene. „Ohne sie vorher zu braten?“, fragte Tupy sich ekelnd.

„Jawohl, ohne sie zu braten. Heute werden wir lebende Fische essen. Seht her!“ Und schon hielt er einen zappelnden Fisch vor seinem Mund.

Die anderen starrten ihn entsetzt an. Er fing an zu grinsen:„Nein, lieber nicht! Heute habe ich kein Verlangen nach Fisch. Aber im Dorf wird heute jede Katze zum Abendbrot Karauschen, Hechte und Karpfen essen. Reiht sie auf eine Weidenrute! Schaut her, so!“ Und nachdem er einen Ast abgerissen hatte, zeigte er wie man die Fische aufreiht, indem er durch deren Kiemen und Mäuler hindurchstach. Dann lief er wieder zum Bach zurück. „Seht, wie viele Fische noch übrig geblieben sind! Ich werde alle fangen! Heute werde ich alles Leben im Bach ausrotten! Heute wird jede Katze bis zum Platzen Fische herunterschlingen.“

Und er setzte das Töten fort. Er warf die Beutestücke so überreichlich, dass die anderen sie kaum aufspießen konnten.

Erregt vom Fieber des Tötens brüllten Repo und Nodo immerzu: „Weiter! Noch mehr! Wirf weiter, Lappar! Du bist der bewundernswerte Fischfänger!“

„Ich bin der dämonische Fischhenker!", schrie Lappar, der im Ausrotten nicht müde wurde. Tupy betrachtete ihn mit eifersüchtigem Hass. Bald liefen sie los zum Dorf, die stinkenden Ruten schwingend.

„Heute wird es ein Fest für die Katzen geben. Ein Fischabendmahl bis zum Platzen! Katzensonntag, Halleluja!“

„Halleluja, Halleluja!“, riefen die übrigen im Chor.

Sogar Tupy schrie mit ihnen mit.

Sie fuhren mit zwei Fahrrädern durch die Gegend. Lappar ließ Repo auf seinem Rad fahren. Tupy wurde von Nodo gefahren. Sie erreichten den Hügel Kocor. Hier ragte der schmale Feldweg so steil nach oben, dass selbst Täve Schur nicht fähig gewesen wäre, ihn zu erklimmen, obgleich niemand einen stärkeren Mann kennt als ihn.

„Alles absteigen!“, kommandierte Lappar.

Sie hielten in der glühenden Sonne an.

„Tupy, nun sitz wieder auf und fahr auf den Hügel“, sagte Lappar mit heimtückischem Lächeln.

„Das geht nicht“, widersprach Tupy. „Das schafft keiner, bis nach oben zu fahren.“

Lappar richtete seine starren grauen Augen fest auf Tupy.

„Los, vorwärts. Ich folge dir gleich nach, und wenn du anhältst, dann fahre ich über dich hinweg.“ Und seine drohende Miene bewies, daß er nicht scherzte.

Tupy kapitulierte. Er fuhr los.

„Ihr bleibt hier“, schleuderte Lappar Repo und Nodo entgegen, „nicht die kleinste Bewegung möchte ich sehen, denn ich bin heute gefährlich.“ Nachdem er das gesagt hatte, fuhr auch er los auf den Hügel.

„Gib dir Mühe, Tupy, denn ich komme! Gib dir Mühe, wenn dir dein Leben lieb ist! Gib dir Mühe, sonst quetsche ich dich zu Tode!“, brüllte Lappar.

Tupy gehorchte. Seine Zähne knirschten. Gleich nachdem er losradelte, hatte er das Gefühl, niemals bis nach oben zu gelangen. Dann wurde es ihm rot vor den Augen. Er dachte daran lieber anzuhalten, besser wäre es, sich zerquetschen zu lassen. Sein Untergang schien heute beschlossene Sache zu sein. Danach erreichte er dennoch die Spitze. Auch Lappar, gleich hinter ihm. „Tapfer, Tupy, äußerst tapfer!“, lobte ihn Lappar mit sarkastischem Gelächter.“Fahr jetzt zurück, wir werden auch die anderen holen.“

Tupy war unfähig auch nur zu antworten. Er begann auf seinem Fahrrad nach unten zu rollen. Repo und Nodo starrten gebannt auf die Herankommenden, die feuchte Hemden und schweißbedeckte Gesichter hatten, wie die heimlich von ihnen beobachteten Gefangenen in der Steinmine.

