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Endre Toth
Die Grotte


Herr Don bemerkte ein gedämpftes Licht. Er wusste nicht, ob es aus der Außenwelt hereindrang und damit auf das Ende des Grottenganges hinwies, oder ob das Licht nur die Augen täuschte. Aber als er sich näherte wurde ihm klar: das Licht kam aus einer Seitenhöhle. Ein hagerer Mann saß dort auf dem Fußboden mit übereinander geschlagenen Beinen und starrte auf die Flamme einer Kerze, die fast heruntergebrannt war. Herr Don freute sich und auch wieder nicht. Vielleicht weiß der Fremde über die Grotte Bescheid und kann als Führer behilflich sein. Doch gleichzeitig störte er das Gefühl vollkommener Einsamkeit, das Herr Don so noch nie erlebt hatte. Auf leisen Sohlen wollte er unbemerkt am Eingang der Seitenhöhle vorübergehen, aber eine geheimnisvolle Kraft zwang ihn dazu, es nicht zu tun. Er grüßte den Fremden. Dieser bat mit einer Geste um Schweigen.

Auf dem Wege zu dieser Stelle hatte Herr Don in der tiefen Finsternis nur hin und wieder ein Streichholz angebrannt. Er spürte ja einen milden Lufthauch, der nur von der Außenwelt stammen konnte. Und er wusste, wenn er ihm beharrlich entgegenmarschiert, kommt er sicher aus dem Grottengang heraus. Er brannte einige Male nur deshalb ein Licht an, um sich an dem Schauspiel zu erfreuen, das ihn umgab. Die Felsenwände waren überall von winzigen Kratern, kleinen Vorsprüngen, Ritzen und Ähnlichem bedeckt. Diese hier wiesen sogar schreiende Farben auf. Herr Don hatte das Gefühl, als wäre er auf einer Ausstellung abstrakter Kunstwerke angelangt. Das Schauspiel erinnerte an eine Reliefkarte, als wenn die Farben in einer Wechselbeziehung zu den Kratern und Vorsprüngen stünden. Niemals hatte er etwas Ähnliches gesehen. Ob er die Farben genoss? Oder weckten sie nur seine Neugier? Er hätte es nicht sagen können. Er blieb jedoch von Zeit zu Zeit stehen und starrte die Wände an, bis zum Verlöschen des Streichholzes. Er ging auch an Seitenvertiefungen und Höhlen vorüber, und wenn er ein neues Licht entzündete, konnte er feststellen: der Anblick in ihnen wich nicht von den anderen ab. Doch er marschierte beharrlich gegen den schwachen Windzug, um die Außenwelt zu erreichen. Er wusste nicht, wie viel Zeit im Voranschreiten verflossen war. Das Schweigen und die Stille, die ihn umgaben, senkten sich so tief in ihn, dass sein Zeitsinn aufgehört hatte zu funktionieren. Unterdessen begann das Kerzenlicht des hageren Fremden kurz aufzuflackern und brannte dann ganz ab. Herr Don dachte, er müsse etwas sagen, doch ihm fiel nichts ein. Er hörte jedoch wie der Fremde in der Dunkelheit aufstand und sich näherte.

"Kommen Sie herein, wenn es Ihnen beliebt."

Herr Don ging zögernd los. Er fürchtete mit dem Fremden zusammenzustoßen. Dieser aber ergriff Herrn Don am Arm und führte ihn in die Höhle, die so groß war wie ein Zimmer.

"Sie scheinen sich hier bestens auszukennen", murmelte Herr Don verlegen.

"Ja. Ich verbringe hier jeden Tag viel Zeit."

"Betrachten Sie hier immer wieder die Figuren und Vorsprünge an den Wänden?"

"Ganz und gar nicht. Ich schaue in das Licht. In die Flamme einer Kerze."

"Warum?"

"Wenn das Licht verlischt, wird die Dunkelheit viel tiefer. Kennen sie das Gefühl nicht?"

"Na ja", sagte Herr Don, "doch das könnten Sie auch zu Hause durchführen."

"Ja, aber denken Sie an die Stille. Diese Wände, bedeckt mit eigensinnigen Reliefs, erzeugen eine Akustik, wie man sie ähnlich nirgends finden kann."

"Stimmt", sagte Herr Don ohne überzeugt zu sein, aber Sie haben sicherlich schon bemerkt wie die Wände, die Sie umgeben, beschaffen sind, nicht wahr?"

"Selbstverständlich."

"Ist Ihnen nicht klar, dass sich das alles hier natürlich herausgebildet hat, oder ist es doch etwas künstlich Geschaffenes?"

"Es ist künstlich und nichts Natürliches. Es ist eine Schrift, Mitteilung, Botschaft. Verstehen Sie es wie Sie wollen."

