Stasi-Opfer Sabine Popp aus Neumark im Vogtland äußert sich erstmals öffentlich über Protest, Verrat und einen dreisten Terrorismus-Vorwurf



Wer die Gärtnerei der Neumarkerin Sabine Popp besucht, ahnt nicht, welche Einschnitte die Eigentümer-Familie erleben musste. Beide Töchter wurden durch IM "Schuberts" Verrat im Jahr 1980 festgenommen, zu Haftstrafen verurteilt und später vom Westen freigekauft. Bis heute beeinträchtigen Diffamierungen der Stasi ihr Leben. Ulrich Riedel sprach darüber mit Sabine Popp.


Freie Presse: Sie sind 1980 als damals 19-Jährige zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Sie waren die Hauptangeklagte des OV "Landstraße". Was war Ihr Verbrechen?


Sabine Popp: Wünsche. Es waren meine Wünsche und Träume, die ich mit Auto-Reparaturlack auf die Straße gesprüht habe. Der größte Spruch war 13 Meter breit. Meine Eltern hatten eine private Gärtnerei: Grund genug, um mir und meiner Schwester Steine in den Weg zu legen. Ich durfte beispielsweise trotz sehr guter Schulnoten kein Abitur machen.


Freie Presse: Sie sagen Wünsche. "Freiheit statt Sozialismus" - darin sah die Stasi staatsfeindliche Hetze. Warum diese Art von Protest-Graffiti?


Popp: Wir zogen damals auf die Dörfer hinaus zum Tanz, so um die zehn Jugendliche, alle in meinem Alter. Nach Jocketa, nach Reuth. Wir hatten Spaß, aber es gab ja auch so viel Einengendes, so viele Widersprüche. Ich habe nie lauthals diskutiert, aber ich wollte aufrütteln. Wenn sie alle vom Tanz kamen, sollten sie die Aufrufe sehen und nachdenken.

Freie Presse: Ein stiller Protest.

Popp: Genau. Ein stiller Protest.


Freie Presse: Waren Sie dabei allein?

Popp: Mein damaliger Freund Andreas G. war dabei. Er hätte alles für mich getan. Wenn ich sagte "Lass uns eine Runde drehen", wusste er schon, was ich wollte.

Freie Presse: Wie viele Runden haben Sie gedreht, bis Sie aufflogen?

Popp: Viele. Es ging zwei Jahre lang gut. Eines Abends auf dem Heimweg vom Tanz waren Holm S. und ich die letzten aus unserer Clique. Ich habe ihm ein paar Sachen erzählt. Bis heute weiß ich nicht genau, warum. Naja, am nächsten Morgen klingelten zwei Männer bei uns zu Hause wegen der Klärung eines Sachverhalts. Ich wusste sofort, was die meinten. Draußen im Auto saß ein dritter Mann, Holm wartete auch. Es ging dann in die Cunsdorfer Villa (damaliger Sitz der Stasi-Kreisdienststelle Reichenbach/Anm. der Red.). Noch an diesem Tag haben sie mich nach Karl-Marx-Stadt auf den Kaßberg gebracht. Es gab Verhöre, Verhöre, Verhöre, auch nachts. Und Einzelhaft.

Freie Presse: Sie waren sehr jung. Wie sind Sie mit dieser Situation zurechtgekommen?

Popp: Wenn sich Jugendliche auflehnen, ist das normal. Die Reaktion in unserem Fall war aber maßlos. Eine Woche Haft hätte gereicht, aber die haben uns lange eingesperrt. Ich saß sieben Monate in Untersuchungshaft und wurde dann zu fünf Jahren Haft und 2000 Mark Geldstrafe verurteilt. Ich war überhaupt nicht der Feind, den die Stasi aus mir gemacht hat. Vielleicht brauchten sie einen solchen "Erfolg", um andere einzuschüchtern.

Freie Presse: Die Stasi hat Ihnen auch versuchten unerlaubten Grenzübertritt vorgeworfen. Wieso?

Popp: Wir sind getrampt, und zwei schwedische Fernfahrern haben uns mitgenommen. Mehr war da nicht.