Tupy stieß das Rad von sich und streckte sich auf der Erde aus. Auch Lappar hielt an.

„Ich bin der Dämon, der große Führer! Tupy, du bist der Vize. Repo und Nodo, Ihr seid die Soldaten. Tupy, nun los, vorwärts, nimm Repo mit. Ich werde Nodo mitnehmen, gleich nach dir. Wenn du anhältst, zerquetsche ich dich.“

„Ich werde nichts tun“, sagte Tupy ohne Kraft, „lieber will ich gleich hier verrecken. Zerquetsche mich gleich hier.“ Er warf sich auf den Rücken und streckte die Arme aus.

Lappar sah ihn fest an. Mit flammendem Blick. „Fahr los, ich befehle es!“

„Nein und nochmals nein!“ Tupy, der erschöpft im Gras lag, schüttelte den Kopf.

Lappar fand etwas Neues: Du bist der Vize. Fahr allein los! Ich werde Repo vor mir auf das Rad setzen und Nodo hinter mich auf den Gepäckträger und wir folgen dir. Ich bin heute schrecklich und vermag das Unmögliche.“ Die übrigen gehorchten, als seien sie überwältigt und betäubt. Tupy fuhr resignierend los. Lappar folgte ihm mit seiner doppelten Last. Diesmal schrie er nicht. Er atmete keuchend, seine Augen kreisten wie wild, seine Sommersprossen glänzten unter dem Schweiß wie Glut. Keiner glaubte, daß sie die Sache überleben könnten, und doch kamen sie auf der Spitze oben an. In diesem Moment schnappte Lappar schon röchelnd nach Luft. Er warf sich auf den Rücken. Seine Augen wurden starr, er verstummte für einige Zeit. Die anderen standen wie gebannt um ihn herum. Dann fing Lappar an zu sprechen, leise und heiser: „Ich bin der Antichrist. Seht, ich gehe zugrunde. Aber vor meinem Tode mache ich mein Testament. Hört gut zu, denn ich will nach meinem Tode alles wie folgt haben: Verschließt meine Augen nicht. Mit offenen starren Augen soll meine Leiche auf das Vorgebirge getragen werden. Repo, dir vermache ich das Dorf. Nodo, dein soll der Wald sein. Tupy, dir werden der Bach und die Fische gehören. Wenn ich erst auf dem Vorgebirge sein werde, Repo, dann brenne du das Dorf an. Es soll in der Nacht geschehen, und brenne jedes Haus einzeln an. Nodo, du wirst den Wald anbrennen. Jeden Baum und jeden Strauch einzeln. Tupy, du brenne den Bach und die Fische an... „Bestürzt wollte Tupy ihn unterbrechen, doch Lappar ließ es nicht zu.

„...wenn der Antichrist stirbt, dann können sogar die Wasser brennen.“ Er holte etwas Luft und fuhr dann fort. „Wenn alles brennt, dann versammelt euch auf dem Vorgebirge und schneidet euch die Kehlen durch. In meinem Tode will ich alles mit offenen Augen, flammend und blutend, sehen.“
Nachdem er das gesagt hatte, schlief er ein. Die übrigen kauerten entsetzt um ihn herum.

„Ist er schon gestorben?“, fragte Repo flüsternd.

„Nein. Hört. Er atmet noch.“ Tupy gab diese Antwort, der Vize.

Sie schwiegen lange, sogar sehr lange, denn es dämmerte schon, als die Augen Lappars sich öffneten.

