Armure 16éme; Musée des beaux arts de Dijon

Wie sollte es auch anders sein, als ich geboren wurde, freute man sich bestimmt darüber, dass ich ein Junge war. Und als männliches Kind hatte ich ganz selbstverständlich eine Affinität zu Helden wie Superman, Batman, Donald Duck, Ritter, Cowboy und Indianer. Nur Fußball hat sich mir nie erschlossen und somit kann ich keine Fußballstars der Vergangenheit als Helde nennen. Mir leuchtete es auch später nicht ein, wie man Fan eines Fußballvereins sein kann, der 800 km weit weg ist und einem anderen Verein der gleichen Liga, der nur 250 km entfernt sein Stadion hat, nichts abgewinnen kann nur weil er kein deutscher Verein ist. Dabei hätte man mit den dort lebenden Menschen wahrscheinlich viel mehr gemeinsam, wenn nur diese dämliche nationale Brille nicht wäre. Das mein anfängliches Unverständnis für Fußball und seine (Profi-)Vereine mittlerweile zu einer Aversion mutiert ist, hat andere Gründe. Die gerade abgelaufene UEFA Perversion brachte eine weitere Kausalität für meine persönliche Aversion.

Jemand in meinem Alter, der wie ich, ziemlich grenznah aufgewachsen ist, wird früher oder später festgestellt haben, dass sein Lebensraum - oder besser Entwicklungsraum - etwas eingeschränkt ist. Bei denen, die das an der damaligen innerdeutschen Grenze erlebt haben, war der Effekt ganz sicher viel schlimmer. Es liegt nicht unbedingt an einem selber, denn ich wage zu behaupten, dass Kinder und junge Jugendliche wesentlich aufgeschlossener und neugieriger Dingen gegenüber sind, die sie nicht kennen als junge Erwachsene und Ältere. Nun, dem Jugendlichen an der innerdeutschen Grenze fehlte ganz deutlich ein halber Radius seines Raumes. Die Grenze war zu. Wir zumindest nutzten die Chance, Alkohol, Kaffee und Zigaretten dort zu kaufen, wo es günstiger war, nämlich kurz hinter der Grenze in den Niederlanden. Über die Grenze zu fahren, war - wenn man gewisse Formalitäten einhielt - meistens problemlos. Die Rückreise allerdings auch um so spannender. Man stelle sich einen ausgesonderten VW Käfer der Deutschen Bundespost vor, besetzt mit drei langhaarigen Typen, deren Erscheinungsbild wahrscheinlich nichts Gutes vermuten lies und der zu allem Überfluß am Heck einen Aufkleber der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD, JuSos) in Form einer roten Rose und dem Schriftzug "Jugend für Sozialismus" hatte. Obwohl damals die SPD mit Bundeskanzler Helmut Schmidt den Kanzler stellte, winkte uns der deutsche Zoll an der Grenze heraus und durchsuchte unser Fahrzeug. Glücklicherweise hatten wir diesmal die maximale zollfreie Menge an Tabak und Alkohol eingehalten und stiegen selbstverständlich ohne Murren aus dem Fahrzeug aus. Alles war gut - dachten wir - gleich würde es weiter gehen. Dann fand der nette ältere Herr vom Zoll irgendwo unter dem Sitz das Mundstück einer Pfeife, von dem wirklich keiner von uns wusste. Das quitierten wir ahnunglos mit Achselzucken und saßen ab da geschlagene drei Stunden fest. Solange hatte es gedauert, bis der angeforderte Drogensuchhund vom nächsten Hauptzollamt heran geschafft wurde und das Auto durchgeschnuppert hatte. Natürlich hatte der nichts gefunden - wir hatten zwar nichts gegen Spirituosen die man mit süßer Limonade mischen konnte und drehten unsere Zigaretten damals selbst - aber Drogen wie Gras oder noch schlimmeres? Das war absolut nie unser Ding gewesen. Nun denn, nach dem Erlebnis wurde der alte Postkäfer jedesmal geputzt und durchgesaugt, wenn wir in die Niederlande fuhren. So verlief unser Leben nahe der Grenze ziemlich nett - aber mehr auch nicht. Da war diese Grenze und später bei jeglicher beruflichlicher Ausbildung orientierten wir uns weit nach Deutschland hinein, weil uns auch hier ein ganzer Halbkreis fehlte. Die niedersächsische Landesregierung in Hannover gab sich Europäisch, aber an einen Staatsvertrag mit den Niederlanden z.B. über schulische Ausbildung wie z.B. die deutschen Bundesländer Nordrhein-Westfalen mit den Niederlanden oder Belgien hatte oder Baden-Württemberg mit Frankreich, dachte man im entfernten Hannover nicht eine Minute nach. Ob sie es bis heute geschafft haben?

