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Endre Toth
Die Steinsäge


Diese verfluchte Steinsäge ist an allem schuld.

Der Schwarzhaarige saß hinter dem Schreibtisch. Er hatte ein offenes Wams an und blätterte in Schriftstücken. Er nahm meine Anwesenheit kaum wahr, fingerte an seinem goldenen Stift herum und schrieb ab und zu etwas. Plötzlich hob er den Kopf und sah zu mir herüber, zerstreut, lange Zeit.

"Leider wird das schwierig... nun ja, schwierig", sagte er und entspannte mit den Fingern seinen Hals. "Was soll ich sagen? Soll ich es notieren? Gut. Ich werde es notieren. Nun, vorläufig will ich sagen..." Er klopfte nachdenklich mit dem Stift auf den Tisch.

Ich wollte ihm antworten oder etwas von ihm erfragen, doch schwärzeste Sprachlosigkeit drückte mir die Kehle zu und presste mich in die Tiefe. Als ich die Kräfte anspannte, um zu sprechen, wurde ich wach.

So ging das seit Wochen. Seitdem die Steinsäge in der Nachbarschaft in Betrieb ging.

Gegenüber dem Haus, in dem ich wohne, steht eine altertümliche Kirche. Vor einigen Wochen fing man an, sie zu restaurieren. Man musste die verwitterten Steinblöcke austauschen. Und man verwendete die verfluchte Steinsäge, um die rohen großen Steine auf das notwendige Maß zurechtzuschneiden. War sie erst einmal wie nötig justiert, arbeitete sie ohne Aufsicht weiter. Und weil sie langsam arbeitete, musste man sie Tag und Nacht laufen lassen. Außer dieser Säge benutzte man auch andere Maschinen, doch zum Glück liefen diese nur am Tage.

Draußen dämmerte ein trüber Morgen herauf. Der Himmel ist gewiss wolkenverhangen. Die Straße ist noch nicht erwacht, man hörte nur das heisere Röcheln der Säge. Das Röcheln der Steinsäge, lang hin und lang her, monoton, ununterbrochen, Tag und Nacht. Was fange ich jetzt an? Wenn ich nach einem Treffen mit dem Schwarzhaarigen erwache, ist es vergebliche Mühe, wieder einschlafen zu wollen. Ich wälze mich dann im Bett nur hin und her, versinke in einen dumpfen Halbschlaf und höre deutlich die Steinsäge. Auch an diesem Tage war es so. Aber draußen gingen plötzlich die anderen Maschinen los. Daher wusste ich gleich, es ist sieben Uhr. Ich muss gehen. Es kommt mir so vor, als sei der Mann im Wams heute etwas später erschienen. Es ist sogar schon passiert, dass er mich um zwei Uhr in der Nacht geweckt hat. Dann litt ich schlaflos bis zum Morgen. Der heutige Tag ist also ein beglückenderer. Das Treppenhaus ist malvenfarben, die Türen rundherum sind dunkel eingefärbt. In den Nächten strömt im Treppenhaus träge ein feuchter Geruch nach oben, wie der von Katafalken. Auch heute, wie jeden Morgen, wurde er mit dem kompakten heißen Gebrüll der Maschinen von draußen angereichert. Es ist, als tauchte ich in einen Höllenkessel, in dem Blei siedet. Ich schritt nach unten, den Rhythmus der Steinsäge nachahmend. Von unten ließ sich ein Hämmern vernehmen. Als ich dort ankam, sah ich die unterschiedlichsten Werkzeugkästen auf den Stufen liegen. Ich musste deswegen anhalten. Doch schon kam ein Monteur aus einer halbdunklen Ecke, um den Weg freizumachen.

"Wie geht die Arbeit voran?" Ich versuchte freundschaftlich den tosenden Lärm zu überbrüllen. Aus der halbdunklen Ecke drang durch eine offene Tür ein lautes Zischen. Vielleicht schweißt drinnen jemand etwas.

Der Monteur starrte mich verständnislos an. Wie blass er war! Vielleicht wegen des schwachen Lichtes?

"Meister! Kommen Sie mal!", schrie er in das Halbdunkel. Ich wollte ihm sagen, er solle auf keinen Fall den Chef stören, doch das laute Zischen endete abrupt und schon kam ein anderer, ebenfalls blasser Monteur heraus.