"Nie hätte ich das geahnt", sagte Herr Don, " es ist ein seltsamer Gesichtspunkt. Niemals habe ich etwas Geschriebenes gesehen, das diesem glich. Welches sind die Buchstaben? Die Vorsprünge oder die Farbflecke?"

"Sowohl als auch. Wenn ich noch eine Kerze hätte, erklärte ich es Ihnen ein wenig."

"Ich habe Streichhölzer. Soll ich eines anzünden?"

Beim Licht des aufflammenden Streichholzes begann der Fremde: "Sehen Sie! Dort ist ein schwarzer, quadratischer Fleck. Vernachlässigen wir nun die Vorsprünge, sprechen wir nur von der Form. Nun, es ist kein regelmäßiges Quadrat. Nur so ähnlich. Wenn es regelmäßig wäre, dann hieße es: Geier."

"Um es genauer zu sagen, es ist kein Buchstabe, sondern eine Art Ideogramm."

"Kann man sagen", stimmte der Fremde zu, "doch sehen Sie, die linke Seite neigt sich nach unten, so bedeutetet es: sich ausrenken. Außerdem hat es an der rechten Seite einen dreiecksähnlichen Auswuchs. Wenn wir auch das in Betracht ziehen, dann heißt es: ein Brunnen neben einem Waldweg."

"Es scheint mir ein wenig kompliziert."

"Ja, äußerst kompliziert. Kaum erlernbar. Talentierte eignen es sich in fünfzehn bis zwanzig Jahren an. Weil ich selbst, sagen wir mal, kein großes Talent habe, eignete ich es mir in dreißig Jahren an. Ich verstehe schon vollkommen jede Botschaft." Unterdessen brannte das Streichholz ab, doch der Fremde fuhr fort: "Und ich muss hinzufügen, es gibt Kollegen", er flüsterte es fast, "die sich sechzig Jahre lang quälen und einer von ihnen sogar dreiundsechzig Jahre und noch nicht... o weh!"

"Bei Gott!", sagte Herr Don, "so viel Zeit hier in der Grotte verbringen?" "Hier in der inneren Welt verläuft die Zeit ganz anders als in der Außenwelt."

Sie schwiegen eine Zeit lang.

"Nun, Sie haben mir das mit dem schwarzen Quadrat bereits erklärt", begann Herr Don zu sprechen, "aber wie weiter? Wie muss man weiter lesen? Vertikal? Oder horizontal?"

"Man kann in beliebiger Richtung lesen. Horizontal, vertikal, parabel - oder hyperbelförmig, es ist ganz gleich. Die Schrift hat Sinn in jeder Richtung. Sie hat sogar einen mehrfachen Sinn. Man kann sie selbst umhergehend lesen. Na, offenbar sind dazu aber nur Meister fähig."

"Ich habe noch Streichhölzer. Wollen Sie bitte so gut sein und noch etwas lesen?"

"Gern", sagte der Fremde. Und als das Licht aufleuchtete, fing er sofort an: "Der große Vogel näherte sich mit einem Olivenzweig im Schnabel langsam dem Schilf und ließ den Zweig fallen. Hat man hier gewartet? Oder nicht? Wer weiß? Zwischen den vertikalen Schilfrohren zeigte sich so etwas wie ein Schwarm. Was sich da bewegte, kann man nicht wissen, aber es hat auch keinen Zweck es zu wissen, denn wissenswert ist nur, was..."

Leider brannte das Streichholz zu Ende, wenn auch Herr Don sich äußerst gern darüber informiert hätte, was wissenswert sei.

"Sagen Sie", begann er zu sprechen, "wäre es nicht möglich, den Inhalt der Botschaft in eine gewöhnliche Schrift zu übertragen, damit sie für alle verständlich wird?"

Der Fremde fing an zu lachen: "Mann! Verstehen Sie nicht? Die Lesevarianten der Schrift sind unendlich viele. Richtiger gesagt: Weil die Zahl der Konjugationen und Deklinationen unendlich ist, ist die Zahl der konkreten Varianten unendlich mal unendlich. Von dieser ziemlich kleinen Höhle könnte man mit gewöhnlichen Buchstaben so viele Bücher schreiben, dass sie eine riesige Bibliothek füllten. Aber warum? Man muss diese Schrift lesen, so kann man die Botschaft lesen. Aber warum sollte es tatsächlich so wichtig sein, sie zu lesen?"