"Go west", trällerten schon 1979 die US-amerikanische Discoband Village People - ohne den Erfolg den später die Pet Shop Boys mit ihrer Version hatte - aber das war sowieso nicht meine Musik und erst recht nicht der Grund, warum ich durch Neugier getrieben, immer tiefer in niederländisches Staatsgebiet vordrang. Und die erste Erkenntnis, die ich gewann, war banal: Es war wie Zuhause, vielleicht ab und zu etwas anders, doch manchmal auch besser. Die nationale Brille hatte ich schnell verlegt und fand sie nie wieder. Auch wenn die EU damals noch EWG hieß und noch weit von dem entfernt war, was sie heute ist, begann ich mich mehr und mehr als Europäer zu fühlen. Ich lernte die Niederlande kennen, dann Belgien. Während andere noch einen halbmondförmigen Bogen in den Südwesten Deutschlans fuhren und sich dabei durch einen Stau vor dem Nächsten quälen, nahm ich den kleinen staufreien Umweg über niederländische und belgische Autobahnen mit einer Selbstverständlichkeit, die heute noch viele in Deutschland nicht kennen. "Du fährst durch Belgien? Kannst Du denn die Sprache? Was sprechen die da eigentlich? Belgisch?" Es ist ja nicht so, dass ich von lauter dummen Menschen umgeben bin, nein, es ist der spontane Ausbruch erster unreifer Gedanken. Kurz nach dem die Fragen gestellt wurden, weiß der Fragensteller selber, wie blöd die Frage eigentlich ist. Es fehlt die Routine. Aber steckt dahinter vielleicht doch mehr als fehlende Routine?