"Dieser Herr hat mich etwas gefragt", brüllte der erste Monteur.

"Guten Morgen. Was wünschen Sie, mein Herr?", fragte der Meister und wischte sich die Hände ab. Beide standen vor mir, aus ihren Gestalten und ihren Kleidern strahlte mir eine unverständliche Drohung entgegen.

"Nichts wünsche ich", schrie ich verwirrt. "Ich habe nur gefragt, was Sie hier tun? Geht es Ihnen darum etwas zu montieren?" "Ja, mein Herr", rief der Meister heiser, seine Ungeduld kaum verbergend. "Kommen Sie mit mir mit."

Ich wollte ihn nicht irritieren. Also folgte ich ihm in das Halbdunkel, wo sich der Krach so verdichtete, dass man ihn mit Händen hätte greifen können.

"Wir werden hier, an der Wand, vier Haken oben und vier Haken unten anbringen; da kommt die Gasuhr hin, draußen", sagte der Chef.

"Was für eine Art Haken werden Sie anbringen?", platzte ungewollt die Frage aus mir heraus.

"Solche, wie sie angebracht werden müssen. Eben, die, die nötig sind, halbzöllige Hoferhaken." Und schon nahm er aus irgendeiner Kiste ein Eisenstück heraus, um es mir zu zeigen.

Der andere Monteur stand hinter meinem Rücken und atmete laut.

"Dieses Ende des Hakens werden wir in die Wand hämmern", sagte der Meister, "und, Sie sehen, das andere Ende ist so gebogen, damit es das Gasrohr halten kann. Verstehen Sie?"

"O ja", sagte ich, das Eisenstück anstarrend. "Bestens."

"Bis Mittag wird die Arbeit erledigt sein, ganz sicher", sagte er. "Ganz gewiss", fügte der andere hinzu. "Vielleicht wird es früher, aber, wenn Liptak nicht mit der großen Bohrmaschine kommt, in dem Fall verspäten wir uns vielleicht." "Warum sagst du das?", schrie der Chef ihn wütend an.

"Warum sollte Liptak nicht kommen?" Offenbar konnte er vor Ungeduld kaum an sich halten.

"Na gut, gebt euch Mühe", besänftigte ich den Chef und ging weiter.

Sie begleiteten mich bis zum Treppenabsatz.

"Alles wird bis Mittag fertig werden", versicherte der Meister. "Vielleicht wird es früher, doch verspäten werden wir uns auf keinen Fall. Bitte kontrollieren Sie uns, wenn Sie es wünschen."

"Gut, gut", sagte ich. "Adieu! Doch gebt euch Mühe."

"Bis Mittag auf jeden Fall!"

Wie jeden Tag, so beobachtete die Pförtnerin mich auch jetzt heimlich. Ich hasse diese Frau aus tiefster Seele. Wann auch immer ich an ihrer Pforte vorübergehe, lehnt sie ihr Gesicht an das Glas des Fensters. Ihre Haut läuft wie weicher Teig auseinander und mit Schlangenblick wartet sie, bis ich verschwinde. Ich grüße sie nur mit einer Handbewegung. Wegen des Maschinenlärmes und dem geschlossenen Fenster hätten sie nicht einmal ein gebrülltes Grußwort verstanden.

An diesem Tag passiert nichts, nur dass man die Nachmittagslieferung für zwei Uhr versprach und es schon sechs war, als sie ankam. Ich ärgerte mich darüber nicht. Ich legte mich in das Lager und schlief traumlos. Hier konnte ich mich vor dem Schwarzhaarigen im Wams in Sicherheit fühlen. Es war vielleicht schon abends um acht, als ich die Arbeit beendete. Und weil ich mich nicht müde fühlte, entschied ich, nicht sofort nach Hause zu gehen, sondern in dem Nieselregen zu spazieren, bis ich schläfrig werde. Vielleicht glückt es mir, den Mann im Wams aus dem Weg zu gehen. Ziellos irrte ich auf den menschenleeren Straßen umher, doch ich ermüdete nicht. Es brach schon der Morgen an, als ich anfing zu frieren. In einem mir unbekannten Seitengässchen fand ich ein Restaurant. Eine typische Frühmorgenkneipe; hinter dem Fenster, wie in einem Aquarium, Marktweiber, Transportarbeiter, Nutten und Vagabunden, die wie Fische das Maul öffneten, gähnten und obszön lachten, was man aber durch die dicke Scheibe nicht hören konnte.

