Da mit der Telekom-Bespitzelungs-Affäre ein neuer "Skandal" auf Deutschland zuzurollen scheint, möchte ich über ein Erlebnis schreiben, das mich nun schon einige Wochen beschäftigt.

Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird noch bis Oktober die Ausstellung "Skandale in Deutschland nach 1945" gezeigt. Gleich zu Beginn widmet sich die Ausstellung ausführlich und grundsätzlich dem Phänomen "Skandal", dass er ein Merkmal von Demokratien sei, von freien und unabhängigen Medien und das deshalb Beispiele aus der DDR fehlen.
Sodann werden die einzelne Skandale ausführlich und chronologisch dargestellt und der zeitgeschichtliche Ressonanz- und Empörungsraum skizziert: u.a. die Affäre um Rosemarie Nitribitt und der Skandal um die erste Verfilmung, die "Spiegel-Affäre" und zuletzt die skandalösen Abfindungen im Zuge des Mannesmann-Verkaufes.

Spannende Sache. Beim Hinausgehen werfe ich noch einen Blick ins Gästebuch.

Allen deutlichen Einordnungen und Hinweisen zum Trotz stehen da Kommentare wie: "In der DDR hat es sowas zum Glück nie gegeben"
"Sowas gibt es nur in einer Demokratie"

Diese Litanei der Demokratieverächter hat mich an diesem Ort doch überrascht und entsetzt. Wie groß muss die Wut sein, dass man die Hauptbotschaft der Ausstellung einfach nicht mehr sehen kann oder sehen will: So ärgerlich all diese Schweinereien sind - die Tatsache, dass sie überhaupt aufgedeckt werden gehört zu den kostbarsten (und im Fall der Contergan-Kinder lebensrettenden) Stärken der Demokratie: deren Fähigkeit zur (oft schmerzlichen) Selbstkorrektor.

Aber es lebt sich offenbar bequemer, wenn man von den Sauerein nichts weiß. Wenn man - um ein Beispiel aus der heimatlichen Zeitgeschichte zu bemühen - verdrängt, dass Schülehöfe, Feldwege und die schönen DDR-Neublocks auf Abraummaterial aus dem Uranabbau der Wismut AG gebaut wurden.

Wie kann so eine Blindheit entstehen? Ist das bloß der Rote Star - jene Alterskrankheit, die zu einem chronisch verschwommenen Blick auf die Geschichte führt (siehe auch Brauner Star)? 
Leben nicht gerade heute viele Medien vom Aufdecken vermeintlicher und echter Skandale und Skandälchen?

Genau im letzten Punkt scheint das Problem zu liegen. Die Skandale werden nicht mehr als reinigende und notwendige Selbstkorrektur kommuniziert. Sie werden stattdessen verbunden mit Pauschalverurteilungen über "die Manager", "die Justiz" und "die Politiker".
Das wird wohl immer so gewesen sein - aber ich meine, nie war der Ressonanzraum der Demokratieverachtung in der breiten Bevölkerung so groß.

Ich kann die Wut vieler Menschen verstehen, aber wenn diese Wut nicht immer wieder neu korrekt adressiert und mit dem Kopf kanalisiert wird, dann kann es für eine Gesellschaft gefährlich werden. Nicht dem Verkünder schlechter Nachrichten (im Falle der Demokratie: die Ermöglicherin, schlechte Nachrichten überhaupt zu verkünden) gebühren Wut und Empörung, sondern dem Verursacher.