Gehen wir noch einmal zurück zu unserer Ritterüstung im Musée des Beaux-Arts de Dijon, auch wenn es solche Rüstungen heute in vielen Burgen, Schlössern und Museen gibt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie immer wieder angepasst und "perfektioniert" und damit auch unbrauchbarer. Die letztendliche Sinnlosigkeit einer Weiterentwicklung erlebten die Rüstungen durch die Schaffung neuer Waffensysteme - besonders durch Einführung von Explosivstoffen in der Kriegsführung. Dabei wurden dem Träger nicht etwa Gewicht und Unbeweglichkeit solcher Plattenrüstungen zum Verhängnis, sondern die gnadenlose Hitzentwicklung darunter. So verstarb in der Schlacht von Azincourt 1415 der Herzog von York aufgrund der Hitze, die sich unter seinem Plattenpanzer entwickelte. Das tragen von Rüstungen in Schlachten ging zwangsläufig zurück, aber - wer es sich leisten konnte - die Herstellung von heroischen Prunkrüstungen schien weiterhin Konjuktur zu haben. Sie zierten dann die Waffenkammern in Burgen und Schlösser oder wurden getragen, wenn man für ein Gemälde Model stand. Aber schließlich soll das hier keine Abhandlung über Sinn und Unsinn von Ritterrüstungen werden. Entscheidend ist die Feststellung "...wer es sich leisten konnte". Und das war schon früh so, auch zu Zeiten, als Rüstungen noch dem Schutz dienten. Wer es sich leisten konnte, der war besser geschützt. Und so wie die Rüstungen bald mehr dem Prunk dienten, so verhielt sich auch der Adel, der einmal einer Heerschaft vorstand und nun einer Herrschaft. Und Herrschaft bedeutet Einkünfte. "Mein liebes Volk...", schien so mancher König und Kaiser gedacht haben, "ich hätte da noch ein paar Rechnungen, die ihr bezahlen müsst!" Wenn also die Valois-Herzöge von Burgund ihr Territorium stetig erweiterten, so ging es um Einkünfte. Doch sie taten dies auch mit einem gewissen unternehmerischen Eifer - sie investierten und verdienten und das auch unter einem gewissen Konkurrenzkampf. Sie setzten sich durch und sie machten Zugeständnisse, sie ordneten an und verhandelten auch. Natürlich führt man heute so keinen Staat mehr erfolgreich und auch eine Firma könnte heute so nicht mehr existieren, aber damals waren sie auf dem europäischen Parkett ziemlich erfolgreich. Wesentlich erfolgloser allerdings verlief das Zeitalter des Absolutismus, bis letztendlich die "Wir-von-Gottes-Gnaden" die Köpfe verloren, den Verstand allerdings schon wesentlich früher. Das die, die immer wieder die Zeche zahlen mussten, irgendwann auf die Barrikaden gingen und letztendlich die Bastille erstürmten, war abzusehen.

Wappen Philipp des Guten, niederländisch Filips de Goede, französisch Philippe le Bon (* 31. Juli 1396 in Dijon; † 15. Juni 1467 in Brügge), wohl der Erfogreichste der Burgunderherzöge.

Das Volk stieg also auf die Barrikaden - nicht nur in Frankreich - und stieg wieder hinab. Der dritte Stand hatte den ersten beiden Ständen nicht nur gezeigt, "wo der Hammer hängt" sondern versuchte auch gleich sie zu eleminieren. Von l'État c'est moi bis Ich bin der erste Diener meines Staates war noch ein weiter Weg, auf dem man gerne mal falsch abbog, besonders weil sich viele auch gleich dazu berufen fühlten, l'État zu werden. So wurde nicht nur dem kurz vorher noch amtierenden Adel die Köpfe entfernt, sondern auch gleich alles nieder gemacht, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Dazu gehörten u.a. auch die Grabmähler der Burgunderherzöge in der Kartause von Champmol. Das Thema war danach auch nicht erledigt, bis in die heutige Zeit erleben wir immer wieder, dass dem Mob eines ganz besonders fehlt: Die Differenzierung. In Anbetracht der Dinge, die im Laufe der Geschichte nur Mord, Brandschatzung und Zerstörung als Ergebnis hatten, kann man wirklich nicht mehr an Schwarmintelligenz glauben bzw. das Thema gerne in den Bereich soziologischer Theorien und Wunschvorstellungen verschieben. Es gibt sie in der Praxis nicht: Die Masse ist doof oder etwas eleganter ausgedrückt: Der "kollektiven Weisheit" sind sehr enge Grenzen gesetzt. Denn auch hier bewahrheitet sich schnell, dass einzelne die Richtung vorgeben und eine Menge an Mitläufern erfolgreich um sich scharen, wenn damit das Ansehen steigt oder Sieg und Erfolg wahrscheinlicher werden. Doch es gilt Hanlon's Razor, so gerne man wutschnaubend Schuld verteilen möchte: „Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist“ (englisch: Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity). Oder kürzer: „Geh nicht von Böswilligkeit aus, wenn Dummheit genügt“ (englisch: Never assume malice when stupidity will suffice). Revolutionen versprechen nur kurz eine Verbesserung der Lage und fressen dann schnell ihre eigenen Kinder, wenn nicht gegengesteuert wird. Aber wer ist schon in der Lage einen Damm zu halten, wenn der bereits gebrochen ist. Das gilt sowohl für die Führsprecher wie auch für die Gegner solcher Unternehmungen. Ob nun der Bildersturm während der Reformation in Europa, die Plünderung der Königsgräber von Saint-Denis oder - im Bezug auf Burgund - die Zerschlagung der Herzoggrabmähler in der Kirche St. Benigne in Dijon 1793, nachdem sie aus der Chartreuse de Champmol hierhin überführt wurden, alles zeigt Zerstörungswut ohne Sinn und Verstand und die Zerstörung wertvollen Kulturgutes. Es gibt sicher noch mehr Beispiele. Man mag ja aus der Wut heraus versucht haben, den Zorn auf die Herrschenden zu befriedigen, letzendlich wurden dadurch Meisterwerke, erschaffen durch Hände Arbeit einfacher Leute, zerstört. Wer jetzt noch sagt, man müsse das alles im Kontext der Zeit sehen, dem kann ich nur antworten: "Schau Dich um in den sogenannten Social Medias!"