Ich ging hinein. Eine Menschenmenge quirlte drinnen mit wildem Gesumm durcheinander. Ich fand nur schwer einen Sitzplatz. Ich starrte vor mich hin. Ich erblickte einen Mann im Regenmantel. Als ich meinen Blick auf ihn richtete, senkte er den Kopf, doch mir war klar, er hatte mich bis zu diesem Augenblick beobachtet. Er kam mir bekannt vor.

Ich bestellte eine Bohnensuppe. Sie war heiß und ein wenig versalzen, schmeckte mir aber trotzdem gut. Danach nippte ich an einem Wein. Ich sah wieder zu dem Mann im Regenmantel hinüber. Er entspannte seinen Hals. Ich erkannte die Bewegung wieder. Es war der Schwarzhaarige, doch weil der Regenmantel das Wams verdeckte, hatte ich ihn nicht gleich wiedererkannt. Seltsam, dieses Treffen, das nicht im Traum stattfand. Ist er es wirklich? Ich dachte, es sei gut zu ihm hinzugehen und ihn um einen Stift zu bitten. Wenn er den goldenen Stift herausnimmt, dann sind er und die Traumgestalt identisch.

Ich erhob mich und ging los durch die Menge. Plötzlich tauchte vor mir ein Gesicht auf. Der Kellner. "Wünschen Sie etwas?" Die Frage traf mich unerwartet. "Nun... ich habe keinen Wunsch... nur... darf ich um einen Stift bitten? Ich wollte ihn von jemand ausleihen."

"Bitte setzen Sie sich wieder, ich werde gleich einen Stift bringen", sagte er, doch so, als wäre er im Begriff mir Gold zu überreichen.

Mich hindurchwindend, kehrte ich zu meinem Platz zurück. Unterwegs drehte ich dem Mann im Wams einige Momente lang den Rücken zu. Und als ich wieder nach ihm sah, hatte er schon das Weite gesucht. Nun, ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber wenigstens ist es nicht auszuschließen: ob ihm der Kellner ein Zeichen gab, er möge verschwinden? War es so? Es ist nun schon ganz gleich. Ich hatte keine Lust nach Hause zu gehen. Es war sechs Uhr morgens. Um neun muss ich die neue Lieferung annehmen und wenn ich Glück habe, werde ich schon um elf Feierabend haben. Erst dann gehe ich heim, dachte ich. Bis um neun schlafe ich wieder im Lager.

Ich ging nachmittags nach Hause. Die Maschinen draußen liefen ausnahmsweise nicht. Nur die Steinsäge. Lang hin und lang her, monoton, Nerven aufreibend. Klar, die Pförtnerin beobachtete mich heimlich, ihr Gesicht an die Fensterscheibe pressend. Doch dann, vielleicht weil ich nicht ausgeschlafen hatte oder wegen des Gesumms im Imbiss, das ich nicht aus meinem Gehirn vertreiben konnte, wurde mir ganz wirr im Kopf und ich fühlte, es nicht länger aushalten zu können. Nein und nochmals nein. Ich werde ihr mit der Faust ins Gesicht schlagen. Aber als ich das Fenster erreichte, öffnete sie unerwartet. Ich wurde vernünftig. So - wenn ihr Gesicht nicht wie Teig auf der Scheibe zerläuft - ist sie nicht mehr so ekelhaft und...

"Wünschen Sie etwas?", fragte sie.

"Nun... ach was... aber... die Monteure? Haben Sie die Arbeit schon beendet?"

"Ja, ja", sagte sie und zwinkerte. "Der Herr Oberrat ist soeben nach oben gegangen. Und die Monteure, sie sind schon gestern Nachmittag weg gegangen. Es ist alles in Ordnung. Die Gasuhr ist schon draußen."

"Na gut", sagte ich und ging los zum Treppenaufgang. Wie ich schon erwähnte, liefen die Maschinen nicht, nur die Steinsäge. Lang hin und lang her, in monotoner Weise. Ihr Lärm drang in das halbdunkle Treppenhaus. Aber das heisere Röcheln hallte seltsam wider. Das Echo hörte sich schleimiger an als das originale krächzende Schneiden der Säge, auch der Rhythmus wich ab. Ich hatte geglaubt, die Akustik des fassförmigen Treppenhauses treibe dieses Spielchen, doch als ich die Wendung erreichte, erblickte ich einen Mann. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und keuchte. Er röchelte asthmatisch, und dieses Geräusch suggerierte mir, es sei das Echo der Steinsäge. Wieder überschwemmte Wahnsinn mein Hirn. "Habt ihr euch also auch verdoppelt?", flüsterte ich, mich empörend. "Seid ihr also zwei? Lang hin und lang her?"

