Doris und Alex Published on May 30, 2008
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Demokratie und Skandal / Demokratie als Skandal

Friday May 30, 2008 at 12:01PM

Da mit der Telekom-Bespitzelungs-Affäre ein neuer "Skandal" auf Deutschland zuzurollen scheint, möchte ich über ein Erlebnis schreiben, das mich nun schon einige Wochen beschäftigt.

Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird noch bis Oktober die Ausstellung "Skandale in Deutschland nach 1945" gezeigt. Gleich zu Beginn widmet sich die Ausstellung ausführlich und grundsätzlich dem Phänomen "Skandal", dass er ein Merkmal von Demokratien sei, von freien und unabhängigen Medien und das deshalb Beispiele aus der DDR fehlen.
Sodann werden die einzelne Skandale ausführlich und chronologisch dargestellt und der zeitgeschichtliche Ressonanz- und Empörungsraum skizziert: u.a. die Affäre um Rosemarie Nitribitt und der Skandal um die erste Verfilmung, die "Spiegel-Affäre" und zuletzt die skandalösen Abfindungen im Zuge des Mannesmann-Verkaufes.

Spannende Sache. Beim Hinausgehen werfe ich noch einen Blick ins Gästebuch.

Allen deutlichen Einordnungen und Hinweisen zum Trotz stehen da Kommentare wie: "In der DDR hat es sowas zum Glück nie gegeben"
"Sowas gibt es nur in einer Demokratie"

Diese Litanei der Demokratieverächter hat mich an diesem Ort doch überrascht und entsetzt. Wie groß muss die Wut sein, dass man die Hauptbotschaft der Ausstellung einfach nicht mehr sehen kann oder sehen will: So ärgerlich all diese Schweinereien sind - die Tatsache, dass sie überhaupt aufgedeckt werden gehört zu den kostbarsten (und im Fall der Contergan-Kinder lebensrettenden) Stärken der Demokratie: deren Fähigkeit zur (oft schmerzlichen) Selbstkorrektor.

Aber es lebt sich offenbar bequemer, wenn man von den Sauerein nichts weiß. Wenn man - um ein Beispiel aus der heimatlichen Zeitgeschichte zu bemühen - verdrängt, dass Schülehöfe, Feldwege und die schönen DDR-Neublocks auf Abraummaterial aus dem Uranabbau der Wismut AG gebaut wurden.

Wie kann so eine Blindheit entstehen? Ist das bloß der Rote Star - jene Alterskrankheit, die zu einem chronisch verschwommenen Blick auf die Geschichte führt (siehe auch Brauner Star)? 
Leben nicht gerade heute viele Medien vom Aufdecken vermeintlicher und echter Skandale und Skandälchen?

Genau im letzten Punkt scheint das Problem zu liegen. Die Skandale werden nicht mehr als reinigende und notwendige Selbstkorrektur kommuniziert. Sie werden stattdessen verbunden mit Pauschalverurteilungen über "die Manager", "die Justiz" und "die Politiker".
Das wird wohl immer so gewesen sein - aber ich meine, nie war der Ressonanzraum der Demokratieverachtung in der breiten Bevölkerung so groß.

Ich kann die Wut vieler Menschen verstehen, aber wenn diese Wut nicht immer wieder neu korrekt adressiert und mit dem Kopf kanalisiert wird, dann kann es für eine Gesellschaft gefährlich werden. Nicht dem Verkünder schlechter Nachrichten (im Falle der Demokratie: die Ermöglicherin, schlechte Nachrichten überhaupt zu verkünden) gebühren Wut und Empörung, sondern dem Verursacher.

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3 Comments / add your comment?

Rasch2000pro says:
"Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt,
macht ihren Dreck deutlicher.“
Karlheinz Deschner

"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat."
Carl von Ossietzky
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
Gerhardpro says:
Klar hätte es in der DDR natürlich keinen Herrn Zumwinkel mit Millionen in Lichtenstein gegeben. Die Millionen wären zwar auch dort gelandet, doch die Partei hätte verhindert, das der Skandal publik wird.

Übrigens sind ja auch einige SED Millionen vermutlich in Lichtenstein versickert. Wohl auch ein Grund warum "Die Linke" im Fall Zumwinkel so schweigsam war.

Vielleicht überlegen sich mal Altgenossen, dass es ihr Geld war von dem ihr Genosse Devisenbeschaffer seine Villa an einem bayrischen See kaufte. Was ja auch kein Skandal der DDR war... der Skandal wurde ja erst in der Demokratie ruchbar. Wie so viele Skandale der DDR?

Aber so was gab es ja in der DDR nicht.

--
Seen in whoelse home page (?)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )
mesipluspro says:
Der Rote Star befällt vor allem Leute über fünfzig. Fast zwanzig Jahre nach der Wende ist die verklärte Sichtweise und Sehnsucht nach der guten alten DDR unerträglich.
Die einen sehen extrem Rot die anderen mächtig Braun.
Sind wir Ostdeutschen demokratiefähig?

--
Coming from a user's blog (?)
Posted 17 months ago. ( permalink / translate )

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