Freie Presse: Sie sagen wir, also auch Ihre Schwester. Warum ist sie zu zwei Jahren Haft verurteilt worden?

Popp: Sieglinde hatte es irgendwann mitbekommen, dass ich die Sprüche auf die Straße sprühte. Sie hat mich natürlich nicht verraten, und das bedeutete Mitwisserschaft und Beihilfe zu staatsfeindlicher Hetze. Sie hat nichts gemacht, wurde aber ins Gefängnis gesteckt. Das tut mir bis heute am meisten leid.

Freie Presse: Der von Holm S. beauftragte Rechtsanwalt Thomas Höllrich hat vor kurzem erklärt, Sie hätten Sprengstoff gebastelt und einen Anschlag auf das Zwickauer Kino geplant. Sie seien quasi Terroristen.

Popp: Das ärgert mich sehr. Er hat das nicht aus Versehen gesagt, sondern in einem Schreiben ans Gericht erklärt. Niemand von uns ist nach den Terror-Paragrafen angeklagt oder verurteilt worden. Es waren politische Urteile, und wir sind alle vollständig rehabilitiert.

Freie Presse: Nach der Hälfte der Haftzeit, im Jahr 1982, wurden Sie freigekauft. Wie fühlte sich der Westen an?

Popp: Einerseits wunderbar. Endlich frei. Andererseits war klar: kein Neumark mehr, kein Reichenbach, keine Mama, kein Papa. Die beiden haben gelitten in diesen Jahren. Man hat sie nicht informiert, und jeder Kontakt zu uns war verboten. Sie hatten ihre Kinder verloren.

Freie Presse: Sie sind nicht zu Ihrem Freund Andreas nach Stuttgart gezogen, sondern zu Sieglinde nach Frankfurt. Warum?

Popp: Ach, ich habe mich Sieglinde gegenüber schuldig gefühlt. Ich konnte sie nicht im Stich lassen. Das war eine weitreichende Entscheidung. Die ist aber so gefallen.

Freie Presse: Sie sind nach der Wende wieder nach Neumark zurückgekehrt. Wie war das?

Popp: Die Jahre in Frankfurt waren die schönsten. Das Leben war dort recht unbeschwert. Aber meine Eltern haben Hilfe gebraucht, und ich habe die Gärtnerei übernommen. Manche Leute im Ort verhielten sich Jahre lang seltsam, doch seit unsere Geschichte jetzt mehr und mehr bekannt wird, bessert sich die Lage.

Freie Presse: Wie das?

Popp: Die Stasi hat seinerzeit Gerüchte gestreut, wir seien reaktionär, sogar in die braune Ecke wollten die uns schieben. Und das wirkt bis heute nach. Jetzt kommen Nachbarn und sagen: Was damals geschah, das haben wir alles gar nicht gewusst.

Freie Presse: IM "Schubert" soll bei Ihrem Vater aufgekreuzt sein und ihn gewarnt haben, Sie sollten nicht an die Öffentlichkeit treten.

Popp: Dazu möchte ich nichts sagen. Den Trubel um Holm habe ich allerdings genau verfolgt und wusste irgendwann: Ja, es geht tatsächlich um unsere Geschichte.

Freie Presse: Der Anwalt von Holm S. hat in Bezug auf die Berichterstattung in den Medien das Wort "Pogrom-Stimmung" verwendet.

Popp: Unglaublich. Diesen Leuten ist jedes Mittel recht. Es wird heute noch mit Stasi-Methoden gearbeitet. Sie verdrehen die Tatsachen. Niemand hat Holm S. verfolgt. Er hatte nichts zu leiden.

Freie Presse: Sie sind jetzt gefragt. Überregionale Medien wie "Der Spiegel" wollen mit Ihnen reden. Sie äußern sich aber in der "Freien Presse". Warum?

Popp: Ich lebe hier. Hier muss unsere Geschichte bekannt werden. Ich fühle mich absurderweise heute immer noch irgendwie schuldig. Aber die Aufarbeitung tut mir gut.