Ich erreichte ihn. Ich hielt in drohender Gebärde vor ihm an. Es war der Oberrat. Wie ich in dem Halblicht erkennen konnte, keuchte er mit errötetem Gesicht, mit weit aufgerissenem Mund.

"Fühlen Sie sich unwohl", fragte ich ihn, mich selbst in einem Gewaltakt beruhigend. Er konnte noch nicht reden, gab nur ein Handzeichen. Ich nahm die schwere Aktentasche aus seiner Hand. Als ich ihn helfend stützen wollte, lehnte er ab und schickte mich mit einer Geste der Hand vornweg. Er folgte mir heiser röchelnd nach. Wir erreichten seine Tür, an jener Ecke, wo gestern die Monteure gearbeitet hatten.

Während der Nachmittage beleuchtet ein Sonnenstrahl, der sich zwischen Schornsteinen, Mauern und Fenstern hindurchwindet, mühselig die Ecke.

"Dr. Akos Jasper, Oberrat"

Ich hatte sein Namensschild schon ein anderes Mal gesehen. Ich hatte wollte schon mehrmals die Absicht ihn hinsichtlich meiner Angelegenheit um Rat zu bitten, doch bei dieser Gelegenheit wollte ich ihn nicht belästigen. Hier draußen, beim Türpfosten, hing die neue Gasuhr. Sieh an. Darum hämmerten die Monteure gestern hier herum.

Der Oberrat holte seine Schlüssel aus der Tasche. Selbst jetzt konnte er noch nicht sprechen. Stark keuchend winkte er mir, ich solle mit ihm hinein gehen. Ich dachte, er brauche weitere Hilfe und folgte ihm. Er führte mich in ein Zimmer. Dort herrschte große Unordnung. Auf dem Tisch Zeitungen, Bücher, Vasen, Tablettenschachteln, eine uralte Maschine zum Kaffeekochen, ein Haufen wertloser, chaotisch verstreuter Krempel. An der abgeblätterten Wand stand ein nicht gemachtes Bett. Trotz der verschlossenen Fenster nahm ich einen Fäulnisgeruch wahr.

Er winkte mir zu, ich solle mich setzen. Die Aktentasche stellte ich zwischen einem Koffer und einem Paar abgetragener Schuhe in eine Ecke und setzte mich. Auch er warf sich in einen Sessel. Mit einer Geste bat er mich um Geduld. Den Lärm der Steinsäge hörte man hier durch das offene Fenster und die weiter unten befindliche Wohnung viel stärker als bei mir. Lang hin und lang her, monoton, zum Wahnsinn treibend. Sie röchelten gemeinsam, die Säge und der Rat. Nur ihre Rhythmen unterschieden sich. Was denken Sie sich? Wie lange werde ich das aushalten können? Dieses zweistimmige Geräusch versetzte mein Hirn in zuckenden Aufruhr. Ich presste in meiner Tasche die Schlüssel zusammen, wartete auf ein Zeichen oder einen Auslöser, um das Entsetzliche aus mir herauszuschleudern. Doch nichts. Ich warf mich resignierend nach hinten in den Sessel. Abgestumpft sah ich mich um. Warum lässt er mich nicht gehen? Nach einiger Zeit hörte er langsam auf zu keuchen. "Verfluchtes Asthma", sagte er blechern. "Wenn das Wetter so launisch ist wie jetzt, wirft es mich um." Er schwieg einen Moment. "Für den Transport", er deutete mit der Hand auf die Aktentasche, "zahle ich mit einem Gläschen Schnaps", sagte er scherzend. "Einverstanden?"

Ich ließ ihn gewähren.

Er nahm sich von irgendwoher zwei Gläschen und goss ein.

"Und das Asthma?", fragte ich. Mit einer Geste der Resignation deutete er an, es sei ihm egal.