„Da, der Tod!“, dachten sie alle voller Schrecken. Jedoch, nein, plötzlich setzte sich Lappar aufrecht hin, maß sie mit seinem Blick und sprach: „Fürchtet euch und zittert, weil ich der Dämon bin! Fürchtet euch und zittert, weil Ihr alle niedere Rasse seid!“

„Heute werden wir Melonen stehlen", sprach Lappar.

„Unmöglich", erwiderte Tupy. „Die Feldwächter haben mit Salz geladene Gewehre.“

„Und dennoch werden wir stehlen“, sagte Lappar schon weniger selbstgefällig.

Sie saßen weiter wortlos da. Lappar schaute nach oben zu den Wolken: „Es wird gleich regnen. Im Regen will ich keine Melonen. Wir brauchen keine Melonen. Lieber sollten wir Gewehre und Pistolen stehlen. Pistolen für Repo und Nodo, weil sie die Soldaten sind. Tupy, du wirst Gewehre bekommen, weil du der Vize bist. Auch ich werde ein Gewehr besitzen, aber ein größeres als du. Danach treiben wir die Feldwächter zusammen und erschießen sie. Jeden Melonenwächter und Alex Piro. Ich werde sie ausrotten, weil ich der Antichrist bin. Wir werden sie Aufstellung nehmen lassen, weil ich der Antichrist bin. Wir werden sie hier der Reihe nach an die Wand stellen“, fuhr Lappar fort. „Ich werde zum Ersten sagen:'Geh auf die Knie und flehe um dein Leben; solltest du wunderschön bitten, lassen wir dich laufen'. Aber wie schön er auch immer flehen wird, er wird umsonst betteln. Ich werde sagen:' Schießt!' Und wir werden ihn erschießen. Danach sage ich zum nächsten Wächter: 'Wenn du schöner bitten wirst als der Erste hier, dann kommst du wirklich davon.' Aber wie wunderschön er uns auch anflehen mag, wir werden auch ihn erschießen. Und in einer schönen Reihe alle. Am Ende wird Alex Piro folgen. Ich werde zu ihm sagen: 'Auf die Knie! Wenn du schöner bitten wirst als die anderen, wirst du bestimmt der Einzige sein, der freikommt.' Er wird sich auf die Knie begeben und anfangen. Ich werde kommandieren: 'Flehe noch schöner!' Dann wird er noch schöner bitten. Ich werde wieder fordern: 'Noch gesegneter!' Und er wird noch schöner als schön bitten. Dann werde ich ihm sagen: 'Alles, was du von dir gegeben hast, ist eine Lappalie. Du hast vergessen zu heulen. Außerdem bist du niedere Rasse und ein Feigling.' Und ich werde sagen 'Schießt!' Und wir werden auch ihn erschießen.“

Die anderen hörten ihm voller Abneigung zu. Was für eine Schuld konnte die Seele Alex Piros nur so schwer belasten, um einen solchen grausamen Tod zu verdienen?

„Tupy, lauf los und raube Gewehre. Wenn du nicht bis zum Abend Gewehre herbeischaffst, wirst auch du erschossen.“

Lappar verstummte und versank in Nachdenklichkeit. Falls Tupy rebellieren sollte und keine Gewehre stiehlt, womit ihn dann erschießen? Dann fing Lappar an über andere Dinge nachzudenken. „Na, lieber nicht. Ich brauche keine Gewehre. Lieber stehlen wir Wein. Wir werden Wein stehlen und uns betrinken. Wir werden prassen und Exzesse machen. Ich weiß wie man Wein stiehlt. Ich habe heimlich zugesehen wie das die Lieferanten machen. Nodo, dein Vater ist Zimmermann. Geh nach Hause und stiehl einen Drillbohrer. Repo, raube du eine Fahrradpumpe. Tupy, du kommst mit mir mit, wir werden die Kellertür aufbrechen.“

Aber sie brauchten sie nicht aufbrechen, denn die Kellertür war nicht verschlossen. Sie schlichen in das gedämpfte Dunkel hinein und sahen sich um. Lappar schrie Tupy plötzlich an: „Warum glotzt du hier herum? Ich sehe nichts. Flitze los und stehle eine Kerze. Im Dunklen will ich keinen Wein.“

Tupy lief davon, kam aber nach kurzer Zeit zurück und dann kamen auch die anderen.