"Was sagen Sie da?" Herr Don war überrascht. "Pflegen Sie nicht die Botschaft zu lesen?" "Während der langen Jahre des Lernens verschaffte ich mir den größten Teil der Botschaft. Danach bleibt keine Zeit mehr dafür. Wenn man hier in der Dunkelheit sitzt, in dem gewaltigen Schweigen, muss man auf die innere Welt seines Schädels acht geben. Verstehen Sie? Eben dafür dienen alle Grotten hier. Der Dunkelheit und dem Schweigen. Sie sind das Wesentliche. Hier kann man seine eigene Höhle entwerfen und zu Ende führen. Gerade jetzt mache auch ich es so. Ich entwerfe meine Botschaft." Der Fremde schwieg eine Weile und sprach dann weiter:

"Lächerlich. In eine gewöhnliche Schrift übersetzen? In eine Schrift, die für alle verständlich sein soll? Gibt es eine Schrift, die verständlich ist für alle? Und bedenken Sie, diese Höhle ist nicht nur für eine Botschaft da, sondern, sie führt die übrigen Botschaften fort, die die anderen in den anderen Höhlen und im Grottengang fortführen. Alle Botschaften stehen in Wechselbeziehung. Eine führt die andere fort. Ich gebe Ihnen einen Vergleich: Denken Sie daran, die innere Welt Ihres Kopfes wird von der inneren Welt meines Kopfes fortgeführt. Oder umgekehrt: Sie fragen und dadurch gerät meine innere Welt in Abhängigkeit. Ob ich antworte oder nicht, Sie haben ganz gewiss gefragt. Und durch diese Tatsache hängen wir schon voneinander ab. Auf die gleiche Weise sind der Grottengang, die Höhlen und die Vertiefungen gegenseitig abhängig. Es sind so viele Botschaften, wir bräuchten sogar dann noch Jahre, wenn wir nur einmal durch den ganzen Gang schritten und sagen wir mal, dabei nur in horizontaler Richtung lesen. Selbst dann würden vielleicht Jahre vergehen, ehe man das Ende erreichte. Nein, nein, mein Herr. Eine einzige Sache lohnt getan zu werden: Die Schrift zu Ende erlernen, hinterher muss jeder seine eigene Höhlenbotschaft entwerfen." "Verzeihen Sie die Frage", begann Herr Don zu sprechen, "ist Ihre Höhle fertig?" "Ja, ich kann hoffen, sie wird bald fertig sein. Nun, es versteht sich, das Verfeinern der Details... doch leider, ich muss jetzt gehen."

"Haben Sie es sehr eilig?", fragte Herr Don. "Könnten Sie nicht noch ein wenig lesen, nur für die Dauer eines abbrennenden Streichholzes?" "So viel Zeit habe ich noch", sagte der Fremde. Das Streichholz flammte auf und der Fremde fing an: "Die schwarze Balustrade versank zusammen mit der Terrasse im Schlamm. Zwischen ihren kleinen Säulen schwammen Fische hin und her. In der Steinvase, in der früher immer Blumen steckten, verbarg sich nun eine Hydra, die mit ihren fünf ausgestreckten Armen die vier Himmelsrichtungen in Frage stellte. Das grandiose Eichentor des Palastes brach aus seinen Angeln. Von den Algen, die es bedeckten, war es glitschig geworden. Hin und wieder stiegen Luftbläschen aus dem Wasser nach oben, wie winzige Freudenbotschaften von da, aus der weisen, schweigenden Welt unter Wasser. Ein mächtiger Pfosten brach in der Mitte durch und gähnte wie ein gigantisches Maul. Diese Welt ist verlockend durch das Rätselhafte an ihr, und dennoch...". Leider verlosch auch dieses Streichholz. Herr Don ließ sich zerstreut von dem Fremden an den Arm nehmen, der mit ihm in der Dunkelheit loslief. "Kommen Sie mit mir! Ich werde Sie in die Außenwelt führen. "Der Fremde ging los, jedoch nicht, wie Herr Don es erwartete, dem Lufthauch entgegen. Aber, als der Mann seinen Arm berührte, fühlte er eine seltsame Sicherheit. Umsonst würde er sich bemühen, dieses Gefühl zu beschreiben. Noch während er darüber nachdachte, sah er bereits wie sich dessen Figur in die Dunkelheit einfügte. Ein grünes Dreieck. Wie kann man es ausdrücken?

Was sagte der Fremde? Wenn man kein großes Talent hat, dauert das Lernen dreißig Jahre. Also hat er Zeit, eine kleine Höhle zu entwerfen, die nicht größer als eine Faust ist. Und sie würde das grüne Dreieck beinhalten. Welche Bedeutung hätte es?

Eine Möglichkeit?

Hoffen?

Eine Chance?

?

Übersetzer: Hans-Georg Kaiser, aus "Lappar, la antikristo" de Endre Toth



LAPPAR, DER ANTICHRIST

Endre Toth

Erzählungen aus dem Esperanto

übersetzt von Hans-Georg Kaiser

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