Danach erzählte ich ihm von meiner Angelegenheit, wegen der ich ihn schon lange besuchen wollte. Scheinbar besserte sich sein Wohlbefinden ein wenig von dem Schnaps, weil er mir überraschend klare Ratschläge gab. Als er mit dem rhythmischen Röcheln aufhörte, erschien er mir schon beinahe sympathisch.

Wir trennten uns fast wie Freunde, als ich mich von ihm verabschiedete. Später ließ man wieder die Maschinen auf der Straße anlaufen, und doch glückte es mir einzuschlafen. Ich schlief lange und tief. Es schien mir, als wären Monate in bodenloser Finsternis vergangen. Es war vielleicht schon in der Nacht, als der Schwarzhaarige mit dem offenen Wams wieder erschien. Er blätterte und klopfte mit dem offenen Stift auf den Schreibtisch. Plötzlich richtete er seinen Blick auf mich, und nun sagte er, ausnahmsweise nicht zerstreut, sondern sogar nachdenklich: "Ich werde es notieren... bestimmt werde ich es notieren...", er entspannte den Hals. "Nun ja. Vielleicht fehlt ein ungewöhnlicher Anlass, auf den Zeitpunkt bezogen, aber vielleicht haben sich die Argumente dafür angesammelt... nun, vergeblich. Jedoch, es ist Zeit."

Ein starker, geheimnisvoller Trieb packte mich. Äußerst wichtig in diesem Zusammenhang ist nur, dass ich nicht weiß, geschah es wirklich so oder spielte nur meine Fantasie mit mir? Es ist nicht einmal sicher, ob ich überhaupt aufgewacht bin. Ich erinnere mich an die Dunkelheit, an die tiefe, totenstille Dunkelheit. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich warf nur einen Mantel über die Schultern, selbst die Schuhe ließ ich da. Ich schlich mich hinaus in das Treppenhaus. Die Wände abtastend, eilte ich nach unten. Das Geräusch der Steinsäge drang fortwährend ein. Und diesmal antwortete ihm von drinnen überall ein monotones Ticken. Die Gasuhr des Rates. Ich ging in die Ecke. Mein Finger suchte tastend den Gashahn. Ich drehte ihn herum. Das Ticken hörte auf. Ich wartete etwas, bis die Gasflamme drinnen mit Sicherheit erloschen war. Dann drehte ich den Verschluss zurück. Die Gasuhr fing wieder an zu ticken. Da - schon strömte das Gas frei und ohne Flamme aus. Schnell, aber äußerst gelassen, ging ich zurück in meine Wohnung. Geräuschlos schloss ich die Tür und legte mich danach wieder hin. Ich fühlte es, war mir sogar gewiss, ab nun wird mein Schlaf ungestört verlaufen. Am nächsten Tag kam die letzte Lieferung um vier Uhr an. Als ich nach Hause ging, war es ungefähr sechs. Die Pförtnerin betrachtete mich natürlich durch die Scheibe. Sie winkte mir, zu ihr zu kommen.

Nun, mein Herr... der Oberrat ist gestorben. Er hat sich umgebracht. Mit Gas. Jetzt sind alle möglichen Polizisten gekommen. Sie haben hartnäckige Befragungen durchgeführt und es ist möglich, dass sie auch Sie verhören werden, doch sagen Sie nichts. Ich habe ihnen nicht erzählt, dass Sie häufig den Rat besuchen."

"Aber meine Dame", wollte ich zornig widersprechen, " ich habe ihn nur einmal besucht..."

Sie ließ mich nicht ausreden. "Sie dürfen sich auf keinen Fall in diese Angelegenheiten einmischen. Nein! Verstehen Sie mich?" Und sie zwinkerte mir wie eine Komplizin zu. Plötzlich schloss sie das Fenster, damit andeutend, jedes weitere Wort sei überflüssig.

Der Teufel hole dieses Weib. Jawohl, die Polizei macht mir keine Angst. Ich lief nach oben, um die Kleider zu wechseln und ging dann wieder hinaus.

Der Polizeipförtner erklärte: "Sie haben Glück, just der Offizier, der sich mit der Angelegenheit beschäftigt, hat jetzt Dienst. Sonst hätten Sie morgen am Vormittag wiederkommen müssen."

Im Befragungsraum sagte ich zu dem Offizier, ich sei wegen der Angelegenheit Jasper gekommen.