Doch weiter: Die Herrschenden entmachtet, vom Klerus distanziert, entstanden aus den ehemaligen Herrschaftsgebieten wie Königreiche und Herzogtümer Nationalstaaten. Während Könige ihre Territorien als Einflussbereich durch Kriege vergrößerten oder verkleinerten, was ja eigentlich nicht vorgesehen war - aber wenn etwas vergrößert wird, muss ja etwas anderes dafür kleiner werden - dann musste für die Nationalstaaten etwas anderes herhalten. Was bot sich besseres an, als Erhebung der Nation in sakrale Höhen. Als Ersatz von "Wir-von-Gottes-Gnaden" musste nun der Staat und die Staatsangehörigkeit zumindest einen "religiösen" Anstrich bekommen, was nicht unbedingt die Gründung eines Gottesstaates bedeutet, sondern die "Erhöhung" des Staates und seiner Bewohner in den Stand einer gewissen Heiligkeit, inkl. Heilsorakel wie z.B. Gott mit uns, In God we trust oder Für Gott und Vaterland. Letztendlich mündete dieser Nationalstolz über den Nationalismus in vielen Staaten, im Faschismus oder zeigte zumindest faschistische Bewegungen, die sich letztendlich nicht (mehr) durchsetzten. Aber waren kommunistische Länder irgendwie besser? Im Grunde waren oder sind sie das Gleiche in Rot. Nur weil die Transparente mit der Aufschrift "Antifaschismus" in dicken roten Lettern versehen sind, wird es nicht zwangsläufig anders. Und heute gibt es wieder Strömungen in der Politik, die - mangels intelligenter Argumente - diese "pseudo-religiöse" Karte spielen und der Nation einen sakralen Anstrich verpassen. Aber vielleicht waren die auch nie weg.