Lappar fing mit der Arbeit an. Er bohrte ein dünnes Loch in das Fass, aber es kam kein Wein heraus.

„Leer“, stellte Tupy fest.

„Halt's Maul, sonst lasse ich dich festnehmen!", schrie Lappar. Er nahm die Pumpe, die Repo mitgebracht hatte und pumpte etwas Luft durch das kleine Loch. Danach kniete er nieder, legte den Mund an das Loch und fing an den Wein anzusaugen. Als die Soldaten zurückkamen – sie hatten ein Kochgeschirr mitgebracht – pumpte Lappar bereits weiter. Sie stellten das Kochgeschirr unter den dünnen Strahl und es füllte sich immerhin. „Tupy, der ist für dich, weil du der Vize bist. Trink aus bis zur Neige.“

Widerstrebend fing Tupy an in kleinen Schlucken zu trinken.

„Der Reihe nach wird jeder ein Kochgeschirr voll bekommen und dann wieder je eins für jeden, weil wir heute prassen werden. Wir werden uns betrinken und Exzesse machen.“

Sie torkelten mit schweren Köpfen aus dem Keller nach außen. Es regnete schon.

„Singt“, kommandierte Lappar.

Grölend gingen sie im Gänsemarsch den hinteren Gartenweg entlang.

Die immer grauer werdende Landschaft wirkte leblos und trist.

„Nun schaufelt mein Grab und beerdigt mich bei lebendigem Leibe“, sprach Lappar. „Beerdigt mich, und dann werde ich aus der Erde herauskommen, weil ich der Dämon bin.“

Sie liefen auseinander, um Spaten herbeizuschaffen.

„Hier soll mein Grab sein.“ Lappar zeigte auf einen Platz unter einem großen Baum. „Hebt für mich eine Grube aus. Ich werde mich hinein stellen und Ihr werdet mich stehend beerdigen, weil man die Dämonen immer stehend in die Erde bringt. Grabt und singt.“ Die Soldaten fingen an zu graben.

„Tupy, geh los und stiehl für mich einen Trog. Ich will nicht vom Regen gepeitscht werden.“

Dann untersuchte Lappar wie tief die Grube ist. Sie reichte nur bis zum Knie. Er setzte sich auf die Erde, stützte den gestohlenen Trog als Schutzschild an seinen Kopf und beobachtete stumm die singenden Totengräber. Sie standen schon in der Erde bis zu den Hüften. Mit einer Handbewegung deutete er an: Weiter. Als die Grube bis zu den Schultern reichte, stellte er sich hinein.
„Nun beerdigt mich!“, befahl er.

Sie fingen an, die Erde zurückzuschaufeln. Die lockere Erde erreichte seine Knie. "Jemand muss sie mit den Füßen fest treten. So locker hat das keinen Wert.“

Tupy sprang in das Grab und stampfte eine Weile um den Dämon herum. Danach schaufelten sie die Erde weiter zurück. Als sie ihm bis zur Taille reichte, traten sie sie erneut fest. Bald stand Lappar bis über die Schultern unter der Erde, nur sein Kopf und seine ausgestreckten Arme blieben über der Erde.

„Nun singt und tanzt um mich herum. Tanzt meinen Totentanz, weil der Antichrist begraben worden ist. Unterdessen werde ich mich aus der Erde herausreißen und wir werden Exzesse machen, ungezügelte und wahnwitzige, weil ich der Dämon bin.“

Der Regen hatte sich verdichtet. Die anderen begannen betrunken zu singen und zu tanzen. Lappar spannte seine Kräfte an. Er versuchte sich mit ausgestreckten Armen aus der Erde herauszuheben, doch er konnte sich nicht einmal bewegen. Die anderen gaben lauernd auf ihn acht. Das Gesicht Lappars verzog sich, seine hellen Augen kreisten wild, Regentropfen und Schweiß flossen von seinem Kopf herab. Aber er mühte sich vergeblich, unfähig sich auch nur zu bewegen. Tupy schrie mit feiger Stimme zu ihm herüber: „Reiß dich heraus, Dämon!“ Lappar knirschte vor Kraftanspannung mit den Zähnen. Die anderen führten den Totentanz fort.