Er meinte, es sei anständig von mir und er werde gleich die Schriftstücke über die Sache heraussuchen. Er setzte sich mir gegenüber hinter seinen Schreibtisch. Er hatte ein offenes Wams an. Er klopfte zerstreut mit dem Stift auf den Tisch und blätterte zwischen den Schriftstücken. Mit einem Ohr lauschte er der Stimme des Fernsehers, die aus dem Nachbarzimmer hereindrang.

"Nun, die Angelegenheit ist bereits abgeschlossen", fing er nachdenklich an. "Doch wir werden natürlich alles... wir werden alles notieren. Natürlich..."Aus dem Nachbarzimmer hörte man Applaus und Pfiffe. Plötzlich schrie der Offizier: "Was ist, Anja?"

"Der Türke ist besiegt."

"Grandios", sagte der Offizier und wandte sich dabei an mich.

"Passen Sie auf, was ich Ihnen sage: Wir werden unter den Gewinnern sein. Dieser Türke ist der Gefährlichste. Jetzt sind ein Engländer und ein Brasilianer dran, die... Aber wissen Sie, was wir tun sollten? Gehen wir ins Nachbarzimmer. Sie können auch dort über Jasper erzählen. Sicherlich ist das nächste Paar auch für sie interessant."

Das Fernsehbild zeigte eine Sporthalle.

"Was ist? Wer ist denn dran?", fragte der Offizier Anja.

"Der Spanier gegen den Italiener."

"Na, das wird nicht sehr interessant. Obwohl, wenn der Italiener gewinnt... doch eine Chance hat er wohl kaum... oder?" Er wandte sich mir zu und klopfte mit dem Stift auf seine Handfläche.

"Hmm, ja, ja", sagte ich verlegen.

"Was wollten Sie über Jasper erzählen?", fragte er und entspannte seinen Hals.

"Nun, ich will... was ich sagen will, ist nur eine Vermutung. Die Gasuhr ist draußen, Sie haben es sicherlich bemerkt..."

"Ja, ja", sagte er und stierte zum Fernseher.

"Nun, die Gasuhr könnte jeder, egal wer, für einen Moment ausschalten, danach wieder einschalten und..."

"Grandios! Anja, pass auf! Der Italiener ist ein Gauner. Er ist ein Gauner, hol ihn der Teufel... also, was sagen Sie über die Gasuhr?"

"Sie kann von draußen abgeschaltet werden."

"Bitte warten Sie einen Moment. Ich werde gleich die Akten herbeibringen." Er ging in das Nachbarzimmer zurück. "Die Wahrheit ist", er kam zurück, "wenn der Spanier siegt... o je, wie kompliziert! Ich werde nun das Protokoll lesen, mein Herr, bitte geben Sie Acht. Dieser Jasper hatte unheilbares Asthma. Und er hat schon einmal versucht, sich mit Gas umzubringen. Sie sagen über diese Gasuhr... vielleicht... jedenfalls notieren wir das. Bitte Ihren Namen... und die Adresse... na, nein, Ihre Adresse ist ja die gleiche wie die von Jasper. Hol's der Teufel. Wenn der Spanier siegt... was sagst du Anja?"

"Wir werden bestimmt unter den Siegern sein", sagte Anja.

"Nein, nein. Was sagst du über diese Gasuhr?"

"Ja, ganz bestimmt", sagte Anja.

"Na, kann sein", sagte der Offizier wieder zu mir. "Wir werden die Angelegenheit prüfen. Ich notiere es. Bestimmt notiere ich es. Doch jetzt..." Er stand auf, um mich zu verabschieden. "Ich werde Sie informieren. Bitte dort entlang. Auch durch diese Tür geht es hinaus. "Im Korridor, auf der Bank, saßen drei Männer. Sie tauschten sich leise über etwas aus.

Also, ich behaupte nicht, dass es so war, leicht kann ich mich irren. Doch was wäre, wenn dort auf der Bank der Schwarzhaarige im Wams und die zwei Monteure saßen? Was wird dann? Ich habe Sie ja nicht genau angesehen. Mit Absicht habe ich es nicht getan. Warum diese Sache...

Ich verstehe die Sache nicht. Doch ich fühlte, das Ganze erzählen zu müssen.

Ab und zu habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr verstehe...


PS:

Übersetzung aus dem Esperantoerzählband "Lappar, la antikristo" von Endre Toth