Ich habe das Prinzip nie verstanden - ehrlich - und komme nochmal auf die tolle Ritterrüstung zurück: Wer seine Nationalität wie eine solche hochpolierte Rüstung trägt, der wird irgendwann feststellen, dass diese unbequem, unnütz und völlig überflüssig ist. Im Gegenteil, sie schadet mehr als das sie irgendwie von Nutzen ist. Trotzdem ist dieses nationale Gefühl nicht zu unterschätzen. Als 1999 in den Nachrichten die Meldung kam, dass deutsche Kampfjets sich an Luftschläge gegen feindliche Radarstellungen auf dem Balkan beteiligten, rutschte einem Kollegen spontan der Satz heraus: "Wir sind wieder wer!" Wer schon einmal an einen elektrischen Weidezaun gefasst hat, kann sich in etwa vorstellen, was in diesem Augenblick durch meinen Körper zuckte. Da stand nun ein Kollege, den ich sehr schätzte und mit dem ich immer gut zusammen gearbeitet habe, in seiner hochpolierten Rüstung, das schwarz-rot-goldene Banner hoch im Wind haltend und bei jedem Schritt den er Richtung Kaffemaschine machte, knarschte und knirschte es und letztendlich verschüttete er seinen Kaffee, als er mit seiner Prunkrüstung schäppernd am Türrahmen hängen blieb. Ich verspürte das Verlangen, ihm ein Ölkännchen zu reichen, damit er seine nationalen Schaniere ölen kann. Das macht die Sache nicht einfacher, aber zumindest etwas leiser. Eines ist mal klar, wer in einem solchen System schließlich nicht in diese tollen Rüstungen passt, der wird in der "Endlösung" (ein fürchterliches Wort) eleminiert werden - auch die, die solche Rüstungen einmal richtig schön fanden. Das ist alles natürlich bildlich gesprochen.
Es wäre jetzt völlig falsch, wenn ich aufgrund meiner Erfahrungen, sämtliche staatliche Symbolik oder moderne Staaten ablehnen würde. Staaten bieten im Idealfall Rechtsicherheit, Ordnung und Raum für Innovationen, sofern sie eine funktionierende Gewaltenteilung vorzuweisen haben. Und man wächst in ihnen auf - kennt sich relativ gut aus und fühlt sich bestenfalls in ihnen Zuhause. Darin besteht allerdings auch eine introvertierte Gefahr. Es gibt nämlich Menschen, die anscheinend nie ihre kindliche Phase, in der sich das Kind vor Monstern unter dem Bett fürchtet, verlassen haben. Diese Phase endet in der Regel, wenn das Kind das Grundschulalter erreicht hat. Ich neige dazu, diesen Menschen mit den Worten „Das bildest Du Dir doch bloß ein, da ist nichts!“ entgegen zu treten. Doch das hilft ihnen nichts. Sie selbst sehen und spüren die gefährliche Ungeheuer, die bedrohlichen Räuber in jedem Schatten oder die bösen Ausländer, die Tag für Tag ins eigene Land strömen um alles zu zerstören, was einem Lieb und Teuer ist. Hinzu kommen leider noch die hinzu, die das Monster unterm Bett als Druckmittel oder Drohung verwenden um daraus persönlichen Profit in jeglicher Art zu ziehen.

Dabei ist das, was wir als unseren Staat bezeichnen, nie ein festes Gebinde gewesen und wird es auch nie sein. Die Grenzen des Staates, in denen wir uns bewegen, sind mensch-gemacht, folgen i.d.R. politischen Kalküle oder Folgen unsäglicher Kriege und meistens keine natürlichen Ergebnisse. Und diese Grenzen durchschneiden u.U. jahrhundertealte Kulturräume in denen Menschen zusammen gelebt, Handel betrieben und sich ausgetauscht haben. Und plötzlich sollen sich die Nachfahren als Fremde gegenüberstehen, ja sogar als Feinde, weil sich die Staatenregierungen in weit entfernten Hauptstädten durch Diplomatiefehler in eine solche Situation manövriert haben? Manchmal reicht allerdings auch schon die "Vergabe" eine Names, um das Denken in eine völlig falsche Richtung zu bringen.