„Halt!“, schrie Lappar plötzlich. „Lauft alle los und sammelt Brombeeren für mich. Färbt mein Gesicht schwarz ein. Das schwarze Gesicht wird mir dämonische Kraft verleihen.“

Sie liefen höhnisch grölend auseinander. Vorsichtig und bereit zur Flucht beschmierte zuerst Tupy das Gesicht Lappars mit Brombeeren. Doch als sie sich davon überzeugt hatten, dass Lappar seine ausgestreckten Arme nicht gebrauchen konnte, wurden sie mutiger und schmierten den schwarzen Brei immer leidenschaftlicher an den Kopf von Lappar.

„Ich bin der Antichrist“, schrie dieser immerfort, „gleich werde ich mich aus der Erde herausreißen und danach reiße ich auch diesen Baum heraus, und mit ihm werde ich euch und alles zerbrechen und zerschmettern, weil ich der Dämon bin!“ Die anderen tanzten weiter in wilder Heiterkeit. Sie bewarfen den Kopf von Lappar schon nicht mehr nur mit Brombeeren, sondern auch mit Dreck, und Tupy warf ihm sogar eine verfaulte Tomate ins Gesicht.

„Reiß dich heraus, Dämon! Du bist doch der Schreckenswürdige! Komm heraus aus der Erde, wenn du dazu fähig bist.“

Nicht einmal antworten konnte Lappar noch. Nur seine Augen kreisten weiter. Doch seine Arme lagen kraftlos da.
„Ich bedecke dich mit dem Trog, um dich gegen den Regen zu schützen“, schrie der Vize. Und schon hatten sie den Trog über Lappar gestülpt.

Es regnete nun in Strömen und die Abenddämmerung setzte ein.

„Rollen wir Felsbrocken auf ihn“, schrie Tupy, wenn er der Dämon ist, kann er sogar einen Berg von sich abschütteln.“

Mit gemeinsamer Kraft schleppten sie einen wuchtigen Stein herbei. Dann trugen sie noch eine Menge Steine, Ziegel und auch Abfall, Mist, alles herbei. Das Grab von Lappar war bald fertig gestellt.

Zuerst schlichen sich die Soldaten davon.

Tupy grölte noch eine Weile einen Gesang, betrunken unter dem Baum sitzend, doch dann stand auch er auf.

„Reiß dich heraus, Antichrist!“ rief er, jedoch mit gedämpfter Stimme, und auch er begann nun nach Hause zu trotten.

Er spürte einen schlechten Geschmack im Mund, vom Wein und aus Enttäuschung. Dieser Lappar war niedere Rasse. Wir wären verpflichtet gewesen, ihn viel früher zu liquidieren, dachte er und hielt plötzlich ängstlich inne. Die Erde bewegte sich, ein ohrenbetäubender Lärm setzte ein. Entsetzt zögerte er, jedoch nur für einen Moment. Es ist nichts! Sie sprengen in der Steinmine, dachte er. Morgen werden wir hingehen und die Gefangenen heimlich beobachten.

Aus dem Esperanto übersetzte Hans-Georg Kaiser


PS:

Die Erzählung befindet sich in der gleichnamigen Sammlung, die ich vor einigen Jahren übersetzt übersetzt habe, sie wird von mir momentan in eine PDF umgewandelt. Als HTML-Text kann man die Geschichten in www.karapaco.de lesen; Klicken Sie dafür bitte:

http://www.karapaco.de/deutsch/lappar/lappar.html