In "Zuhause ist ein Raum ..." habe ich bereits beschrieben, wo meine Wiege stand. Je nachdem welchen Abschnitt in der Geschichte man nimmt, könnte man daraus eine Identität ableiten - machbar, allerdings sehr theoretisch und auch falsch. Geboren wurde ich in Sachsen - und damit fängt es schon an, denn den Namen Sachsen hat man einem deutschen Bundesland zu geordnet, das ganz wo anders liegt. Dieses Bundesland war nie Bestandteil des weitaus älteren Stammesherzogtums Sachsen, des Siedlungsraumes des historischen Volkes der Sachsen in Norddeutschland. Davon mal abgesehen, würde ich mich nie als Sachse bezeichnen, weil ich auch gar nicht weiß, wo meine Vorfahren letztendlich herkommen. Nun gut, teilen wir das alte Sachsen, also das richtige - um jetzt so manchen Bewohner des Gebietes an der oberen Mittelelbe, in der südlichen Lausitz und im Erzgebirge u.U. auf die "Palme" zu bringen - in seine Teilstämme auf, so liegt der Ort meiner Geburt in Westfalen. Die Sache mit Sachsen hat nur einen Haken, denn das alte Sachsen stellt als einheitlicher stammesbezogener Herrschaftsbereich lediglich eine „unklare territoriale Begrifflichkeit“ dar, konstruiert auf der Grundlage weltlicher Ordnungsvorstellungen des 19. Jahrhunderts. Trotzdem - und das scheint völlig plausibel - hat sich natürlich im Laufe der weiteren Entwicklung ein Kulturraum entwickelt, der heute noch Einfluss auf das Leben ihres Bewohner hat. Das Gebiet also, in dem ich aufwuchs ist Westfalen - und nicht, wie manche behaupten, "hat mal zu Westfalen gehört" - und grenzt gar nicht weit von meinem Geburtsort an Friesland. Nun mag der sauerländische Westfale stutzen, aber vielleicht ist er auch erfreulich erstaunt, wenn er begreift, dass sein Westfalen bis zu den Friesen reicht. Und nicht nur das, Westfalen reicht auch in die heutigen Niederlande hinein. Aber Nomen est omen, vielen Westniedersachen ist gar nicht so richtig bewusst, dass sie Westfalen sind, denn dem Namen nach, liegt Westfalen ja im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Es ist eben auch ein sehr subjektives Empfinden - und sollte es auch bleiben.

Ein ganz anderer Name lenkt nun zurück auf den Subtitel dieses Textes: "Burgund - eine äußerst subjektive Empfindung". Mit Beginn der achten Schulklasse, wechselte unsere Tochter von einer deutschen Regelschule (d.h. öffentlich-rechtliche) Schule illegal auf eine niederländische Privatschule. Illegal deswegen, weil die Niedersächsische Landesregierung in Hannover es nicht schaffte, einen diesbezüglichen Staatsvertrag mit dem benachbarten Ausland zu verhandeln und abzuschließen. Für die deutschen Behörden bedeutete das nämlich, dass sie die Kontrolle über die Schulpflicht verloren. Wir waren allerdings nicht die einzigen Eltern und wir nahmen diese Gelegeheit war, weil unsererseits nur weit entfernt so ein Schulangebot vorhanden war und daher ohne Internat nicht zu schaffen wäre, während gleich hinter der Staatsgrenze ein solches Angebot in greifbarer Nähe existierte. Eine zeitlang erhielten wir noch Androhungen von Bußgeldern, die wir mit dem Hinweiß, bis vor den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) zu gehen, zurückwiesen. Laut unserer Anwälte hätten wir gute Chancen gehabt, Recht zu bekommen und das wusste anscheinend auch das zuständige Kultusministerium. Außer den Drohungen passierte also nichts.

Heute lebe ich in Luxemburg, sehr gerne sogar und damit in meinem subjektiven Burgund. Verlasse ich mein Haus kann ich nach rechts gehen oder nach links, auch gerade aus ist möglich - ich bleibe in Burgund. Und überquere ich die Grenze nach Belgien oder nach Frankreich oder weiter in die Niederlande - dann bin ich immer noch in Burgund, zusätzlich zu Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden. Zwar liefert mir nun Burgund im speziellen keinen Staat, aber dafür habe ich ja Belgien, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande und aufgrund meines deutschen Passes auch noch Deutschland. Oder wie man möchte: Bürger der Europäischer Union. Und wenn man die Sache genau betrachtet, dann handhaben wir heute im Staatswesen noch Dinge, die einmal in Burgund enstanden sind.